Ich bin beleidigt, Herr Wulff.
03/01/2012
Es hätte so schön sein können, Herr Wulff. Sie hätten beschauliche Feiertage, ein zukunftsfrohes Neujahr, einen schlagzeilenlosen Januar haben können. Und ich hätte eine beschwingte Weihnachtsansprache halten dürfen, auf die ich mich so schon intensiv vorbereitet hatte. Aber Sie mussten mir ja alles vermasseln. Sind einfach im Schloss geblieben.
Und wofür?
Dafür, dass Sie eine Woche später zurücktreten.
Also für nüscht.
Von Kuweit aus, wo Sie die Presse- und Meinungsfreiheit als “beste Grundlage für erfolgreiche gesellschaftliche Entwicklung” bezeichnet hatten, riefen Sie im Dezember Ihren alten Freund Herrn Diekmann von der BILD-Zeitung an und erzählten ihm, – knapp gesagt – dass er einen kleinen italienischen Fluss überquert habe. Später hatten Sie wohl auch noch Mathias Döpfner und Friede Springer am Hörer.
Das war relativ ziemlich ungeschickt von Ihnen. Die SZ denkt nun, dass Amt sei “zu groß” und Sie bloß ein “Landrat von Osnabrück”, die Zeit verabschiedet Sie mit “Das war’s“, die vorsichtigen Menschen von der Tagesschau halten Sie für “merkwürdig“, der Spiegel attestiert Ihnen Kontrollverlust, “von allen guten Geistern verlassen” wähnt sie die FAZ, die taz befand schon einen Tag vorher, sie hätten Ihren “Kredit verspielt“, DerWesten will das Amt gar vor seinem Inhaber beschützen und die Frankfurter Rundschau bemisst: “Dieser Präsident ist zu klein für sein Amt.”
Mit anderen Worten: Sie haben vollkommen sinnlos und zu unser beider Nachteil eine ganze Woche lang dieses schöne Schloss okkupiert, in dem ich so gerne meine Weihnachtsansprache gehalten hätte und werden wohl trotzdem morgen oder übermorgen ins mittlerweile normal verzinste Eigenheim zurückziehen müssen. Das werde ich Ihnen nicht verzeihen, Herr Wulff.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
22/12/2011
als Bürger der Bundesrepublik Deutschland, als Menschen dieser zunehmend sowohl in Freud als auch in Leid geeinten Welt, begehen wir alle Fehler.
Viele von uns stehen dazu. Manche früher, manche später.
Und dann gibt es Christian “Es tut mir leid” Wulff.
Man mag es freiherrlich nennen, wie der Noch-Bundespräsident darüber hinweg schweigt, dass er möglicherweise den niedersächsischen Landtag getäuscht hat. Auch unklug und unsensibel.
Aber nun ist ja bald Weihnachten, das Fest der Ruhe und Besinnlichkeit. Daher, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, möchte ich vorschlagen, Christian Wulff seine kleinbürgerliche Abgeschiedenheit in großbürgerlichem Ambiente irgendwo in den USA, Italien, in Spanien oder auf Norderney zu gönnen. Entbinden wir ihn von der unsäglichen Pflicht, einem Volk von Vollzinszahlern im Gouvernantenton von Demut, Anstand und Aufrichtigkeit erzählen zu müssen.
Ja, werden manchen von Ihnen sagen, das ist eine gute Idee. Aber wer soll denn dann die Weihnachtsansprache halten? Etwa Horst Seehofer? Kann der überhaupt Hochdeutsch?
Nein, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, so verzweifelt sind wir trotz Eurokrise, FDP-Auflösung und der verpassten Titelverteidigung der Fußballnationalfrauschaft nun doch nicht. In schweren Zeiten wie dieser muss ein jeder für sein Land das tun, was er am besten kann. Herr Rösler und Frau Schröder tun daher nichts, während ich, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Weihnachtsansprache halten werde. Mit tadelloser Frisur, aufrechter Haltung und ernsthafter Überzeugung werde ich Ihnen mahnende, aber auch aufmunternde Worte sagen, die sich wie Baldrian über Ihre Sorgen legen und am nächsten Tage schon vergessen sein werden. Worte über den Zustand unserer Demokratie, unserer Politik, unserer Wirtschaft, unseres Miteinanders.
Ich werde sagen, dass Politik die Menschen nicht nur mitnehmen muss, sondern sich von ihnen auch mitnehmen lassen müsse. Ich werde so tun als hätte ich von Finanzwirtschaft Ahnung und irgendwas zum Vertrauen sagen, dass nicht nur die Märkte in uns, sondern auch wir in uns selbst haben müssen. Und ich werde eine integrative Ansprache halten, die sich auch zu den in der Bundesrepublik Deutschland lebenden kulturellen und religiösen Minderheiten bekennen wird. Ja, ich werde verkünden, dass auch der Jediismus Teil unserer Nation, unserer Kultur, unserer Kulturnation ist.
Und dann werde ich Ihnen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger – ob jung oder alt, klein oder groß, hoch- oder niedrigverzinst, ob aus Hannover oder Osnabrück – ein besinnliches und ein zukunftsfrohes Weihnachtsfest wünschen.
Auch Ihnen, Christian Wulff.
Aber verzeihen Sie mir, wenn ich dabei die Mundwinkel zu einem leichten Grinsen verziehe. Noch nicht so geübt in der Kunst der öffentlichen Täuschung ich bin.
Kalkül der Affekte
01/11/2011
Die Weltpresse rätselt heute über die Beweggründe des griechischen Ministerpräsidenten Giorgos Papandreou, sein Wahlvolk über die gerade beschlossenen Maßnahmen der EU zur Rettung des hochverschuldeten Eurolands abstimmen zu lassen. Auf einen 50-prozentigen Schuldenschnitt, eine dadurch notwendige Erhöhung der Kernkapitalquote systemrelevanter Banken auf 9% sowie eine Hebelung des Eurorettungsschirms EFSF hatten sich die Euroländer erst in der letzten Woche geeinigt. Dann kam Papandreou.
Zuerst lässt er im Parlament die Vertrauensfrage stellen – die zu bestehen für ihn recht ungewiss ist – und bittet dann das Volk zur Wahlurne. Ist das Amtsmüdigkeit? Politischer Selbstmord? Resignation? Der DAX rauscht jedenfalls momentan um vier Prozent nach unten [Tagesende: -5%], der Euro verliert bald zwei Cent [Tagesende: -3%] auf den Dollar. Und Papandreou ist der Schuldige.
Die Verunsicherung von Medien, Politik und Finanzmärkten leitet sich aus dem festen Glauben ab, die Griechen würden den EU-Beschlüssen nicht zustimmen. Da diese mit neuen Sparmaßnahmen verbunden sind, ist die Annahme nicht ganz unplausibel. Zur Folge hätte ein negatives Votum wohl das Ende der griechischen Mitgliedschaft im Euro-Raum und damit den Staatsbankrott. Diesen gilt es aus Sicht der anderen EU-Länder vor allem deshalb zu verhindern, weil seine Konsequenzen unabschätzbar sind: Vielleicht wird die Lage nach einem griechischen Reboot eh nicht so schlimm. Oder nur für kurze Zeit. Oder aber die griechische Pleite reißt ein paar Banken mit, zieht eine Finanz- und Wirtschaftskrise nach sich, treibt Spekulationen gegen Italien, Spanien und Portugal an und pulverisiert dadurch letztlich doch den gesamten Euro. Das alles weiß man nicht (und kann es auch gar nicht wissen). Diese Ungewissheit ist aber das schlagendste Argument dafür, einen griechischen Staatsbankrott um fast jeden Preis zu verhindern. Denn Politik ist kein Pokerspiel.
Aber zurück zu Papandreou: Aus der Außenperspektive der anderen Euro-Staaten hat der Premier derzeit vor allem eine Aufgabe – die Regierung der Staatsverschuldung. Aus der griechischen Innenperspektive ergibt sich jedoch ein weiteres Feld: Die Regierung der Bevölkerung. Die torpediert bekanntlich durch Streiks und Demonstrationen beharrlich die drastischen Sparmaßnahmen. Und das kann man ihr – trotz aller Berichte über quasi-kollektiven Steuerbetrug – auch nicht so richtig übel nehmen. Würde Papandreou wie bisher Sparpaket um Sparpaket beschließen lassen – er liefe Gefahr, die Unzufriedenheit im Land noch weiter zu schüren und somit dessen politische Stabilität zu gefährden.
Vor diesem Hintergrund ist sein Schachzug dann fast schon brillant: Denn eine Zustimmung der Griechen zu diesen Maßnahmen, würde – so dürfte das Kalkül sein – Proteste und Streiks abflauen lassen, die innenpolitische Lage beruhigen. Und auf dem Tablett, das die Euro-Staaten Griechenland reichen, liegen immerhin die bislang reichsten Gaben zur Euro-Rettung. Schlägt man diese aus – so wird Papandreou es wohl verkaufen – droht unkalkulierbares Chaos. Und zwar zunächst in Griechenland selbst. Die Wahl, vor die Papandreou die Griechen stellt, besteht darin, zähneknirschend ein vergiftetes Geschenks anzunehmen oder es unwiederbringlich und mit allen möglichen Konsequenzen auszuschlagen.
Es ist die Wahl zwischen Ohnmacht und Angst. Die Chancen, dass sie im Sinne Papandreous ausfällt, stehen wohl nicht so schlecht wie bislang gemutmaßt wird.
Welt Online hat sein Hirn nicht im Griff
22/05/2011
In einem Land, in dem große Unternehmen wirtschaftlichen Erfolg mit sexueller (maskuliner) Verfügungsgewalt über weibliche Körper belohnen, die wie Viehgut markiert und gestempelt werden – und diese real gewordenen Phantasien von Omnipotenz auch noch in der hausinternen Zeitschrift schwülstig ausstellen – mutet es wenig verwunderlich an, dass die schreibende Zunft in ihrer Berichterstattung ungefähr so viel Sensibilität für den Zusammenhang von Sexualität, Macht und Gewalt beweist wie die Ergo-Versicherung (damals: Hamburger Mannheimer) für die angemessene Verwendung der Gelder ihrer Kunden.
Nachdem sich schon sueddeutsche.de unrühmlich bei der Einordnung der Vorwürfe gegen Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hervorgetan hatte, steigt nun auch WELT Online mit Klickstrecke und, ähm, “Artikel” massiv in den Wettbewerb um die mieseste journalistische Leistung zum Thema ein.
Unter dem notorischen Schlagwort “Sexskandale” prangt dort als Ausfluss intellektueller Inkontinenz die Überschrift “Diese Politiker haben ihre Triebe nicht im Griff” – eine Ist-Formulierung, die im Kontext der Strauss-Kahn-Vorwürfe (mutmaßlicher Tatbestand: versuchte Vergewaltigung; Welt.de spricht merkwürdigerweise von “sexueller Belästigung”) bereits irreführend ist. Angefangen bei “Triebtäter” Berlusconi (mutmaßlicher Tatbestand: Geschlechtsverkehr mit einer minderjährigen Prostituierten) bahnt dieser krude Zusammenschnitt seinen Weg über die Clinton-Affäre (Tatbestand: öffentliche Lüge), eine von den Formulierungen her tendenziell antisemitische (“Vielleicht spielt ein gewisser Machismus in Israel seit jeher schon deshalb eine nicht unerhebliche Rolle, weil…”) Aneinanderreihung israelischer Politiker (Tatbestände: sexuelle Belästigung, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung) den mexikanischen “Schürzenjäger” Miguel Alemán Valdés (der nach dem Tod seiner Gattin die Frau seines Bruders heiratete, ergo Tatbestand: ?), den Präsidenten Nicaraguas Daniel Ortega (mutmaßliche Vergewaltigung), den Präsidenten Südafrikas Jacob Zuma (Vorwurf: Vergewaltigung [Freispruch]) bis zu Anwar Ibrahim, einem Politiker aus Malaysia, der wegen angeblicher Homosexualität (in Malaysia strafbar) im Gefängnis saß.
Was diese Fälle gemeinsam haben? Nichts. Außer der biologistischen, in Bezug auf Sex und sexualisierte Gewalt indifferenten und nicht zuletzt homophoben Darstellung von Welt Online, die ein Opfer diskriminierender Gesetze und verurteilte Vergewaltiger auf eine Stufe hebt. Darin bricht sich ein muffiges Bild von Sexualität Bahn, für dessen angebliche Überwindung sich die gleichen Blätter im Namen des “Westens” stets zu rühmen bemühen: Der bloße Verweis auf Geschlechtlichkeit wird hier in den Bereich des Animalisch-Anrüchigen, der “Affären” und “Skandale” gerückt, die mit einem pornografisch motivierten Blick in die öffentliche Wahrnehmung gerückt werden.
Die Geilheit, die Welt.de – freilich nicht als einziges Medium – hier sucht, ist jedoch letztlich nicht mehr als die piefige Geilheit der eigenen “journalistischen” Perspektive.
Die Gürtellinie des Journalismus
15/05/2011
Gäbe es eine publizistische Gürtellinie, die kopflastigen Qualitätsjournalismus von anrüchigem Boulevardgeschreibsel trennen würde – der Online-Auftritt der Süddeutschen Zeitung läge seit heute nachmittag eindeutig irgendwo zwischen Knöchel und Knie.
In einem Kommentar, der bereits durch seine Überschrift “Schwachpunkt Genitalbereich” ins Boulevardeske driftet, widmet sich der Pariser Korrespondent der angesehen Zeitung, Michael Kläsgen, den innenpolitischen Folgen der Vorwürfe gegen den amtierenden IWF-Chef und wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidaten der französischen Sozialisten, Dominique Strauss-Kahn. Der 62-Jährige soll in einem New Yorker Hotel versucht haben, eine Angestellte zu vergewaltigen und wurde daraufhin von der US-Polizei am Flughafen John F. Kennedy verhaftet.
Dass die Vorwürfe – ungeachtet ihres von Gerichten zu bestimmenden Wahrheitsgehalts – alleine schon ausreichen, die französische Politiklandschaft nachhaltig zu erschüttern, das versucht Kläsgen in seinem Text zu analysieren. Merkwürdig ist daran jedoch schon, dass er sich ideologiekritisch sogleich kruden Verschwörungstheorien widmet, die ganz explizit von einer Unschuld des Politikers ausgehen: Das “Zimmermädchen” erscheint darin nämlich weniger als Opfer, sondern als Prostituierte, die auf Geheiß von Strauss-Kahns politischen Gegner diesen verführt haben könnte. “Unwahrscheinlich”, nennt der Kommentator dies. Umso fraglicher aber ist es, warum er sich mit diesem, mit dem Klischee der Käuflichkeit weiblicher Sexualität spielenden Gewäsch, für das es keinerlei Indizien gibt, überhaupt abgibt.
Wer den Artikel aufmerksam liest, der wird jedoch zum Schluss kommen, dass diese Unterstellung keine einmalige Entgleisung darstellt. Biologistische Argumentationen haben hier nämlich Methode.
Ganz nebenbei wird aus dem Vorwurf der versuchten Vergewaltigung so eine “Sex-Affäre”, “Sex-Geschichte” oder ganz verschwurbelt “diese Sache da”. Dass zum Sex die Einwilligung beider Seiten gehört, scheint weder im Pariser Korrespondenten-Büro noch in den Münchener Redaktionsräumen angekommen zu sein. (In einem weiteren Artikel von SZ Online war gar von einer “Sex-Attacke” zu lesen, was noch paradoxer klingt, aber das klickträchtige Wort mit den drei Buchstaben mit sich führt.)
Noch ekliger wird der Artikel aber erst dort, wo er über die Motivation des französischen Politiker Mutmaßungen anstellt: “Geilheit”, “Hormone”, “triebgesteuert”. Von so einem antiquierten Männerbild war in einer liberalen Zeitung schon lange nicht mehr zu lesen. Vergewaltigung, so die Schlussfolgerung, ist dann nämlich ein Akt, der in der männlichen Biologie verwurzelt ist und nur durch Zivilisierungskräfte gebändigt werden kann. Unterschwellig legitimiert als natürlicher Akt ist er damit aber allemal. Männliche Sexualität wäre dann von Natur aus vergewaltigend, dem Weiblichen kommt im Text entsprechend nur die Rolle als Reizauslöser zu.
Dass man mehr Komplexität der Leserschaft nicht zugetraut – dieses Boulevard-Argument greift hier freilich nicht: Der Brachial-Biologismus von süddeutsche.de wurzelt in vorsätzlicher Denkfaulheit.
Update 20.5.: Im Kommentarbereich des sueddeutsche.de-Artikels sind zahlreiche Proteste gegen den Artikel (und wenige Fürsprachen) eingegangen. Dort wird richtigerweise auch darauf hingewiesen, dass es sich bei der Strauss-Kahn zugeschriebenen “Geilheit” um eine ziemlich perfide Vorverurteilung handelt, die zwar nicht die Tat, immerhin aber das Motiv als gegeben hinnimmt. Die Redaktion hat freilich keinen Gedanken daran verschwendet, den Text so umzuschreiben, dass er journalistische Mindeststandards einhalten würde. Weder vom Autor noch von der Redaktion findet sich gar irgendeine Stellungnahme – was viel über das Interaktivitätsverständnis des Blattes verrät.
Die BILD – wohl in panischer Reaktion auf die neue Konkurrenz – hat jedoch mittlerweile bewiesen, dass sie das Feld des Boulevardesken immer noch besser zu bespielen weiß als die Amateur-Kollegen aus München.
Noch heute mutet es verwunderlich an, wie drastisch sich die Finanzmärkte in den 1980er-Jahren gewandelt haben. Gab es 1970 in den USA gerade einmal zehn Firmenübernahmen und -fusionen mit einem Volumen von über einer Million US-Dollar, so betrug deren Anzahl 1986 bereits 346. Morgan Stanley, die damals führende Investmentbank der Wall Street, führte allein im Jahr 1984 Transaktionen im Wert von 52 Milliarden Dollar durch – eine Versechsfachung des Volumens innerhalb von zwei Jahren. Die Banken, für die sich das traditionelle Kreditgeschäft aufgrund zunehmenden – teilweise durch geänderte Rechtsgrundlagen forcierten – Wettbewerbs immer weniger lohnte, transformierten binnen weniger Jahre ihre Geschäftsgrundlage vollständig: Anstatt Unternehmen bei der Expansion ihrer Produktion durch Geldbeschaffung zu helfen, verlagerten sie sich darauf, Unternehmen neue Eigentümer zu verschaffen. Ob die es wollten oder nicht.
In den 80ern wird damit auch die Figur des Corporate Raiders (in Müntefering-Deutsch: Heuschrecke) an der Wall Street omnipräsent. Angetrieben durch Bankhäuser, die ihren Profit nur maximieren konnten, indem sie möglichst viele Fusionen und Übernahmen bewerkstelligten (egal, ob dies für die beteiligten Firmen tatsächlich Vorteile hatte), wurde diese einst marginaliserte Figur plötzlich zum Gravitationszentrum der Finanzmärkte. Durch das gigantische Volumen der von ihnen betreuten und immer wieder von Skandalen begleiteten Transaktionen wurden Finanziers wie Michael Milken, Bob Greenhill und T. Boone Pickens zu veritablen Takeover-Stars, die der Wall Street ein zwiespältiges öffentliches Gesicht gaben. Ende 1987, dem Jahr des Black Monday, erscheint dann Oliver Stones Film Wall Street, in dem der von Michael Douglas gespielte Raider Gordon Gekko den neuen Ethos des Börsenkapitalismus auf den Punkt bringt: “Greed is good”.
Weitaus weniger beachtet als Stones (allzu) dezidiert kritisches Finanzdrama, an dessen Ende die Protagonisten wegen Kursmanipulationen und Insiderhandel ins Gefängnis wandern, ist der Umstand, dass die erfolgreichste romantische Komödie dieser Jahre, Garry Marshalls “Pretty Woman” (1990), ihren amourösen Kitsch entlang einer ganz ähnlichen Story entwickelt: Das Herz der schönen Vivian (Julia Roberts), die sich von der Prostituierten zur Lady entwickelt, erobert Geschäftsmann Edward Lewis (Richard Gere) nur, indem er sich vom zwielichtigen Corporate Raider zum Unternehmer/Investor alter Schule wandelt. “Pretty Woman” portraitiert daher die doppelte Geschichte eines – nicht wirklich häßlichen, aber zumindest armen – Entleins, aus dem recht schnell und vorhersehbar ein schöner Schwan schlüpft sowie eines skrupellosen Finanzhais, dessen destruktive Geschäftsenergie die zivilisatorische Kraft der Liebe produktiv werden lässt.
Der Film ist erbarmungslos unpräzise, was die finanziellen Details angeht, aber da er die Figur des Corporate Raiders dezidiert aufruft, braucht er sie vielleicht auch gar nicht mehr zu explizieren: Edward Lewis ist Eigentümer des Unternehmens Lewis Enterprises, das in Schwierigkeiten geratene Industrie-Unternehmen feindlich übernimmt und liquidiert, d.h. die Unternehmensteile separat und mit Gewinn verkauft. Konkretes Ziel hier ist ein familiär geführter Schiffsfabrikant und die Übernahme erscheint umso verwerflicher, weil Lewis nur durch seinen politischen Einfluss einen bedeutenden Navy-Auftrag – temporär – vereitelt und die Firma somit allererst in Existenznöte bringt. Das Thema der Defamiliarisierung ist dabei noch mal gedoppelt, insofern Lewis – wie er Vivian gesteht – die Firma seines eigenen Vaters ebenfalls feindlich übernommen und liquidiert hatte. Die Ökonomie ist ödipal geworden.
Üblicherweise akquiriert bei solchen feindlichen Übernahmen jedoch nicht die Mutterfirma – hier: Lewis Enterprises – direkt die Firma, sondern wickelt das Geschäft über eine Holding-Gesellschaft ab, in die sie selbst zu Risikominimierung nur einen Teil des benötigten Kapitals einzahlt und den Rest über Kredite von Banken oder anderer Investoren einwirbt. Man spricht dann von einem Leveraged Buyout (LBO), einer fremdfinanzierten Übernahme. Um die Kredite zu tilgen, muss die hochverschuldete Holding nach Erwerb des Zielunternehmens dessen Teile mit einem so hohen Gewinn verkaufen, dass einerseits die Kredite plus Zinsen zurückgezahlt werden können und gleichzeitig eine Profitmarge für das eigene investierte Kapital übrig bleibt. Am Ende des Films wird Lewis genau dies nicht tun: Zwar ist die Übernahme erfolgreich, jedoch tritt er nun als White Knight, als freundlicher Investor auf, der als Mit-Unternehmer die Firma weiterführen will. Und erst nach dieser Umstülpung des eigenen Geschäftsmodells wird er auch den Mut finden, für Prinzessin Vivian den mit Rosen bestückten Ritter zu spielen, der auf seiner weißen Limousine angeritten kommt, um Cinderella in unermesslichen Wohlstand zu retten.
Der Film verleugnet im – sowohl am Anfang als auch am Ende platzierten – Verweis auf Hollywood als den Ort, an dem Träume wirklich werden, dabei konsequent, wie wenig Wandlung er seinen Protagonisten eigentlich zugesteht. Vivian mag zwar billig angezogen sein, ihre besondere Schönheit stellt der Film jedoch schon aus, während sie noch auf den Strich geht – und auch das tut sie nur mit gehöriger Distanz und Widerwillen. Gleichsam ist Edward Lewis wahrlich nicht der wahrscheinlichste Typus eines Corporate Raiders, sondern vielmehr britischer Gentleman, der die Statussymbole der Aristokratie (Polo; vornehmes, aber nicht verschwenderisch luxuriöses Hotel; französisches Restaurant, etc.) bevorzugt, mit dem geliehenen Lotus-Sportwagen – dem Statussymbol der neureichen Wall Street-Banker – nicht zurecht kommt und zudem das eigene Empfindungsvermögen in der Oper kultiviert. Eben der Opernbesuch (“La Traviata”) wird dabei auch zum entscheidenden Test für Vivian, den sie besteht, weil sie das bürgerliche Genießen der eigenen Sentimentalität einverseelt.
Die achso märchenhafte Transformationen der Charaktere erweist sich damit als Reaktivierung des Ursprünglichen, als Zähmung oberflächlicher Auswüchse: Aus Vivian wird die feinsinnige Dame, die in jeder Frau – zumindest in jeder schönen – schlummert und aus Edward der Edelmann, der er ohnehin schon war. Er hatte s gewissermaßen nur vergessen.
Gehegt wird dabei auch ein Exzess des Männlichen, der im Versuch von Edwards Geschäftspartner Stuckey kulminiert, Vivian zu vergewaltigen. Eben Lotus-Besitzer Stuckey ist es aber auch, der die Liquidierung der Werft gnadenlos durchziehen möchte. So wie die Exzesse einer veräußerbaren weiblichen Sexualität durch die Paarbeziehung gebremst werden, so zähmt die Liebe auch eine rohe Männlichkeit, in der sexuelle und pekuniäre Gier ununterscheidbar geworden sind.
Die Hoffnungsfigur, die dem Film eingeschrieben ist, zehrt dabei sehr stark von der ödipalen Struktur: Die Rückbesinnung des Finanzhais auf sein unternehmerisches Erbe lässt ihn am Ende nicht nur den Platz des liquidierten Vaters als Produzenten einnehmen, sondern auch seine notorische Höhen(=Phallus)-Angst überwinden. Die radikalen Neuheiten des Finanzkapitalismus der 80er-Jahre werden damit eingestampft zu einer quasi-natürlichen Generationenrevolte, an deren Ende die anthropomythologisch überhöhte Selbsterkenntnis sowie die Restitution familiärer Strukturen stehen muss. Braucht es bei Oliver Stone noch die in den Gerichten sich verkörpernde staatliche Reglementierungsmacht, um die Wall Street zu regieren, so reicht “Pretty Woman” die Hoffnung auf den guten Willen der Spekulanten – wer monogam und heterosexuell liebt, der kann kein schlechter Mensch sein. Genau hierin besteht auch das Erfolgsrezept des Films: Er versöhnt ein Unbehagen am Finanzmarkt mit einer konservativen Werte-Sehnsucht, bei der sich die Unveräußerlichkeit der Sexualität mit einem familiären Gentlemen-Unternehmertum paart. Eine reaktionäre Utopie.
Die Frage drängt sich allerdings auf: Was macht der gefühlvolle Kapitalist anschließend mit der erworbenen Werft? Der Film beantwortet das natürlich nicht. “Schiffe bauen” wolle man, “große Schiffe”, heißt es lapidar. Wenn wir davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um einen Leveraged Buyout handelt, dann werden jedoch vor allem die Arbeiter und Angestellten den Preis für die Sentimentalitäten zahlen müssen. Übernimmt die Holding die Zielfirma, so überträgt sie nämlich die immense Schuldlast.
Ein historisches Beispiel: Eine von Morgan Stanley angeführte Investorengruppe erwarb 1987 (vor dem Crash) gleichfalls als White Knight, der eine feindliche Übernahme abwehren sollte, das Textilunternehmen Burlington Industries für 2,4 Milliarden Dollar. Burlington hatte zuvor eine ausgeglichene Bilanz sowie eine Verschuldungsrate von 50% des Unternehmenswert. Nach dem erfolgreichen LBO und den von der Holding übertragenen Schulden, betrug die Verschuldungsrate auf ein Schlag 3000%. Hunderte Angestellte der mittleren Ebene wurden in der Folge entlassen, einige Fabriken verkauft, die Forschungsabteilung geschlossen. Trotz höherer Erträge schrieb die Firma im letzten Quartal ’87 rote Zahlen: Sie musste nämlich allein 66 Millionen Euro an Schuldzins zahlen.
Auch White Knight Edward Lewis käme daher wohl um Maßnahmen wie Entlassungen, Teilverkäufe, Lohnkürzungen, Outsourcing oder ähnliche schöne Dinge kaum herum, wollte er die Gläubiger zufrieden stellen. Man darf jedoch davon ausgehen, dass er aufrichtig betrübt darüber sein wird.
[Die Ausführungen zu Morgan Stanley sind entnommen aus: Ron Chernow, "The House of Morgan. An American Banking Dynasty and the Rise of Modern Finance", New York: Grove Press (1990)]
Aus Kostengründen war es für die Sender immer schon einfacher, auf die bestehende Infrastruktur von Film- und Fernsehstudios zurückgreifen zu können. Wer dann noch mit On Location-Szenen ein wenig Atmosphäre einfangen wollte, dem bot sich die Stadt, in welcher die artifiziellen Drehorte ohnehin schon standen natürlich als günstigste Wahl für den Handlungsort an. Für die US-Serienproduktion war und ist dieser privilegierte Ort selbstverständlich immer noch Los Angeles.
Da jedoch immer mehr Autoren und Produzenten andere, vor allem spezifischere soziokulturelle Milieus für ihre Geschichten suchen, haben sich die Locations in den vergangenen Jahren zunehmend diversifiziert. Damit meine ich nicht Pseudo-Orte wie das Seattle von Grey’s Anatomy, das prinzipiell nur aus einem Shot der Space Needle besteht, sondern zum Beispiel das Seattle, in dem sich das neue Serial Drama von AMC, The Killing, situiert. Als Adaption einer dänischen Serie, die in Deutschland unter dem Titel Kommissarin Lund – Das Verbrechen im ZDF zu sehen war, finden die Produzenten im nordwestlichsten (von Alaska mal abgesehen) Teil der USA das kongeniale amerikanische Pendant zum trüb-verregneten Setting des skandinavischen Originals. Man könnte als weitere Beispiele für solche genuinen Nutzungen urbaner, kultureller und geographischer Topograhien auch an das von starken Hell-Dunkel-Kontrasten gezeichnete Miami von Dexter, das modrige Louisiana von True Blood, das biedere Utah in Big Love oder das schillernde New York der Mad Men denken.
Gerade New York City hat mit einigen Erleichterungen für Film- und Fernsehschaffende in den letzten Jahren versucht, mehr Produktionen in die Stadt zu locken. So ist zum Beispiel 24 von Los Angeles in den ‘Big Apple’ gezogen und auch das zunächst in der Nähe von Baltimore angesiedelte In Treatment zog mit Therapeut Paul nach einer Staffel gen Brooklyn.
Wie viele Sequenzen dann tatsächlich On Location gedreht wurden, variiert zwischen den verschiedenen Serien gewiss sehr stark, ich habe diese Tendenz aber mal zum Anlass genommen, eine Karte der US-Serien-Städte zu zeichnen und halte es nicht für unwahrscheinlich, dass die weißen Flecken auf dem Plan in naher Zukunft durch neue Produktionen ausgefüllt werden. (Eine komplementäre Tendenz zu dieser Lokalisierungsbewegung könnte man in der dezidierten Wahl von geographisch unbestimmbaren Nicht-Orten wie der Mysteria Lane aus Desperate Housewives oder der ominösen, sich beständig entziehenden Insel aus LOST sehen.)
Anmerkungen: Die Karte scheint nicht ganz maßstabsgetreu zu sein, ihr sehr breites Format gab mir jedoch genug Platz für die Beschriftung. Die Punkte für die jeweiligen Städte habe ich selbst nach Abgleich mit anderen Karten gesetzt. Ungenauigkeiten bitte ich daher zu entschuldigen. Bei “Bon Temps” handelt es sich um eine fiktive Stadt, als Handlungsort von True Blood ist Louisiana jedoch so prägend, dass ich ungern auf eine Markierung verzichten wollte. Wenn eine Serie ihre Location im Verlauf der Story gewechselt hat, habe ich mich für die Stadt entschieden, in welcher die Handlung am längsten angesiedelt war. Pasadena (Handlungsort von Six Feet Under sowie Brothers & Sisters) habe ich großzügig der Metropolregion Los Angeles zugeschlagen. Darüberhinaus handelt es sich um eine Auswahl, die größtenteils mein eigenes Rezeptionsverhalten widerspiegelt – für Ergänzungsvorschläge bin ich dankbar.
In einem berühmten, auf einen 1976 an der Universität von Virginia gehaltenen Vortrag zurückgehenden Text über die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung hat Jacques Derrida über den paradoxen Umstand meditiert, dass dieses historische, von 56 Delegierten des Kontinentalkongresses signierte Dokument ein “Wir” evoziert, das doch gerade erst durch die Erklärung selbst hervorgebracht wird:
“Das Wir, das in der Erklärung spricht, spricht »im Namen des Volkes«. Aber dieses Volk existiert nicht, nicht vor dieser Erklärung, nicht als solches. Durch jene Unterzeichnung bringt es sich als freies und unabhängiges Subjekt, als möglicher Unterzeichner zur Welt. Die Unterschrift erfindet den Unterzeichner.”
(Jacques Derrida: “Unabhängigkeitserklärungen”, in: Performanz. Zwischen Sprachphilosophie und Kulturwissenschaften, hg. v. Uwe Wirth. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S.121-128; hier: S.124)
Derrida verweist damit nicht bloß auf die Heteronomie, die jeder Autonomie voran geht, sondern erweist den Vereinigten Staaten auf eigenwillige Art einen ironischen Tribut, der auf die ethische Herausforderung abzielt, die USA als genuin performative Nation zu begreifen. Ein Land, das sich in der performativen Kraft der Selbstanrufung unaufhörlich zur Existenz zu bringen verpflichtet, immer noch zu verwirklichen ist. Yes we can.
Ein Narrativ für diese immer noch zu vereinigenden Staaten von Amerika liefert die neue, von Robert Rodat (Drehbuch zu “Saving Private Ryan”) und Steven Spielberg produzierte TNT-Serie Falling Skies: Von einer mysteriösen Alien-Invasion nahezu vollkommen ausgelöscht, folgt die zehnteilige Serie – von der ich die ersten beiden Episoden vorab sehen konnte – einer Gruppe Überlebender um Tom Mason (Noah Wyle) und seine Familie. Im prä-apokalyptischen Leben war der als College-Professor tätig, für Geschichte. “Welche Geschichte?”, wird er im Piloten gefragt. “American”, sagt er stolz und das ‘What else?’ muss man sich nur noch dazu denken.
Keine Frage daher, dass das Szenario der nomadisierenden und sich zusehends militarisierenden Überlebensgemeinschaft in einem der geschichtsträchtigsten Parts der USA, in Massachusetts, genauer in Boston angesiedelt sein muss. Dort haben die vielbeinigen und Roboter bauenden Aliens ihr riesiges Hauptquartier über Downtown errichtet. Wer ihnen zu nahe kommt, der wird entweder weggephasert oder per praktischem Rückgratsadapter in einen gehorsamen, zombiehaften Sklaven verwandelt. Auf der Suche nach Nahrung, Waffen und Sicherheit pilgert die etwa Mayflower-große Gruppe Kämpfer und Zivilisten immer weiter aus der Stadt hinaus, vorbei an verlassenen New England-Häusern hinein in ein prächtiges, beinahe unzivilisiertes Grün.
Nicht nur eine ikonographische Wiederkehr zum Bild der Neuen Welt als irdischem Paradies: Zurückgezogen in eine nach John F. Kennedy benannte Schule ziert in einer Schlüsselszene der von Carl Franklin inszenierten Pilot-Doppelfolge ein Plakat des amerikanischen Bürgerkriegs die Tapete, während das portable Zeltdorf der Überlebenden wiederum die frühkoloniale Referenz heraufbeschwört. Eine so aufdringliche visuelle Metaphorik, dass es Anlass zur Verwunderung bieten dürfte, würde die Serie in ihrem weiteren Verlauf nicht noch mehr historische Bezugsrahmen aufrufen.
Im Gegensatz zur famosen Zombie-Serie The Walking Dead (AMC), die in einem ganz ähnlichen Survivalsetting spielt und ebenfalls eine Familienvater zum Protagonisten hat, deutet sich bei Falling Skies schon recht früh eine Bewegung an, die wohl zum Aufstand gegen die Aliens führen wird. Dies korrespondiert mit der Divergenz der Bedrohungsszenarien: Handelt es sich bei The Walking Dead um die virale Gefahr einer – im wahrsten Sinne – tödlichen Ansteckung, die nicht von außen, sondern aus dem Körperinnern kommt, so fungieren die Aliens in klassischer Weise als von Außen stammende Andere, deren Eindringen die ethnisch wie geschlechtlich fair gemischte Gruppe Amerikaner gleichsam zu Ureinwohnern werden lassen.
Spielberg, Rodat und Franklin vereinigen – zumindest in den ersten zwei Episoden, kann ja alles auch noch ganz anders sich entwickeln – in Falling Skies die Amerikaner also nicht nur erneut, sondern liefern ein Narrativ der performativen Staaten, das paradoxerweise ahistorisch ist: Amerika – das ist nicht das, was (gewesen) ist, sondern das, was man daraus macht. Und zwar immer schon.
Programmhinweis: In den USA startet Falling Skies am 19. Juni, in Deutschland und Österreich beginnt TNT Serie nur fünf Tage nach dem US-Start (24. Juni, 20.15 Uhr) mit der Ausstrahlung im Zweikanalton.
Die Deregulierung sexueller Beziehungen war einer der großen Träume der Hippie-Zeit, die Entwicklung pluraler Partnerschaftsformen in Kommunen ein politisches Projekt. Verquer und amüsant erneuert die HBO-Serie Big Love diese Suche nach einer liberalen Lebensgemeinschaft und siedelt sie dabei im grauen Zentrum des amerikanischen Ultrakonservatismus an, dem Mormonenstaat Utah.
Dass sich gerade die von HBO produzierten Serien einer liberalen Agenda verschreiben, die direkt gegen das George W. Bush-Amerika und den durch ihn hoffähig gemachten christlichen Fundamentalismus opponiert, liegt allein aufgrund der verhandelten Themen auf der Hand: Homosexualität (Six Feet Under), weibliche Emanzipation (Sex and the City), ja Sexualität in all Formen überhaupt (True Blood), nomadisches Außenseitertum (Carnivàle), reflexiver Ostküsten-Intellektualismus (In Treatment), um nur ein paar zentrale Handlungsszenarien zu nennen. Big Love verfolgt ein ähnliches Anliegen, jedoch mit invertierter Richtung: Statt eines liberalen Milieus erwählt sich die Serie ein rechts vom vorherrschenden Neokonservatismus positioniertes Feld – mormonische Polygamie. Und gerade in diesem reaktionärsten aller Traditionalismen entdecken die – im übrigen miteinander verheirateten – Serienschöpfer Mark V. Olsen und Will Scheffer die Keimzelle liberalen Denkens. “Wenn schon die Schwulen heiraten dürfen”, heißt es in einer Episode sinngemäß, “warum wir dann nicht?”
Deutlich wird dies vor allem am Umgang mit der Hauptfigur. Der von Bill Paxton gespielte Selfmade-Man Bill Henrickson erscheint als patriarchaler Familienautokrat und Stelzbock, für dessen Promiskuität der polygame, von der offiziellen Jesus Christ of Letter Day Saints-Kirche (LDS) aber schon Ende des 19. Jahrhunderts desavouierte Glaube des Ur-Mormonen Joseph Smith äußerst gelegen kommt. Hin- und herpendelnd zwischen dem eigenen Heimwerker-Markt Home Plus, den Vorstadthäusern seiner Familie und dem halblegalen Compound seiner Jugend, mit seinen Praktiken der Zwangsverheiratung, nimmt er im Verlaufe der Serie dabei nicht bloß immer mehr die Züge seines Erbfeindes – des selbsternannten Compound-Propheten Roman Grant – an, sondern verkommt auch zusehends zur Charaktermaske, deren Familienfixiertheit immer wieder von einem pathetischen Aktionismus für das politische Anliegen der Legalisierung der plural marriage untergraben wird. Im Versuch, aus der eigenen Familie ein Vorzeigeobjekt für eine offene, auf freier, individueller Wahl basierende Polygamie zu machen, verliert er zusehends den Kontakt zu seinen drei Ehefrauen, die er bis zur Bewegungsunfähigkeit patronisiert.
Die Stärke der Serie liegt daher vielmehr in den Frauenfiguren, den Sisterwives: Ihren intimen Nahverhältnissen widmet Big Love nicht nur einen Großteil der Sendezeit, sondern auch den geheimen Fluchtpunkt des Narrativs. Wenn sich die Familie dank der politischen Ambitionen Bills - er wird am Ende der vierten Staffel als Senator den “capitol hill” in Salt Lake City erklimmen – als polygam geoutet sowie eine eigene Kirche gegründet haben wird, ist der Patriarch auch schon obsolet geworden. Schon in der Pilotfolge wird deutlich, dass All American Bill von den Frauen auf den Status einer Spielfigur bei den täglichen Bettrochaden zurechtgestutzt wird. Angeleitet von First Wife Barbara (Jeanne Tripplehorn), behandeln Second Wife Nicki (gespielt von der überragenden Chloe Sevigny) und Third Wife Margene (Ginnifer Goodwin) ihren gemeinsamen Ehemann als Tauschobjekt, das gegen Wohlgefallen und andere Begünstigungen in den komplexen Transaktionskosmos der vor Kindern, Chaos und kooardinationsbedürftigen Dringlichkeiten überbordenden Familie eingebunden wird. Dass sich der Mann für jede dritte Nacht in seiner Polyamourösität dabei übernimmt, zeigt sich vor allem in den drei Ehebetten der drei benachbarten Häuser, die Bill nur mit Viagra-Unterstützung aufsucht.
Zwar fungieren Bills Gunst und Anerkennung immer wieder als Anlass für Eifersüchteleien zwischen der melancholischen Barb, der hysterischen Nicki und der naiven Margene, mit zunehmender Serien-Dauer entwickelt sich zwischen den drei Frauen jedoch eine Art von – freilich asexueller – Intimität, ein affektiver Verkehr, der in nichts einer ehelichen Vertrautheit nachsteht. Während Bill – angetrieben durch Geltungssucht und Selbstüberschätzung – durch halb Utah irrlichtert, um die Welt nach seinen Vorstellungen zu formen, regeln die Sisterwives informell und vorläufig die meisten Streitigkeiten in undramatischer Weise. (Was der gelegentlich etwas soaphaften Theatralik der Serie, die eher den Disput als dessen Lösung dramatisiert, gut bekommt.)
Mit der zunehmenden Fähigkeit zur Selbstregierung unterläuft diese proto-lesbische Gemeinschaft zwar zusehends den Dezisionismus des Patriarchen, verwirklicht aber zugleich dessen Ziel einer pluralen, liberalen und egalitären Wahlverwandtschaft jenseits von Abstammung und Reproduktion. Ähnlich wie Six Feet Under recodiert Big Love damit die Familie von einer zentral gesteuerten Struktur wechselseitiger Verpflichtungen in eine libertäre Gemeinschaft individueller Verbindlichkeiten. Insbesondere beim konflikthaften Aufeinandertreffen dieser beiden Paradigmen in und zwischen den drei Häusern findet die Serie dabei eine überzeugende und von vortrefflicher Komik gezeichnete visuelle Dramaturgie, deren Niveau der Rest der Serie leider nicht erreicht.
Dass Big Love bislang von keinem großen Privatsender adaptiert wurde, lässt sich dabei sogar nachvollziehen: Bisweilen taucht die Serie sehr tief in die Bruchlinien zwischen der LDS-Kirche und den polygamen Splittergruppen sowie die mormonische Theologie ein. Ohne ein wenig Hintergrundwissen über die von Flucht, Repression, fundamentalistischer Frömmigkeit, kolonialistischer Utopie sowie langsamer Adaption an den amerikanischen Mainstream gekennzeichnete Geschichte des Mormonenstaats lassen sich manche Szenen nur schwerlich einordnen. Die immer von einem leichten Grauschleier gezeichneten Bilder, die puritanischen Mormonengewänder, die pastellfarbenen Interieurs sowie die gewollte Biederkeit der Nebencharaktere liefern dabei eine Ästhetik des Konservatismus, die zwar konsistent, gelegentlich auch überzeichnet wirkt, auf jeden Fall aber den Glamour-Faktor gegen Null tendieren lässt. Dass Big Love trotz des provokativ gewählten Szenarios auch für HBO nie zu einem großen Hit geworden ist, kann somit kaum überraschen. Gerade die gewollte Selbstmarginalisierung macht die fünf knappen Staffeln der mittlerweile beendeten Serie jedoch absolut sehenswert.
Programmhinweis: Big Love läuft immer dienstags um 20.15 Uhr auf TNT Serie und TNT Serie HD
Bild: Paul J Everett, Quelle: flickr.com (Veröffentlicht unter CC-Lizenz, für Details bitte klicken)
“Ich finde, an einem solchem Tag darf man nicht einfach sagen: ‘Unsere Kernkraftwerke sind sicher.’ … Sie sind sicher.”
(Angela Merkel, 12.3.2011)
Man mag dieser Tage beinahe Mitleid empfinden für die Bemühungen der Kanzlerin, ihren eiligen Kurswechsel in der Atompolitik zu rechtfertigen. Von der einen Seite schimpft die politische Opposition über wahltaktische Zeitschinderei, von der anderen droht die Atomindustrie mit juristischen Schritten, um für die Zeit der Zwangsabschaltung älterer Meiler Schadenersatz einzuklagen. Dann gibt es da noch die leicht zur Panik neigende Bevölkerung, die Jodtabletten und Geigenzeiler hamstert als wäre Japan eine Nordseeinsel und Fukushima Brunsbüttel. Merkel darf sie einerseits nicht weiter verunsichern, andererseits muss sie zeigen, dass sie den Sorgen der Wähler nicht nur mit Beschwichtigungsrhetorik, sondern mit politischem Handeln begegnet. Dass sie solch merkwürdige Sätze produziert, schuldet sich jedoch nicht nur den konfligierenden Ansprüchen, denen sie gerecht zu werden trachtet. Es liegt auch daran, dass in den Debatten um die Kernenergie verschiedene Konzepte von Sicherheit miteinander verquickt werden.
Solange die politische Debatte der Dichotomie von Sicher/Unsicher verhaftet bleibt, wird sie daher das Thema Atomtechnologie nicht adäquat adressieren können. Nötig ist vielmehr eine dreiwertige Begriffsskala aus Sicherheit, Gefahr und Risiko.
Absolute und Relative Sicherheit
“Wir wissen, wie sicher unsere Kernkraftwerke sind. Sie gehören zu den weltweit sichersten.”
(Angela Merkel, 17.3.2011)
Worüber man bei der Lektüre dieser Aussage stolpert, ist der – durch den Plural selbst wiederum relativierte – Superlativ “sichersten”. Er suggeriert, dass Sicherheit nicht einfach binär der Unsicherheit entgegengesetzt werden kann, sondern relativ zu verstehen ist. Er beinhaltet damit nicht das Versprechen, gegen jede Eventualität geschützt zu sein (100%ige Sicherheit), sondern lediglich gegen mehr Eventualitäten geschützt zu sein als die Mehrheit anderer Atomkraftwerke. Ein AKW mit dreifacher Notfallredundanz ist mit Sicherheit sicherer als eines mit zweifach redundanten Systemen.
Die Kanzlerin fügt dann auch gerne hinzu: “nach menschlichem Ermessen”. Dieses Ermessen richtet sich vor allem nach Erfahrungswerten. Vor dem 11. September tauchte beispielsweise eines terroristischen Angriffs mit gekaperten Passagierflugzeugen nicht in den Planspielen der Experten auf. Das “menschliche Ermessen” ist also eine imaginative Vernunft, ein Gefahrensinn, der zu bestimmen versucht, was zum Bereich der Eventualitäten gehört. Weil aber unser Wissen immer noch begrenzt ist, kann sie nicht jegliches Ereignis, jedes apokalyptische Szenario antizipieren.
Doch was passiert, wenn diese katastrophische Vernunft ihr eigenes Nicht-Wissen in Rechnung stellt, wenn sie versucht, mit dem zu rechnen, was definitionsgemäß außerhalb des Bereichs des Vorstellbaren liegt? Dann reicht ihr relatives Begriffsspektrum nicht mehr aus. Die relative Sicherheitsskala fußt dann auf einer basalen Unsicherheit. Dieses Reich der extremen, nicht-antizipierbaren Unwahrscheinlichkeiten, der Schwarzen Schwäne, setzt das relative Begriffspaar Sicherheit/Unsicherheit außer Kraft. Wenn Merkel formuliert, “man kann nicht sagen: ‘Unsere Kernkraftwerke sind sicher’”, dann rekurriert sie genau auf diese basale Unsicherheit, nur um mit dem eilig nachgeschobenen “Sie sind sicher”, das relative Begriffspaar wieder in Kraft zu setzen. Das wirkt so unglücklich nicht weil es widersprüchlich wäre, sondern weil hier zwei schief zu einander sich verhaltende Konzepte in der gleichen Terminologie verhandelt werden. Absolut betrachtet sind Kernkraftkraftwerke natürlich nicht sicher. Relativ betrachtet hingegen schon. Es macht daher reichlich wenig Sinn, sich in der politischen Debatte Sicherheitsbeteuerungen und Unsicherheitsvermutungen vorzuhalten.
Sicherheitsdebatte: Kontraproduktiv und populistisch
Selbstverständlich gibt es keine absolut sichere Energieform. Staudämme können brechen, Solaranlagen in Brand geraten, Gaskraftwerke explodieren, Windräder zu Boden krachen. Wer sich nach absoluter Sicherheit sehnt, der sollte Flugreisen ebenso meiden wie Autofahrten, Fahrradtouren, Spaziergänge und selbst das Zuhausebleiben; ja: er müsste das Leben selbst einstellen. Die relative Sicherheitsskala existiert dementsprechend zurecht: Sie erlaubt es, uns im Normalfall zu orientieren. Atomkraftwerke nach aktuellen Maßstäben und Erkenntnissen möglichst ‘sicher’ zu gestalten, muss daher eine wichtige administrative Aufgabe (des Bundesamtes für Reaktorsicherheit) bleiben.
Die politische Debatte aber hauptsächlich auf diese Ebene zu konzentrieren (wie es derzeit die SPD mit dem Verweis auf das kerntechnische Regelwerk, die Grünen mit Verweis auf Störfälle und Pannen der vergangenen Jahre machen), scheint mir eine für die Anti-AKW-Bewegung zweifelhafte Strategie zu sein.
Zum einen besteht die Möglichkeit, dass die Verlagerung der Debatte in diese Richtung den Kraftwerksbetreibern (=den Energiekonzernen RWE, E.On, ENBW, Vattenfall, etc.) in die Karten spielt. Durch das Moratorium der schwarz-gelben Koalition werden sie nämlich in der Lage sein, auf der Ebene von relativer Sicherheit/Unsicherheit kleine Sicherheitsanpassungen (etwa erhöhte Redundanz der Sicherheitssysteme) vorzunehmen sowie auf die im internationalen Vergleich hohen Standards zu verweisen. Ihnen fallen damit alle Trümpfe in die Hände. Zum anderen erzeugt die wiederholte Infragestellung der Sicherheit deutscher AKWs die Verunsicherung einer ohnehin schon leicht bis mittelschwer verängstigten Bevölkerung. Als politische Strategie halte ich die Sicherheitsdiskussion daher nicht nur für die Anlagen der Kernkraftkritiker kontraproduktiv, sondern auch für tendenziell populistisch.
Risiko und Versicherung
Es gilt daher, die Differenz von absoluter und relativer Sicherheit konzeptuell anders zu operationalisieren. Und dazu muss man nicht einmal besonders clever sein. Denn moderne Gesellschaften haben eigens Institutionen geschaffen, deren Geschäft das Risiko ist: Versicherungen. Versicherungen handeln definitionsgemäß mit Verunsicherung, ein Begriff absoluter Sicherheit würde ihnen schlichtweg die Geschäftsgrundlage entziehen.
Assekuranzen versprechen demzufolge auch gar keine Sicherheit, sondern operationalisieren unternehmerisches Risiko, indem sie probalistische Modelle für den Eintritt und das monetarisierte Schadensausmaß spezifizierbarer Gefahren erstellen. Aus der Korrelation von Ereigniswahrscheinlichkeit und potentieller Schadenssumme (plus Gewinnmarge für das Versicherungsunternehmen) ergibt sich dann – prinzipiell, realiter kommen noch andere Faktoren hinzu – die Höhe der Polizze. Wer sich versichert, der tauscht basale Unsicherheit für Geld gegen relative Sicherheit.
Aufgrund der vergleichsweise geringen Komplexität und der guten empirischen Datenlage in Bezug auf Verkehrsunfälle, lassen sich so beispielsweise Kfz-Versicherungen quasi automatisch erstellen. Je komplexer jedoch die Technik und größer der potentielle Schaden, desto weniger können Versicherungen auf Erfahrungswerte vertrauen. Stattdessen müssen sie verstärkt auf die Fiktionalisierung des Gefährlichen, d.h. auf die Erstellung von Szenarien potentieller Schadensereignisse und mathematischen Modellen für die Ermittlung des konkreten Schadensausmaßes vertrauen. (Man stelle sich nur einmal vor, wie komplex die Erdbebenversicherung eines Hochhauses in Tokyo sein muss.) Im Falle der Atomkraft ist dabei natürlich weniger die Aktivenversicherung (d.h. die Versicherung der Kernkraftanlage als Vermögenswert des Unternehmens), sondern die Passivenversicherung, d.h. die Haftung bei Schädigungen Dritter von entscheidender Bedeutung.
Wie Atomkraftwerke versichert sind
“Versicherungen, Garantiezusagen und Konzernvermögen im Milliardenumfang sichern mögliche Schadenersatzforderungen bei Unfällen rundum ab.”
(Infoseite des Deutschen Atomforums auf kernenergie.de)
Wie die Kernkraftbetreiber auf ihrer eigenen Webseite darstellen, sind sie gesetzlich zu einer Deckungsvorsorge verpflichtet, die sich auf insgesamt 2,5 Milliarden Euro – wenn ich es richtig verstehe: pro Kraftwerk – beläuft. Nur knapp ein Zehntel dieser Summe wird über eine Haftpflichtversicherung gedeckt (256 Millionen Euro), der Rest wird, “da eine Versicherung in Höhe von 2,5 Mrd. Euro auf dem Versicherungsmarkt nicht erhältlich ist” (kernenergie.de), durch wechselseitige Garantiezusagen der Betreiber – Atompool genannt – aufgebracht. (Zum Vergleich: Privathaftpflichtversicherungen weisen gemeinhin Deckungssummen von 7,5 Millionen Euro auf, je nach Versicherer kann der Betrag aber auch auf bis zu 50 Millionen erhöht werden.) Wird diese Summe im Schadensfall überschritten, haftet der Betreiber unbegrenzt mit seinem gesamten Vermögen. E.ON – (Mit-)Betreiber von neun aktiven Kernkraftwerken in Deutschland – hat derzeit beispielsweise einen Börsenwert von über 42 Milliarden Euro, der freilich im Fall eines Reaktorunfalls abrupt sinken würde.
Reicht das? Im internationalen Vergleich sollen die deutschen Vorschriften immerhin schon zu den strengeren gehören. Eine alles andere als Kernkraft feindliche Studie des Schweizer Prognos-Instituts (hier nachzulesen), 1992 im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums verfasst und – soweit ich recherchieren konnte – die einzige diesbezüglich aussagekräftige Arbeit, ermittelte für den Fall eines Super-GAUs in einem deutschen AKW einen mutmaßlichen volkswirtschaftlichen Schaden von über 5000 Milliarden Euro (10,6976 Billionen DM). Abzüglich der Deckungssumme aus dem Atompool und des Kapitals der dann insolventen E.ON AG blieben also noch 4955,5 Milliarden Euro (99 %) der Schadenssumme übrig, die gesamtgesellschaftlich umgelegt werden müssten. (Weil wir nicht kleinlich sein wollen, haben wir dabei schon auf die inflationsbedingte, etwa 40%ige Erhöhung der Schadenssumme verzichtet.) Das deutsche Bruttoinlandsprodukt betrug 2009 übrigens etwa 3300 Milliarden Euro.
Die Beteuerung einer hinreichenden monetären Absicherung möglicher Nuklearunfälle seitens der Atomindustrie ist daher bestenfalls zynisch.
Eintrittswahrscheinlichkeit
Wie bereits beschrieben, wird ein Schadensereignis versicherungstechnisch als Risiko erst operationalisierbar, wenn die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens zu bestimmen ist. In der öffentlichen Debatte kursieren verschiedene Zahlen hierzu. Eine Studie im Auftrag des damaligen Bundesministeriums für Forschung und Technologie von 1980/1989 (hier und hier nachzulesen), die heute noch vielfach als Referenzpunkt herangezogen wird, geht für den Reaktor Biblis B von einem Unfall mit Kernschmelze alle 280000 Jahre aus. (Das heißt natürlich nicht, dass er erst nach 280000 Jahren passiert.) Sabotage und Terrorismus sind dabei nicht einkalkuliert.
Versicherungstechnisch relevant ist vor allem, dass die Wahrscheinlichkeit nicht bei ‘Null’ liegt. Denn da es ein in seiner Probabilität zu bestimmendes mögliches Unfallereignis samt eines monetarisierbaren Schadens gibt, ist ein prinzipiell versicherbares Risiko entstanden, das über Haftpflichtpolizzen in die Erzeugung von Atomstrom eingepreist werden könnte.
Hey, Ho, Let’s find a Versicherung!
Mit potentiellen Schäden in dieser Größenordnung ist es wenig ratsam, zum ortsansässigen Versicherungsberater zu stiefeln, denn jede Versicherung wird sich in einem solchen Fall selbst wiederum gegen den Zahlungsfall versichern wollen. Eine der weltweit größten Rückversicherungsgesellschaften, die Munich RE, hat in Person ihres Aufsichtsratsvorsitzenden Nikolaus von Bomhard dazu ein interessantes Interview gegeben. Müssten die AKW-Betreiber über die oben erwähnte 256-Millionen-Haftpflicht hinaus, nach einer Versicherung suchen, sie stünden – so von Bomhard – vor verschlossenen Türen:
“Für die Assekuranz wäre eine weitergehende Risikotragung wegen der Addition der möglichen Schäden nicht verantwortbar.”
Herkömmliche versicherungsmathematische Modelle würden demzufolge nicht hinreichen, um überhaupt einen Prämiensatz kalkulieren zu können. Gerade die große Unsicherheit bei der Berechnung des Risikos würde daher wohl zu einem Preis führen, der “außerordentlich hoch” wäre.
In Anwesenheit des – nachdenklich dreinblickenden – E.ON-Chefs Johannes Teyssen hatte auch R. Andreas Kraemer, Direktor des Ecologic Institute in Berlin, in der Talkrunde von Maybrit Illner (Video, ab Minute 52:00) genau darauf aufmerksam gemacht:
“Wenn die Anlagenbetreiber auf dem freien Markt eine Versicherung für das Risiko, das sie der Gesellschaft aufbürden, einkaufen müssten, dann würde es heute keine Kernkraftwerke geben, die laufen. Sie rechnet sich nicht. Sie rechnet sich ökonomisch nicht, wenn man den wirtschaftlichen Wert der Landschaftszerstörung mit einrechnet, die passiert, wenn mal was passiert. So selten es passiert. [...] Aber wenn es passiert, sind die Schäden so hoch, dass sie nicht versicherbar sind.”
Teyssen warf nur kurz ein: “Das stimmt, aber wenn…”, dann unterbrach ihn die Moderatorin mit einer weiteren sinnlosen Frage, die leider wieder vom Thema weg führte. Dem E.ON-Vorstandsvorsitzenden schien die Entgegnung auf das Argument jedoch nicht so sonderlich wichtig zu sein, als dass er darauf im Verlauf der Sendung noch einmal zurückgekommen wäre. Mit der Versicherungsdebatte lässt sich offenbar auch ein selbstsicherer Energiekonzern-Boss verunsichern.
Fazit: Atomhaftpflicht als politische Taktik
Man mag dem Vorschlag einer Atomhaftpflichtversicherung mit voller Kostendeckung ethisch-politische Kurzsichtigkeit, ja: eine neoliberale Ökonomisierungslogik vorwerfen. Denn letztlich beträfe ein Super-GAU nicht bloß monetarisierbare Werte, sondern Menschenleben – teilweise über Generationen hinweg. Ein gewichtiger Einwand, wahrlich. Aber wollte man um jeden Preis Menschenleben schützen, es wäre – zynisch formuliert – vermutlich zielführender, mit sofortiger Wirkung den motorisierten Individualverkehr einzustellen als AKWs abzuschalten. Atomkraft ist nicht so viel anders, nicht so viel unbeherrschbarer als all jene Alltagstechniken, ohne die moderne Gesellschaften nicht denkbar wären.
Es steht dabei natürlich jeder Gesellschaft in ihrem Selbstbestimmungsrecht frei, zu diskutieren und politisch zu entscheiden, ob sie die gewaltigen, aber unwahrscheinlichen Einmalrisiken in Kauf nehmen möchten. Wenn sie – wie Österreich 1978 – zu dem Entschluss kommen, dieses Risiko nicht verantworten zu können, spricht absolut nichts dagegen. Der Markt kann keine Politik ersetzen.
Mein Argument ist hingegen taktischer Natur: Die Forderung nach einer ausreichenden Haftpflichtversicherung für Atomkraftwerke ist weitaus simpler und emotional weitaus weniger aufgeladen als die Debatten um 5, 10 oder 20 Jahre Laufzeitverlängerungen. Sie folgt dem grundlegenden Gerechtigkeitspostulat, dass Gewinne nicht privatisiert werden dürfen, wenn zugleich die Gefahren vergesellschaftet werden: Private Gewinne – private Gefahren, die als Risiken ökonomisierbar sind. Man würde sich all die endlosen Sicherheitsdebatten sparen, die letztlich den Betreibern nutzen sowie die Wähler verunsichern und könnte die ideologischen Gräben zwischen ökologischer und ökonomischer Politik mit einem kleinen Hüpfer überspringen – selbst Marktliberale müssten sich dieser Forderung gegenüber aufgeschlossen zeigen und die Betreiber zerknirscht eingestehen, dass sie ohne die verdeckte Subvention der gesetzlichen Unterversicherung am Markt einen schweren Stand hätten. Darüberhinaus einen politischen Atomausstieg zu fordern, widerspricht dem natürlich nicht. Es wäre dann vielleicht nur obsolet.
[Initiiert von IPPNW (Deutsche Sektion der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung), NRV (Neue Richtervereinigung), Bund Naturschutz in Bayern sowie BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) findet sich unter www.atomhaftpflicht.de eine Unterschriften-Kampagnen, die genau diese Forderung nach einer gesetzlich vorgeschriebenen Haftpflicht mit genügender Deckung für AKW-Betreiber erhebt. Leider scheint die Seite nicht sonderlich aktuell zu sein. ]
Update 30.03.2011: Während die politischen Ereignisse nach den Baden-Württemberg-Wahlen dazu geführt haben, dass sich die FDP teilweise selbst mit ins Boot der Atomkraftgegner geholt und damit einen Teil der Argumentation dieses Artikels überflüssig gemacht hat, ist in der FAZ ein interessanter Artikel erschienen, in welchem sich zwei Statistik-Professoren aus Bielefeld und München dem Problem der Eintrittswahrscheinlichkeit widmen. Ihr Fazit: “ob man eine Stunde einem Flugzeug vertraut oder zehn Stunden auf die Sicherheit eines Kernkraftwerks setzt, die Wahrscheinlichkeit, einen Unfall zu erleben, ist dieselbe.”
Update 4.4.2011: Maybrit Illner diskutiert erneut über Atomkraft. Diesmal auch mit einem eigenen, sachlich stark verkürzten Einspieler (ab Minute 57:50) zur Versicherung von Kernkraftwerken, in dem abermals Andreas Kraemer zu Wort kommt (die Versicherungskonzerne selbst leider nicht). Ein recht verzweifelter BASF-Chef Jürgen Hambrecht bestreitet in der Folge, dass der (vermeintlich) geringe Preis als Argument für Atomstrom überhaupt verwendet wird, konzediert jedoch: “Es ist richtig, es lässt sich nicht versichern.”







