Die Gürtellinie des Journalismus
15/05/2011
Gäbe es eine publizistische Gürtellinie, die kopflastigen Qualitätsjournalismus von anrüchigem Boulevardgeschreibsel trennen würde – der Online-Auftritt der Süddeutschen Zeitung läge seit heute nachmittag eindeutig irgendwo zwischen Knöchel und Knie.
In einem Kommentar, der bereits durch seine Überschrift “Schwachpunkt Genitalbereich” ins Boulevardeske driftet, widmet sich der Pariser Korrespondent der angesehen Zeitung, Michael Kläsgen, den innenpolitischen Folgen der Vorwürfe gegen den amtierenden IWF-Chef und wahrscheinlichen Präsidentschaftskandidaten der französischen Sozialisten, Dominique Strauss-Kahn. Der 62-Jährige soll in einem New Yorker Hotel versucht haben, eine Angestellte zu vergewaltigen und wurde daraufhin von der US-Polizei am Flughafen John F. Kennedy verhaftet.
Dass die Vorwürfe – ungeachtet ihres von Gerichten zu bestimmenden Wahrheitsgehalts – alleine schon ausreichen, die französische Politiklandschaft nachhaltig zu erschüttern, das versucht Kläsgen in seinem Text zu analysieren. Merkwürdig ist daran jedoch schon, dass er sich ideologiekritisch sogleich kruden Verschwörungstheorien widmet, die ganz explizit von einer Unschuld des Politikers ausgehen: Das “Zimmermädchen” erscheint darin nämlich weniger als Opfer, sondern als Prostituierte, die auf Geheiß von Strauss-Kahns politischen Gegner diesen verführt haben könnte. “Unwahrscheinlich”, nennt der Kommentator dies. Umso fraglicher aber ist es, warum er sich mit diesem, mit dem Klischee der Käuflichkeit weiblicher Sexualität spielenden Gewäsch, für das es keinerlei Indizien gibt, überhaupt abgibt.
Wer den Artikel aufmerksam liest, der wird jedoch zum Schluss kommen, dass diese Unterstellung keine einmalige Entgleisung darstellt. Biologistische Argumentationen haben hier nämlich Methode.
Ganz nebenbei wird aus dem Vorwurf der versuchten Vergewaltigung so eine “Sex-Affäre”, “Sex-Geschichte” oder ganz verschwurbelt “diese Sache da”. Dass zum Sex die Einwilligung beider Seiten gehört, scheint weder im Pariser Korrespondenten-Büro noch in den Münchener Redaktionsräumen angekommen zu sein. (In einem weiteren Artikel von SZ Online war gar von einer “Sex-Attacke” zu lesen, was noch paradoxer klingt, aber das klickträchtige Wort mit den drei Buchstaben mit sich führt.)
Noch ekliger wird der Artikel aber erst dort, wo er über die Motivation des französischen Politiker Mutmaßungen anstellt: “Geilheit”, “Hormone”, “triebgesteuert”. Von so einem antiquierten Männerbild war in einer liberalen Zeitung schon lange nicht mehr zu lesen. Vergewaltigung, so die Schlussfolgerung, ist dann nämlich ein Akt, der in der männlichen Biologie verwurzelt ist und nur durch Zivilisierungskräfte gebändigt werden kann. Unterschwellig legitimiert als natürlicher Akt ist er damit aber allemal. Männliche Sexualität wäre dann von Natur aus vergewaltigend, dem Weiblichen kommt im Text entsprechend nur die Rolle als Reizauslöser zu.
Dass man mehr Komplexität der Leserschaft nicht zugetraut – dieses Boulevard-Argument greift hier freilich nicht: Der Brachial-Biologismus von süddeutsche.de wurzelt in vorsätzlicher Denkfaulheit.
Update 20.5.: Im Kommentarbereich des sueddeutsche.de-Artikels sind zahlreiche Proteste gegen den Artikel (und wenige Fürsprachen) eingegangen. Dort wird richtigerweise auch darauf hingewiesen, dass es sich bei der Strauss-Kahn zugeschriebenen “Geilheit” um eine ziemlich perfide Vorverurteilung handelt, die zwar nicht die Tat, immerhin aber das Motiv als gegeben hinnimmt. Die Redaktion hat freilich keinen Gedanken daran verschwendet, den Text so umzuschreiben, dass er journalistische Mindeststandards einhalten würde. Weder vom Autor noch von der Redaktion findet sich gar irgendeine Stellungnahme – was viel über das Interaktivitätsverständnis des Blattes verrät.
Die BILD – wohl in panischer Reaktion auf die neue Konkurrenz – hat jedoch mittlerweile bewiesen, dass sie das Feld des Boulevardesken immer noch besser zu bespielen weiß als die Amateur-Kollegen aus München.
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