Das Geschlecht, das aus der Rolle fällt
22/05/2009
Die Wiener Linien haben im Vergleich zur Düsseldorfer Rheinbahn ein paar nicht ganz unwesentliche Vorteile: Sie fahren mit dichtem Liniennetz, in vernünftiger Taktung, mit auch in Stoßzeiten ausreichendem Platzangebot, dazu noch pünktlich, haben ein leicht begreifliches Nachtbussystem, brennen in der Regel nicht ab und bieten obendrein noch was zum Gucken.
Letzteres bezieht sich auf die lustigen kreisrunden Piktogramme, die im Wageninneren kleben. Man könnte sie zunächst für iPod-Werbung halten, die schwarzweiß-konturierten Gestalten auf knallfarbigem Grund sollen jedoch keine Apple-People, sondern Personen vor Augen führen, für die man als Nichtabgebildeter den Sitzplatz räumen sollte. Also Schwangere, Frauen mit Kindern, Alte, Blinde.
Irgendein/e Gender Mainstreaming-Beauftragte/r wird sich diese Aufkleber auch einmal angeschaut haben. Dabei wird sich jedoch ihr/sein Gerechtigkeitssinn bis unter die Schädeldecke bemerkbar gemacht haben: Das Privileg, alt und blind zu sein, schien ganz den Männern vorbehalten. Während Kinder nur in Frauenarmen lagen. Und weil Gender Mainstreamer es nicht so sehr darauf anlegen, die Welt zu interpretieren, sondern sie vor allem verändern wollen, gibt es mittlerweile (seit Ende 2006) zwei Versionen der Sitzplatzräumungsaufkleber. Oben die alte, unten die neue Variante:
(via Genderblog)
Man mag diese Bilderpolitik fortschrittlich nennen. Meinetwegen. Doch Gender Mainstreaming bleibt so etwas wie die neutrale Zone im Kampf zwischen Biologisten und Kulturalisten: Ihre Waffen haben sie hier nicht gestreckt, sondern lediglich in den Hosenbeinen oder wahlweise unter dem Rock versteckt. Was sich der Verwaltungsapparat der Stadt Wien unter Gender Mainstreaming vorstellt, illustriert das ganz gut:
- “Gender” ist das “soziale Geschlecht” oder das “anerzogene Geschlecht” im Unterschied zum biologischen Geschlecht. Es bezeichnet die Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie. Das bedeutet, nicht stereotyp “die Frauen” oder auch “die Männer” in den Blick zu nehmen, sondern Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt zu berücksichtigen.
- “Mainstreaming” heißt “in den Hauptstrom bringen”. Es bedeutet, dass bei allen Entscheidungen – also in Hinblick auf Leistungen, Produkte, Außendarstellungen, Personal und Organisation – immer berücksichtigt wird, dass sich Frauen und Männer in jeweils unterschiedlichen Lebenslagen befinden.
Wir haben also zwei Geschlechter, bestehend aus biologischer Hardware und sozialer Software. Klingt schlüssig. Und wer will schon stereotyp sein? Oder Vielfalt und Unterschiede unterdrücken?
Nein, ich auch nicht. Aber diese “Definition”, die wohl eher eine bürokratiepraktische Richtlinie darstellt, unterlässt es mal so ganz nebenbei nach der Verbindung von Biologie und Kultur zu fragen. Denn wenn das biologische Geschlecht keinerlei Auswirkungen auf das soziale Geschlecht hätte, wenn die Hardware keine spezifischen Software-Anwendungen ermöglichen oder verhindern würde, wer bräuchte dann noch einen derartig virtuellen Begriff des biologischen Geschlechts? Wer aber erst einmal eine Verbindung zwischen Biologie und Sozialisation eingesteht, der kann schließlich schwerlich eine Grenze ziehen, an der Gene und Hormone vor der kulturellen Wirklichkeit Halt machen würden. Die Sex-Gender-Debatte ist im Gender Mainstreaming also keineswegs aufgehoben, sondern mit “Rollen”-Rhetorik zugedeckt. Dass sie daraus wieder hervorbricht, ist nur zwangsläufig.
Es verwundert daher kaum, dass die gutgemeinten Piktogramme in der Inszenierung der Geschlechterdifferenz auf stupende Art und Weise konventionell funktionieren. Um nicht zu sagen: Einfältig, undifferenziert und stereotyp. Mann trägt Jacket und Hose, Frau Kleid oder Rock. Und ohnehin scheint die Biologie dafür gesorgt zu haben, dass Wesen mit Doppel-X-Chromosomen langes, voluminöses Haar haben, ihre XY-Gefährten aber kurze oder gar keine Frisuren tragen. Und natürlich wächst nur ihnen ein Bart. Wer genau hinguckt, der wird zudem erkennen, dass in der Eltern-Kind-Version die Mutter den Kopf leicht ihrem Kind zugewendet hat, während ihr männliches Pendant stur geradeaus blickt. Und man könnte natürlich fragen, welchen Zweck diese arg erzwungene Vereindeutigung der Geschlechterdifferenz verfolgt.
Am auffälligsten ist jedoch die Geschlechtslosigkeit des Kindes. Puppenähnlich liegt es vollkommen unbekleidet und merkmallos in den Eltern-Armen. Im Rahmen der Theorie dieser Bilder durchaus verständlich: Das Kind weilt genau auf der Indifferenzschwelle zwischen Biologie und Sozialisation, welche vom Gender Mainstreaming möglichst zugedeckt werden soll. Hier liegt sie blank vor Augen: Das Noch-Nicht-Sozialisierte biologische Etwas, aus dem jede Geschlechterdifferenz getilgt scheint; das, was noch keine Rolle erlernt hat, aber doch dem androgynen Reich physischer Wesen zugehört. Das Geschlecht, das noch keines ist, weil es aus der Rolle fällt.
Der Status dieser Piktogramme schwankt dabei zwischen Hinweis, Aufforderung und öffentlichem Gebot. Eine Art visuelle Hausordnung des öffentlichen Raums. Den runden Bildchen eignet also ein normierender Charakter, der noch durch die zweite Bildebene – diejenige der Geschlechterpolitik – hindurchscheint. Die Aufkleber stellen somit nicht nur ein soziopolizeiliches Gebot hinsichtlich der Aufteilung des physischen Raums dar, sondern sie sanktionieren gleichermaßen einen Raum öffentlicher Sichtbarkeit von Geschlechterdifferenz.
Der Gewinn, den diese neuen Bilder darstellen, besteht sicherlich darin, dass diese zweite Ebene durch die durchaus ironische Variierung der Motive reflexiv erkennbar wird. Im Versuch, Gender sichtbar werden zu lassen, verdecken sie jedoch durch den gebieterischen Anspruch auf Repräsentation die Möglichkeit der Frage nach dem Status von Geschlechterdifferenz. Und entblößen dieses Verbergen zugleich in der Kindpuppe.
P.S.: Es gibt übrigens noch eine dritte, nicht-offizielle Variante dieser Aufkleber-Reihe. Ich nenne sie einfach mal Ghetto-Blaster-Kid-Mainstreaming:

(via Gebrauchsanleitung, Wien)
Nach Strich und Faden
08/05/2009
Im Baumarkt ist Deutschland noch Deutschland. Ein Volk von schnurrbärtigen Hausbesitzern, Bohrmaschinenvirtuosen und Gartenlaubenerbauern. Der Baumarkt ist demnach nicht gerade mein natürliches Lebensumfeld. Nun wollte es mein Umzug jedoch, dass ich den seltsamen Ehrgeiz entwickelte, mein Zimmer der Nachmieterin schöner zu hinterlassen als ich es erhalten hatte. Ein Ehrgeiz also, der mich schnurstracks in eines dieser nach Sägespänen riechenden Warenhäuser führte, deren Name mich eigentlich eher an Walter Gropius oder Mies van der Rohe erinnert.
Es ging eigentlich nur um eine Schnur, meinetwegen auch einen Faden oder eine Kordel, jedenfalls um ein etwa drei Meter langes, zusammenhängendes Stück weißer Textilfaser, das meine improvisierte Gardinenschnur dauerhaft ersetzen sollte. Kann also nicht so schwer sein, dachte ich, packte die erstbeste weiße Schnur in die Tasche, zahlte ca. 4 Euro, stellte zuhause fest, dass sie zu dick war und stiefelte wieder zum Flingern S-Bahnhof. “Wir nehmen keine geschnittene Ware zurück”, konstatierte dort dann die Baumarktmitarbeiterin. “Verpackt gibt’s die aber nicht”, konterte ich. In der routinierten Manier eines Anrufbeantworters parierte sie: “Geschnittene Ware nehmen wir nicht zurück.” Dem Argument beugte ich mich dann.
Ich stand also wieder vor den Schnüren und bewunderte die Artenvielfalt, die das Industriehandwerk auf diesem Planeten hervorgebracht hat. Ob weiß, rot, gelb oder blau, ob UV-resistent, schwimmfähig oder reibungsarm, ob zwei, drei oder vier Millimeter dick – fad war die Auswahl gewiss nicht. Fasziniert betastete ich gute zehn Minuten lang die formvollendeten Textilfasern, beobachtete derweil einen irgendetwas irgendwo hinwuchtenden Baumarktmitarbeiter, den anzusprechen ich jedoch zögerte, nachdem mir kürzlich einer seiner Kollegen zur Begrüßung eine Packung Schrauben vor die Füße gedonnert hatte. Dass Menschen minutenlang vor Schnüren stehen, schien ihn auch nicht weiter zu wundern, also verschwand er wieder.
Ich fasste schließlich all meinen Mut zusammen und suchte den für die Abteilung zuständigen Mitarbeiter. Nach fünf Minuten Suche änderte ich die Aufgabenstellung dahin ab, irgendeinen Mitarbeiter finden zu wollen. Bei den Lampen hatte ich schließlich Erfolg, hielt einem Herrn, den in der Fankurve des MSV Duisburg vorzustellen mir geringe Probleme bereitete, das mitgebrachte Stück alter Schnur unter die Nase und bat um eine Kordel gleicher Dicke und Art. “Schnüre sind dahinten um die Ecke”, klärte Schimanski mich auf. Meinen Hinweis, dass ich gleichwohl bereits wüsste, wo die Schnüre sich befinden, aber Beratungsbedarf anzumelden hätte, quittierte er mit dem dürren Hinweis: “Dann müssen Sie meinen Kollegen suchen.” Danke.
Sein Kollege, den ich weitere fünf Minuten später irgendwo zwischen Lacken und Gardinen erspähte, guckte sich das Corpus Delicti dann immerhin an. “Schnüre sind dahinten”, ließ sein Zeigefinger Hilfsbereitschaft erahnen. Mein Einwand, dass ich bereits wüsste, wo die Schnüre sind, gleichfalls aber nicht sicher sei bezüglich Dicke und Beschaffenheit, trieb ihn schnurstracks zur Schlussfolgerung: “Dann haben wir sie nicht.”
Von diesem, mir in seinen Tiefen unzugänglichen Exkurs in Kausollogik geschlaucht, stand ich abermals vor Spindeln, Metermaß und Zange. Noch eine halbe Stunde zwischen Hochdruckreinigern und Schleifmaschinen, dachte ich, und ich würde ernsthaft überlegen, mir eine Schlinge um den Hals zu legen und mich vom nächstbesten Fertigbauhocker zu stürzen.
Aber nein, wurde mir klar, auch das ginge nicht.
Dafür bräuchte ich ja eine Schnur.
Vienna Calling
08/05/2009
Hallo zusammen!
Dieser Blog wird sich in Zukunft in unregelmäßiger Folge mit Marginalien aus meinem Wiener Leben beschäftigen. Da es mein erster Blog ist, freue ich mich natürlich über Tipps, Ratschläge und Verbesserungswünsche. Wer seinen Senf zu meinem Leben hinzugeben möchte, dem sei die Kommentarfunktion ans Herz gelegt. Habt aber Verständnis dafür, dass ihr euch per e-mail bei mir registrieren müsst, um diese nutzen zu können.
Alles weitere wird sich dann noch zeigen.
Aus dem 15.,
Dominik Maeder