Verquirltes

16/08/2009

Betrunken auf dem Radl – 992 Euro Strafe

WIEN. Dass der Einstieg ins Wiener Leben von noch viel größeren Hindernissen als ignoranten Mobilfunkunternehmen begleitet werden kann, verdeutlichte mir die Geschichte einer Kanadierin. Der wurde binnen einer Woche nicht nur das Portemonnaie geklaut, sondern sie versenkte auch noch ihr Handy im Donaukanal und verpasste dazu ihren Zug nach Prag. Nach solch einem Einstand blieb verständlicherweise nur noch das Frusttrinken im Beisl (dt.: Kneipe/Lokal) der Wahl. Jörg Haiders Rekordwert von 1,8 Promille verfehlte die junge Fraue dabei zwar denkbar knapp, besaß dann aber das Geschick, im Rausch ihr Radl direkt an einer Polizeistation vorbeizufahren. Die Beamten nahmen ihr das Wetttrinken mit dem verstorbenen Volkshelden anscheinend derart übel, dass sie bei den Strafen nicht knauserten. Geldbuße: 992 Euro. Die Nordamerikanerin kann sich dabei aber noch glücklich schätzen. Ihr Begleiter toppte nämlich gar noch den ehemaligen Kärntner Landeshauptmann und wurde prompt mit über 1400 Euro zur Zeche gebeten. (Und wer sich fragt, ob diese Wucherstrafen tatsächlich stimmen: Ja, tun sie. Ab 1,8 Promille sind sogar 5800 Euro möglich!)

Von Höhlen und Hohlköpfen

KÄRNTEN. Wo wir gerade bei Rechts-Österreich sind: Als politischer Kabarettist muss man es in Kärnten schwer haben. Denn die Politik ist dort selber bereits eine derartige Parodie ihrer selbst, dass jedes Lachen den Klang des Affirmativen mit sich zu führen droht. Landeshauptmann Gerhard Dörfler erzählte zum Beispiel in einer Pressekonferenz zum Musik-Mega-Event Wenn die Musi spielt einen “Witz” über eine “Negermutter”, die anstelle von Milch Kakao gebe. Und im vollen Ernst verteidigte er sich gegenüber dem geringen Teil der erzürnten Öffentlichkeit im Nachhinein mit der Begründung, es handele sich dabei nicht um einen “Neger-”, sondern um einen “Kakaowitz“. (Das Entzückende an dieser Logik ist, dass man Dörfler folgerichtig einen vollverblödeten Hohlkopf schimpfen dürfte, weil man damit ja nicht ihn, sondern lediglich die vollverblödeten Hohlköpfe beleidigte.)

Die Tatsache, dass Dörfler vor seiner politischen Karriere im Brauerei-Geschäft tätig gewesen ist, als Erklärung für diese Art zerebralen Durchfalls heranzuziehen, wäre indes zwar gewagt – zumindest wären wir damit aber thematisch schon wieder in der Nähe Jörg Haiders. Mangelnden Eifer kann man den Kärntnern bei dessen Nachlassverwaltung kaum nachsagen. Während zum Beispiel die entlegenste Düsseldorfer Brücke noch immer ihrer Umbenennung nach dem verstorbenen Oberbürgermeister Joachim Erwin harrt, haben die Kärntner keine drei Monate nach Haiders Tod ein eher funktional denn schön zu nennendes, 450 Meter langes Brückengebilde aus 8500 Kubikmetern Beton und 2000 Tonnen Stahl nach ihm benannt. Und das ist nur der Anfang. Wurden schon zum Begräbnis die Kärntner Schulen zu Zwangstrauer angehalten, so wird derzeit ein 1943 von den Nazis angelegter Bunkerstollen als Jörg-Haider-Museum eingerichtet. Haiders Partei, das BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich) kann die Aufregung um die Wahl des Ortes natürlich nicht nachvollziehen und man muss ihr zugestehen, dass die nächstgelegene Hinrichtungsstätte der Wehrmacht großzügige 400 Meter, also fast eine ganze Haider-Brücke entfernt liegt. Allein das kuratorische Konzept der Ausstellung – für die bald im Klagenfurter Bergbaumuseum geprobt wird – verdient Aufmerksamkeit. Denn zu sehen gäbe es aus Haiders Leben sicherlich etlich Interessantes: Briefwechsel mit Saddam Hussein vielleicht? Oder persönliche Geschenke von Libyens Dikatotor Gaddafi? Mitbringsel von den Iran- und Syrien-Reisen? Kleine Aufmerksamkeiten von Kriegsverbrecher Milivoj Asner, gegen dessen Abschiebung sich Haider entgegen sonstiger Gewohnheiten stark machte? Den Steuercomputer seines VW Phaeton, der bei seiner Trunkenfahrt in den Tod 142 km/h in einer 70-Zone gemessen hat? Dokumente über die Nazi-Vergangenheit der Eltern gibt es mit Sicherheit, ebenso wie über die schlagenden Burschenschaft aus seiner Studentenzeit. Und wollte man dann noch jedes diskriminierende, pauschalisierende oder rassistische Zitat auf Schautafeln zusammentragen – ein Stollen würde für die Ausstellung kaum reichen. Da müsste man schon den gesamten Großglockner aushöhlen.

In Klagenfurt – immerhin Geburtsstadt von Ingeborg Bachmann und Robert Musil – geht man jedoch andere Wege. Eine Kunst der Auslassung könnte man die Schau wohl nennen. Denn in bester Tradition der Diktatorenverehrung werden als Exponate derzeit ein hölzernes Schaukelpferd aus Kindertagen, gebrauchte Turnschuhe, Schreibtisch, Bürostuhl und andere nichtige Reliquien zusammengetragen. Eröffnung ist am 10.10. – dem Kärntner Landesfeiertag.

Österreich – Kamerun 0:2

KLAGENFURT. Ein schwacher Trost wird es für die Freunde des österreichischen Fußballs nur sein, dass die Qualität der hiesigen Sportberichterstattung so weit über dem europäischen Durchschnitt liegt wie das spielerische Niveau der Nationalmannschaft darunter. Was insbesondere den famoses Witz der Standard-Sportsektion ausmacht, verdankt sich wohl einer literarischen Tradition, die von Musil über Bernhard bis Jelinek reicht. Denn der Spott ist darin so sehr in die Selbstbeschreibung integriert, dass man den österreichischsten der Österreicher wohl denjenigen nennen kann, der am wortreichsten über sein Land zu lästern vermag.  Und allzu schwer machen einem dies die Kicker aus der Alpenrepublik nicht.

Man muss sich Österreich dabei wie eine große Fortuna aus Düsseldorf vorstellen: Sobald die hiesigen Balltreter ihren Job einmal erfolgreich bestreiten, wähnt man  sich bereits in der Champions League, respektive bei der WM. So geschehen nach dem 3:1-Sieg, den die Österreicher im WM-Qualifiaktionsauftakt gegen Frankreich vor einem Jahr erspielten. Um so größer die Ernüchterung als es im vergangenen Oktober gegen Angstgegner Färöer-Inseln gerade noch zu einem Remis reichte. DerStandard spottete:

Die Färöer sind nämlich nicht irgendwer. Dass sie 21 Partien hintereinander verloren haben, kann auf Pech zurückzuführen sein. Vor 18 Jahren waren beim allerersten Länderspiel nahezu ausschließlich Berufsfischer tätig. Diesmal boten sie einen Gebrauchtwagenhändler, einen Polizisten, zwei Lehrer, einen Tankwart, einen Kindergärtner, einen Zimmermann, ein paar Studenten auf. Und vier Fußballprofis.

Und als ein paar Tage später die rot-weiß-roten Farben innerhalb von 45 Minuten auch noch im heimischen Ernst-Happel-Stadion 0:3 gegen Serbien zurücklagen, sprach der Live-Ticker des Standard mit dem bitteren Humor eines Metzgermeisters von einer “Live-Schlachtung”.

Seitdem ist nun einiges Wasser die Donau hinunter geflossen, der Teamchef heißt nicht mehr Bruckner, sondern Constantini und führte mit einem 2:1-Auftaktsieg gegen Rumänien den zuvor beschriebenen Fortuna-Effekt herbei. Und was den Düsseldorfern Union Berlin, ist den Österreichern Kamerun. Die gewannen unter der Woche gegen harmlose Gastgeber, die auch noch einen Elfer vergaben, mit 2:0. Der liebevolle Hohn des Standard liest sich so:

Zur Erinnerung: Kapitän Paul Scharner hatte in der 13. Minute einen Elfer auf bewundernswert klägliche Weise vergeben. Kameruns Goalie Kameni hätte schon an der Torstange lümmeln müssen, um diesen Ball nicht zu halten. Scharner gestand sein Versagen mannhaft ein. Wie auch Verteidiger Manuel Ortlechner, der vor dem 0:1 spektakulär über die eigenen Beine gestolpert war. Ortlechner: “Klar mein Fehler.”

Was bleibt: Die Überschrift, die den Kickern aus der Zeitung entgegen gesprungen sein dürfte: “Österreich hat seinen Fußball wieder.” Und die Vorfreude auf das Gastspiel der Färöer-Inseln in Graz am 5. September.

Außerhalb von Folklore-Festen und Revue-Shows Musik zu hören, die sich der polternden Klängen des Schuhwerks bedient, ist beinahe so schwierig wie in einer Wiener Bäckerei knusprige Brötchen anstelle der pappigen Semmeln zu erstehen. Wer sich am Donnerstagabend im Museumsquartier die Beine vertrat, der konnte sich daher glücklich schätzen. Zwar gab es zur kostenfreien Eröffnung des Impulstanz-Festivals keine Brötchen, dafür aber Bier und nicht zuletzt setzte mit Savion Glover einer der populärsten Erneuerer des Stepptanzes seine Füße auf das Bühnenpodest im Innenhof der ehemaligen kaiserlichen Hofstallungen. Und nicht nur das begeisterte Publikum, sondern vor allem auch sich selbst hielt der 35-jährige US-Amerikaner auf Trab.

Steppen als Geste

Flankiert von Piano, Kontrabass, Schlagzeug und Saxophon besteigt Glover mit einem Charisma der Bescheidenheit sein kleines Stepppodest auf der Bühne. Wenn er seine Schuhe auf den hölzernen Untergrund prallen lässt, dann ertönt jedoch kein vornehmes Klacken, sondern eher ein mächtiges Wummern, das jede Basedrum vor Ehrfurcht erzittern ließe. Als Jazz-Kombo sind Glovers Begleiter bei weitem nicht schlecht, eigentlich sogar ganz gut, aber gewiss nicht mit jenem experimentellen Genius gesegnet, für den der Mann mit den hinter dem Kopf zusammengebundenen Rasta-Mähne zuständig ist. Denn wenn der sich einmal in Trance gesteppt hat, dann degradiert sein improvisierter Stil die anderen Instrumente zu Lieferanten kleiner Zwischentöne für die große Klangfabrik.

Wer sich Glovers Bewegungen näher ansieht, der wird dabei unwillkürlich an ein verärgertes Kind denken, das wütend auf den Boden stampft – als könnte die Resonanzwelle noch die kleinsten Ungerechtigkeiten hinfortspülen. Doch wenn der stampfende Kinderfuß immer noch ein kommunikatives, d.h. zweckorientiertes Zeichen darstellt, dann wird dieses Signal bei Glover seines Gebrauchs beraubt, mutiert vom zielgerichteten Äußerungsakt zu einem maschinellen, ausdruckslosen Leerlauf -  Steppen als Geste. Denn erst – und dies gilt für Kunst wohl allgemein – das Verschwinden des Gebrauchswertes der Wörter, Zeichen, Bilder und Körper setzt eine Produktionsrythmik frei, die einerseits so selbsttätig funktioniert wie die perfekte Maschine, andererseits aber auch jene andere kindliche Erfahrung aufruft, die der Kunst so verwandt ist: das Spiel. Glovers Steppkaskaden verdanken sich zunächst einem gestisch gewordenen Körper, der mit seiner eigenen Maschinalität ein unentwirrbares Spiel treibt.

Rückkopplungs-Affekte

Seine irisierenden Bewegungen tarieren dabei jedoch auch das Verhältnis von Klangproduktion und affektivem Ausdruck neu aus, das für jede Form von Tanzmusik konstitutiv ist. Denn der musizierende Körper auf der Bühne ist nicht nur der Verursacher der Töne, er ist zugleich auch ihr erster Adressat, das Medium ihrer Impression. Was wären zum Beispiel die Red Hot Chili Peppers ohne die epileptischen Ausdruckszuckungen ihres Bassisten Flea, oder Die Sterne ohne die nordisch-arrogante Lässigkeit, mit der Frank Spilker aufs Mikrofon herabsingt oder Radiohead ohne den wie Rumpelstilzchen über die Bühne springenden Thom Yorke.  Doch wo Flea immer noch den Bass in den Händen behalten oder Thom Yorke nach seinen koboldischen Ausflügen stets seinen Mund wieder zum Mikrofon zurückführen muss, da erreicht Glovers Steppperformance eine ungeahnte, von den Zwängen der Klangproduktion weithin entbundene Freiheit der Ausdrucksbewegung bis idealiter der Töne hervorbringende und der von ihnen affizierte Körper ineinsfallen. Der Stepptänzer ist somit in eine Feedback-Schleife eingebunden, er selbst ist das Medium, das die vom ihm generierten Resonanzschleifen prozessiert, ein sich selbst mit seinen Affekten rückkoppelnder Körper -  der sich selbst affektierende Leib.

Stepptanz ist eine Form, das was dich bewegt, durch Rythmus und Klang hervorzubringen.

(Savion Glover, Falter 28/09)

Der Körper wird darin zu einer Art Tiermaschine oder einem Maschinentier. Seiner animalischen Robotik, die Produktion und Resonanz ununterscheidbar werden lässt, entspricht dabei ein distinktes Oszillieren zwischen lautgemaltem Tierleib und serieller Mechanik. Glover bringt kraft seiner stampfenden Füße sowohl Elefantenherden auf die Bühne, die jedoch mit der iterierenden Logik eines Computerprogramms ihre Bahnen ziehen als auch monoton hinfortschreitende Androiden, deren Koordination aber den umherstreifenden Instinkten eines Wolfsrudels entspricht.

Ewigkeit und Erschöpfung

In dieser doppelten Unterschreitung des Humanen in Richtung der Maschine wie des Tiers manifestiert sich nicht zuletzt die Idee einer Erlösung. Wenn Savion (von engl. savior: der Erlöser) Glover, seine Beine weiterhin rythmisch auf die Bühnenbretter eintretend, die Arme ausbreitet und den Blick über den Innenhof seiner Resonanzproduktion schweifen lässt, dann wirkt er wie eine Art Messias, der keine Botschaft verkündet, sondern die tranceartig oder meditativ in sich selbst versunkene Botschaft ist. Denn im animalischen Maschinenleib mutiert jeder Augenblick zu einem in seiner Potentialität unendlichen Kairos, in welchem der auf sich selbst einwirkende Körper genügsam der Zeit entsagt. Doch zugleich ist diese Potenz im seriellen Tierwerden auch an eine Erschöpfung, eine notwendige Endlichkeit gebunden, die an der Art und Weise ablesbar scheint, in der sich der Glovers Schweiß allmählich mit seinem T-Shirt zu einer klebrigen Masse amalgamiert, die keiner Rettung, sondern lediglich einer ordentlichen Waschmaschine bedarf. Aber auch das kann eine Form des Glücks bedeuten.

Nomen est omen

25/06/2009

Jedes Jahr veranstaltet die SPÖ auf der riesigen Wiener Donauinsel ein Gratis-Open-Air – das Donauinselfest halt. 7 Trillionen Besucher, größtes Open-Air-Festival jenseits des Jupiters, blabla. Nun hat es hier die vergangenen Tage wie aus Kübeln geschüttet und folglich stehen die Teile Österreichs, die noch nicht von Türken besetzt wurden, jetzt unter Wasser. Auch die Donauinsel. In Teilen zumindest. Bis zum Festivalstart soll morgen aber alles wenigstens gummistiefeltrocken sein. Mit wenigen Ausnahmen (berichtet DerStandard):

die Bühne der Sozialistischen Jugend kann am Freitag vermutlich noch nicht bespielt werden, da diese derzeit im Wasser steht.

Steht den Sozis das Wasser eher unfreiwillig bis zum Hals, haben andere jedoch das Donaunass geradezu herbeigerufen:

Die auf der Donauinsel angesiedelten Freizeitareale “Copa Cagrana” und “Sunken City” nahe der Reichsbrücke sind weiterhin überflutet.

Die Wiener Linien haben im Vergleich zur Düsseldorfer Rheinbahn ein paar nicht ganz unwesentliche Vorteile: Sie fahren mit dichtem Liniennetz, in vernünftiger Taktung, mit auch in Stoßzeiten ausreichendem Platzangebot, dazu noch pünktlich, haben ein leicht begreifliches Nachtbussystem, brennen in der Regel nicht ab und bieten obendrein noch was zum Gucken.

Letzteres bezieht sich auf die lustigen kreisrunden Piktogramme, die im Wageninneren kleben. Man könnte sie zunächst für iPod-Werbung halten, die schwarzweiß-konturierten Gestalten auf knallfarbigem Grund sollen jedoch keine Apple-People, sondern Personen vor Augen führen, für die man als Nichtabgebildeter den Sitzplatz räumen sollte. Also Schwangere, Frauen mit Kindern, Alte, Blinde.

Irgendein/e Gender Mainstreaming-Beauftragte/r wird sich diese Aufkleber auch einmal angeschaut haben. Dabei wird sich jedoch ihr/sein Gerechtigkeitssinn bis unter die Schädeldecke bemerkbar gemacht haben: Das Privileg, alt und blind zu sein, schien ganz den Männern vorbehalten. Während Kinder nur in Frauenarmen lagen. Und weil Gender Mainstreamer es nicht so sehr darauf anlegen, die Welt zu interpretieren, sondern sie vor allem verändern wollen, gibt es mittlerweile (seit Ende 2006) zwei Versionen der Sitzplatzräumungsaufkleber. Oben die alte, unten die neue Variante:

Wiener Linien(via Genderblog)

Man mag diese Bilderpolitik fortschrittlich nennen. Meinetwegen. Doch Gender Mainstreaming bleibt so etwas wie die neutrale Zone im Kampf zwischen Biologisten und Kulturalisten: Ihre Waffen haben sie hier nicht gestreckt, sondern lediglich in den Hosenbeinen oder wahlweise unter dem Rock versteckt. Was sich der Verwaltungsapparat der Stadt Wien unter Gender Mainstreaming vorstellt, illustriert das ganz gut:

  • “Gender” ist das “soziale Geschlecht” oder das “anerzogene Geschlecht” im Unterschied zum biologischen Geschlecht. Es bezeichnet die Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie. Das bedeutet, nicht stereotyp “die Frauen” oder auch “die Männer” in den Blick zu nehmen, sondern Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt zu berücksichtigen.
  • “Mainstreaming” heißt “in den Hauptstrom bringen”. Es bedeutet, dass bei allen Entscheidungen – also in Hinblick auf Leistungen, Produkte, Außendarstellungen, Personal und Organisation – immer berücksichtigt wird, dass sich Frauen und Männer in jeweils unterschiedlichen Lebenslagen befinden.

Wir haben also zwei Geschlechter, bestehend aus biologischer Hardware und sozialer Software. Klingt schlüssig. Und wer will schon stereotyp sein? Oder Vielfalt und Unterschiede unterdrücken?

Nein, ich auch nicht. Aber diese “Definition”, die wohl eher eine bürokratiepraktische Richtlinie darstellt, unterlässt es mal so ganz nebenbei nach der Verbindung von Biologie und Kultur zu fragen. Denn wenn das biologische Geschlecht keinerlei Auswirkungen auf das soziale Geschlecht hätte, wenn die Hardware keine spezifischen Software-Anwendungen ermöglichen oder verhindern würde, wer bräuchte dann noch einen derartig virtuellen Begriff des biologischen Geschlechts? Wer aber erst einmal eine Verbindung zwischen Biologie und Sozialisation eingesteht, der kann schließlich schwerlich eine Grenze ziehen, an der Gene und Hormone vor der kulturellen Wirklichkeit Halt machen würden. Die Sex-Gender-Debatte ist im Gender Mainstreaming also keineswegs aufgehoben, sondern mit “Rollen”-Rhetorik zugedeckt. Dass sie daraus wieder hervorbricht, ist nur zwangsläufig.

Es verwundert daher kaum, dass die gutgemeinten Piktogramme in der Inszenierung der Geschlechterdifferenz auf stupende Art und Weise konventionell funktionieren. Um nicht zu sagen: Einfältig, undifferenziert und stereotyp. Mann trägt Jacket und Hose, Frau Kleid oder Rock. Und ohnehin scheint die Biologie dafür gesorgt zu haben, dass Wesen mit Doppel-X-Chromosomen langes, voluminöses Haar haben, ihre XY-Gefährten aber kurze oder gar keine Frisuren tragen. Und natürlich wächst nur ihnen ein Bart. Wer genau hinguckt, der wird zudem erkennen, dass in der Eltern-Kind-Version die Mutter den Kopf leicht ihrem Kind zugewendet hat, während ihr männliches Pendant stur geradeaus blickt. Und man könnte natürlich fragen, welchen Zweck diese arg erzwungene Vereindeutigung der Geschlechterdifferenz verfolgt.

Am auffälligsten ist jedoch die Geschlechtslosigkeit des Kindes. Puppenähnlich liegt es vollkommen unbekleidet und merkmallos in den Eltern-Armen. Im Rahmen der Theorie dieser Bilder durchaus verständlich: Das Kind weilt genau auf der Indifferenzschwelle zwischen Biologie und Sozialisation, welche vom Gender Mainstreaming möglichst zugedeckt werden soll. Hier liegt sie blank vor Augen: Das Noch-Nicht-Sozialisierte biologische Etwas, aus dem jede Geschlechterdifferenz getilgt scheint; das, was noch keine Rolle erlernt hat, aber doch dem androgynen Reich physischer Wesen zugehört. Das Geschlecht, das noch keines ist, weil es aus der Rolle fällt.

Der Status dieser Piktogramme schwankt dabei zwischen Hinweis, Aufforderung und öffentlichem Gebot. Eine Art visuelle Hausordnung des öffentlichen Raums. Den runden Bildchen eignet also ein normierender Charakter, der noch durch die zweite Bildebene – diejenige der Geschlechterpolitik – hindurchscheint. Die Aufkleber stellen somit nicht nur ein soziopolizeiliches Gebot hinsichtlich der Aufteilung des physischen Raums dar, sondern sie sanktionieren gleichermaßen einen Raum öffentlicher Sichtbarkeit von Geschlechterdifferenz.

Der Gewinn, den diese neuen Bilder darstellen, besteht sicherlich darin, dass diese zweite Ebene durch die durchaus ironische Variierung der Motive reflexiv erkennbar wird. Im Versuch, Gender sichtbar werden zu lassen, verdecken sie jedoch durch den gebieterischen Anspruch auf Repräsentation die Möglichkeit der Frage nach dem Status von Geschlechterdifferenz. Und entblößen dieses Verbergen zugleich in der Kindpuppe.

P.S.: Es gibt übrigens noch eine dritte, nicht-offizielle Variante dieser Aufkleber-Reihe. Ich nenne sie einfach mal Ghetto-Blaster-Kid-Mainstreaming:

Wiener Linien2

(via Gebrauchsanleitung, Wien)

Prominentenraten

11/05/2009

Woran merkt man eigentlich, dass man im Ausland ist?

Daran, dass wenn ein angetrunkener Einheimischer einen anspricht, man denkt, er rede Englisch? Nein, das könnte auch in Franken passieren.

Daran, dass alle lebensnotwendigen Dinge andere Namen haben? Nein, das könnte auch in Berlin sein.

Daran, dass die ÖPNV-Pläne so verschlungen wirken wie altgriechische Landkarten? Nein, das trifft bereits auf Köln zu. (Zugegeben: Der Vergleich hinkt. Die Griechen nutzten den Einsturz eines Gebäudes immerhin zur Erfindung der Erinnerungskunst, während im Linksrheinischen das gesamte Stadtgedächtnis selbst kollabiert.)

Dass man nicht in Deutschland weilt, dafür gibt es nur einen zuverlässigen Indikator: Die Nutella-Spots.

Deren Prinzip besteht bekanntlich darin, junge Männer, deren schauspielerisches Talent sich zumeist auf Fallsituationen inklusive Schiedrichterherzen ergreifende Schmerzensschreie beschränkt, als kleine, eher unfreiwillig komische Buben zu inszenieren, deren Glückseligkeit vom Stiebitzen einer Nuss-Nougat becremten Brotscheibe abhängt. Und weil es sich bei diesen jungen Männern um mehr oder minder berühmte Fußballnationalspieler handelt, schreiben die findigen Drehbuchautor auch immer einen Ball in den Fernsehkasten, der natürlich auf stets ulkige Art und Weise in und durch die Szenerie fliegt. Am Ende aber der Nutella-Schnitte den Vorrang überlässt.

Man muss zugeben: Es gibt Hollywood-Filme, deren Drehbücher haben weniger Ideen. Dennoch dürfen die immer zahlreicher werdenden Sequenzen von braune Brotscheiben verzehrenden Balltretern wohl mit Fug und Recht als Kleinode derjenigen Art von Werbekunst bezeichnet werden, deren Berühmtheit mit ihrer Einfallslosigkeit korreliert. Dass Kevin “Kein-Tor-ist-so-groß-dass-man-die-Kugel-nicht-daneben-stolpern-könnte” Kuranyi der Pin-up-Boy für Nuss-Nougat-Fanatiker geworden ist, kann dementsprechend kein Zufall sein.

Man wird also Verständnis dafür aufbringen, dass ich bei Nutella-Spots den Ton lieber ausschalte.

Ein Fehler, wie sich am Wochenende herausstellte.

Da erblickte ich beim österreichischen Sender A-TV – der dankenswerterweise die deutsche Bundesliga überträgt – in der Halbzeitpause das bekannte Szenario: Ein lichtdurchfluteter Frühstückssaal im Jugendherbergsambiente, junge Männer in sportiver Kleidung, ein Ball sowie ein randvolles Glas Nuss-Nougat-Aufstrich. Allein der Protagonist des selbstredend besonders ulkigen Kunstschusses in diesem Spot irritierte mein Gedächtnis derart, dass ich bereits befürchtete, mein jüngster Köln-Besuch habe doch bleibenden Schaden hinterlassen. Der Mann, den ich meine, ähnelte zwar in Bezug auf Farbe wie Schrecklichkeit von Frisur und Bart dem Stadionflüchtling Kevin K. durchaus, aber er guckte einfach etwas intelligenter.

Ich begann also eine Art stilles Prominentenraten: Welchen unbekannten Nachwuchs-Nationalkicker könnte man hier gecastet haben? Serdar Tasci? Nein, den kenn’ ich. Andreas Beck? Nein, der ist blond. Marcel Schäfer? Nein, der trägt keinen Bart. (Wer Marcel Schäfer nicht kennt: Der spielt beim VfL Wolfsburg. Wer Wolfsburg nicht kennt: Das ist der Verein von Felix Magath, der zukünftig Kevin K. auf Schalke die Schnitten schmieren wird. Wer Schalke nicht kennt: Macht nix.)

Die Antwort dämmerte mir erst beim Abspann, in dem ich das DFB-Logo vermisste. Ödipus wird beim Sturz der Sphinx kaum euphorischer gewesen sein als ich in dem Moment, da ich des Rätsels Lösung ersann: Es war natürlich ein österreichischer Nationalspieler! Und bei dem darf dann durchaus Zweifel angemeldet werden, ob seine Landsleute ihn erkannt hätten.

Genau genommen war es ein gewisser Ivica Vastic. Den Österreichern dürfte er aber durchaus noch im Gedächtnis geblieben sein, weil er bei der EM im letzten Jahr ein Tor für seine Farben erzielte. Und damit genau so viele wie die ÖFB-Auswahl im gesamten Turnier.

Aber immerhin auch eines mehr als Kevin K.

Die Wiener müssen aufrichtige Menschen sein. Jedenfalls wenn man den schmandigen Plastiktaschen Glauben schenken darf, die allerorts an Straßenecken hängen. Nahezu alle gängigen Zeitungen liegen in diesen Säcken griffbereit. Quasi Zeitungskästen light.

Der feine Unterschied: Um an die Blätter zu gelangen, braucht man kein Geld hineinzuwerfen – man kann sie einfach so hinausziehen. Darüber hängt dann ein kleines Eisenfächlein mit der freundlichen Bitte, den entsprechenden Betrag dort hineinzugeben. Eine Bitte wohlgemerkt, keine Forderung. Wer will, der kann sich Qualitätsware wie den Standard oder hübsche Bildbände wie die Krone auch gratis ziehen. Wobei ich mir noch nicht so ganz sicher bin, ob das dann Diebstahl ist oder einfach nur Verweigerung einer freiwilligen Spende.

Würde eine Zeitung in Deutschland auf ein solche Idee kommen, sie wäre wohl binnen Monatsfrist pleite. Eine Bitte ist für Deutsche halt eine Bitte, also eine weitestgehend irrelevante Äußerung, für die keine kognitive Verarbeitungsmechanismen existieren. Das deutsche Hirn ist nämlich kantianisch strukturiert: Nur Input, der die neuronalen Pflichtbahnen entlang düst, wird in motorische Aktion rückübersetzt. Also in das Zücken des Portemonnaies. Die österreichischen Hirnwindungen sind hingegen höflichkeitssensitiv: Für Können und Müssen gelten die gleichen Aktionspotentiale.

Das führt im Umkehrschluss natürlich dazu, dass der Österreicher auch an die Freiwilligkeit appelliert, wenn er eigentlich einen Zwang meint. Auf einer überfüllten Straße würde der eilige Deutsche sagen: “Zur Seite, du Arsch!” Die österreichische Variante lautet dagegen: “Könnten’s bitte zur Seite treten, gnäd’ger Herr?” Gemeint ist in beiden Fällen freilich das selbe. Allein hat die südalpine Version den Vorteil, dass man dem Sprecher tatsächlich eine bittende und keine fordernde Absicht unterstellen kann.

So verfahre ich denn auch mit dem Standard: Das Schild mit dem Geldschlitz am Plastiksack interpretiere ich gemäß des österreichischen Registers. Es könnte eine Bitte sein. Und die ist für mein deutsches Register nunmal belanglos.

Bitter-Orange

08/05/2009

In der EU fühlt sich Österreich wie ein Tourist im Wiener Kaffeehaus: Man weiß nicht so recht, warum man eigentlich da ist, wartet darauf, dass der Ober die Getränke zur überteuerten Rechnung serviert und regt sich indessen über seine Unfreundlichkeit auf. Aber weil’s im Grunde doch recht gemütlich ist, kommt man so schnell nicht wieder heraus.

Dass aus dem Wiener Umland Wahlsprüche wie “Für Österreich da, statt für EU und Finanzmafia” plakatiert werden, gehört dabei schon beinahe zum Lokalkolorit hinzu. Zumal die FPÖ – nein, die klingen nur wie die FDP, haben aber wenig mit Freidemokraten im Allgemeinen und Westerwelle im Besonderen gemein – in dieser Hinsicht ja auch ein bisschen vorbelastet ist. Dass auch die sogenannten Sozialdemokraten der Alpenrepublik sich als “A-Team” (sprich: “Austria-Team”) vorstellen und im Tonfall besorgter Elterninitiativen fragen “Wer schaut in der EU auf Österreich?”, darf wohl auch noch unter die Rubrik populistischen Parasitentums fallen.

Schlimmer ist jedoch, dass hier nicht nur so geredet wird, als wäre man am liebsten nicht in der EU, sondern einige auch so handeln, als sei man tatsächlich nicht drin.

Nehmen wir zum Beispiel Orange. Eine Tochter des Mobilfunkkonzerns France Telekom. Eine ziemlich groß gewachsene Tochter überdies, die von der Freizügigkeit des europäischen Binnenmarktes nicht schlecht profitiert haben dürfte. Orange wirbt in Österreich jedenfalls derzeit mit halber Grundgebühr für zwei Jahre. Das ganze klingt auch noch ähnlich wie die SPÖ-Werbung – “Team Orange”. Dazu gibt’s das iPhone. Und 3GB pro Monat. Und 400 Freiminuten in die EU pro Monat. Wir wären also ein Liebes-Team gewesen.

Allein: Die Braut wollte nicht so recht, verlangte vom Gatten in spe erst einmal Meldezettel, Bankkonto und Reisepass(!). Meinen Einwand, dass ich den Reisepass niemals, noch nicht mal zur Flugbuchung brauche, veranlasste den netten Orange-E-Mail-Mitarbeiter zum argumentativen Totschlag: “Wir informieren Sie, dass wir für die Anmeldung alle geforderten Dokumente benötigen.” Ach so.

Um das Papier jemandem vor Augen zu halten, wanderte ich schließlich in den Orange-Shop im wahrscheinlich häßlichsten Einkaufszentrum nicht nur Wiens, sondern wahrscheinlich auch südlich der Alpen. Dort wollte ich – also Orange-Wartenummer 138 – dem noch netteren Orange-Mitarbeiter eigentlich erklären, warum er meinen Reisepass nicht braucht. Er ist ja schließlich kein Anti-Terror-Kämpfer. Soweit kam’s aber gar nicht, denn mit einem verdutzten Blick auf meine sorgsam zusammengetragenen Unterlagen zum Beleg meiner Existenz sagte er: “Für einen Vertrag müssen Sie mindestens drei Monate in Österreich gelebt haben.” Meine Frage klingt auch Tage später für meine Ohren noch verständlich: Warum? – “Als EU-Bürger müssen sie mindestens drei Monate hier gewohnt haben.” Aber warum? “Als Nicht-EU-Ausländer sind’s sechs Monate.” Ach so.

Ich kann mich nicht erinnern, mich von ihm verabschiedet zu haben.

Im Anschluss habe ich dann nochmal die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Orange aufgeschlagen. Das 3-Monats-Kriterium für EU-Ausländer taucht darin nicht auf. Und meinen herzlichen Glückwunsch zur Vereitelung eines knapp 700 Euro umfassenden Auftrags erwiderte das Orange-Team so:

Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir auf Grund der großen Anzahl von Anmeldungen von EU-Bürgern auf diese Anmeldekriterien bestehen müssen.

Hmm. Eine große Anzahl von Anmeldungen. Das freut ein Unternehmen in der Regel doch. Orange nicht. Orange hat zu viele Kunden. Und das inmitten einer Wirtschaftskrise – da will man ja bekanntlich möglichst wenig Kunden haben!?

Jedenfalls scheint mir dieses ganze Orange-Angebot einen bitteren Beigeschmack zu haben. Man lockt mit 400 Freiminuten in die EU die vielen in Österreich lebenden EU-Bürger (2008: über 300 000), gewährt ihnen den Tarif aber nicht, weil man Angst hat, dabei draufzuzahlen. Denn Geld verdient man ja nur mit den teuren Tarifen, die nach dem Freiminutenverbrauch greifen. Und da hofft man anscheinend auf Studenten – für die gilt die 3-Monatsregel nämlich nicht.

Wäre ich selbst Politiker, dann würde ich jetzt auf Autobahnen und Straßenkreuzungen blicken und mit weinerlicher Stimme fragen: “Wer schaut in Österreich auf EU-Bürger?”

Mach’ ich zwar nicht. Aber ich hasse es, wenn ein Plan nicht funktioniert.

Vienna Calling

08/05/2009

Hallo zusammen!

Dieser Blog wird sich in Zukunft in unregelmäßiger Folge mit Marginalien aus meinem Wiener Leben beschäftigen. Da es mein erster Blog ist, freue ich mich natürlich über Tipps, Ratschläge und Verbesserungswünsche. Wer seinen Senf zu meinem Leben hinzugeben möchte, dem sei die Kommentarfunktion ans Herz gelegt. Habt aber Verständnis dafür, dass ihr euch per e-mail bei mir registrieren müsst, um diese nutzen zu können.

Alles weitere wird sich dann noch zeigen.

Aus dem 15.,

Dominik Maeder

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