Das war Mist.

Was als Finale der sich letztendlich in unerträglicher Art und Weise selbststilisierenden und selbsthistorisierenden Serie LOST aus Damon Lindelofs und Carlton Cuse’s Federn geflossen ist, war bestenfalls enttäuschend. Nonsinnig würde jedoch besser passen.

Gewiss: Nach der teils brachial aufs baldige Ende zustrebenden Erzählweise der letzten Staffel mit ihrer teils an Lächerlichkeit stoßender melodramatischer Mystik, die all den selbstironischen Witz, den vorsichtigen, tastenden Erzähl-Gestus und die Abruptheit der Überraschungseffekte vermissen ließ, welche die Serie in ihren besten Momenten auszeichneten, hatte wohl niemand mit einem befriedigenden Finale gerechnet, das den Anspruch einer “reasonable explanation” aller Ereignisse auf wie abseits der Insel und einer allegorischen Pointe erfüllen könnte. Doch wie weit die Serie am Ende noch die Minimalerwartung unterschritten hat, ist schon bemerkenswert. Da lässt Regisseur Jack Bender beispielsweise im Showdown zwischen Jack alias Jacob-sein-Nachfolger und dem ManInBlack alias Smokey alias Jacob-sein-toter-Bruder-der-aussieht-wie-der-ebenfalls-tote-John-Locke ersteren mit erhobener Faust von einer Klippe auf letzteren zuspringen als gelte es, eine Version von Matrix zu drehen, die noch peinlicher als das Original wäre. Ein Glück, dass die ungewollt parodistische Szene dank ungelenkem Drehbuch auch bald wieder vorbei ist. Dass natürlich Jack überlebt, scheint zunächst ungemein wichtig, wäre – retrospektiv betrachtet – (wie eigentlich so ziemlich alles) aber andernfalls auch egal gewesen.

Denn ob die Zerstörung der Insel, das Entkorken des Höllenportals und die Migration von Fake-Locke in den Rest der Welt in irgendeiner Form fatal gewesen wären, erfährt man schlicht und einfach nicht. Die Relation von Insel zu Rest-Welt bleibt vollkommen ungeklärt. Stattdessen inszeniert die Serie auf nur gelegentlich anrührende (Sawyer und Juliet), zumeist aber erbärmlich pathetische Weise, vor allem aber in kitschiger Redundanz den Flash-Sideways-Strang als quasi-himmlischen Ort kollektiv-mentaler Schaffungskraft, der letztlich alle Losties in einer Kirche zusammenführt, wo der nicht gerade subtil benannte und vor einem, die Symbole der Weltreligionen versammelnden, Kirchenfenster posierende Christian Shephard im Stile psychologischer Ratgeberliteratur vor sich hin brabbelt, dass dieser Flash-Sideways eine Art Nachleben darstellt, welches die Losties (freilich nicht alle, sondern nur die wichtigen – der Rest, inkl. Walt und Michael ist Gott-weiß-wo) IRGENDWIE geschaffen haben, “to move on”. Nach LOST kommt also logischerweise FOUND. Wie das so genau vonstatten gegangen sein soll, ist ja auch nicht so wichtig. (Merke: Der sicherste Weg, die Liebsten nach dem Tod wiederzusehen, besteht darin, eine Wasserstoffbombe über einer starken elektromagnetischen Quelle explodieren zu lassen.)

Lost endet also mit der Botschaft einer Akzeptanz der Sterblichkeit, die durch die Ewigkeit kollektiver Bewusstseinsorte aber gleichsam wieder zurückgenommen ist sowie mit einer überaus konventionellen Schlusssequenz, die den gesamten (naja: fast den gesamten) Cast versammelt. Spätestens wenn sich dann alle ganz doll lieb haben und herzen und ganz feste drücken und Christian erklärt, dass sie alle hier versammelt, weil – ungeachtet der Möglichkeit, dass einige außerhalb der Insel noch weitergelebt haben mögen – die Zeit auf der Insel, das Beste aus ihnen hervorgebracht habe, wartet man nur noch darauf, dass jetzt alle zu “I’ve had the time of my life” einstimmen, sich an alten Anekdoten ergötzen und schließlich aus Langeweile irgendwelche pubertären Saufspiele spielen. Denn der Quasi-Himmel von LOST ist nicht mehr als ein ewiges Klassentreffen, das gerade die Suspendierung und Konservierung jener unbarmherzigen Zeit herbeiführt, die sich auf der Insel noch zu einem wirren Knäuel aus Protentionen und Retentionen verschleift hatte.

Das war also Mist. (Man bemerke die subtile Anspielung auf den Beginn dieses Posts.)

Das einzig Positive an diesem Ende hat ein Kommentar von “Mr.$tuart” auf lostblog.net festgehalten:

“This ending does leave open a spin off for a Sawyer and Miles cop show.”

Flights on Earth

10/12/2009

Als ich gestern die Pilotfolge von der als LOST-Nachfolger hochgemarkteten ABC-Serie FlashForward anschaute, musste ich bei der Information, dass während des 137 sekündigen Blackouts der Weltbevölkerung allein in den USA 877 Flugzeuge abgestürzt seien, doch etwas stutzen. Denn dank Autopilot schadet ein 2-Minuten-Nickerchen im Cockpit eigentlich keiner Maschine, die tatsächlich in der Luft ist. Bei Starts und Landungen sind geflashforwardete Piloten freilich schon ein kleines Problem. Es müssten jedoch schon reichlich viele Flieger in der Luft (respektive bei Start und Landung) sein, um eine solch enorme Anzahl an Abstürzen zu legitimieren.

Während WolframAlpha mir meine Frage nach der Anzahl der weltweit momentan in der Luft befindlichen Flugzeuge  - in verschiedensten Variationen formuliert –  nicht beantworten kann, liefert FlightAware zumindest ein Live-Tracking Ergebnis für die USA: Demzufolge sind derzeit (10.12.09, 7:20AM EST – also noch nicht mal zur Rush-Hour oder wie man das im Flugverkehr nennen mag) 2337 Flugzeuge im nordamerikanischen Luftraum unterwegs. Dass jetzt ein Drittel davon abstürzt, wenn die Piloten zwei Minuten lang ihren Facebook-Status checken, halte ich zwar für unwahrscheinlich, aber bei Bewusstlosigkeit könnten natürlich irgendwelche wichtigen Selbstzerstörungstasten und -knöpfe aus Versehen berührt werden. Also meinetwegen.

Geschrieben wurde dieser Post aber eigentlich aufgrund eines Simulations-Videos der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaft, auf welches ich bei der Recherche zufällig stieß und das für die Dauer eines Tages die Flugbewegungen auf der ganzen Welt visualisiert. Die Erde wird dabei zu einer Art Lavalampe, in der die großen Ballungszentren (USA, Europa, Süd-Ost-Asien) einerseits höchstverdichtete Räume permanenten, um sich kreisenden, nachts rasch, jedoch nur kurz versiegenden Selbst-Austauschs darstellen, andererseits aber fortdauernd kleine amorphe Schwärme empfangen und abstoßen, so dass der Weltinnenraum der Bewegung gewissermaßen einem beständig sich modulierenden Feld elektromagnetischer Kräfte gleicht. (Es wäre spannend diese Simulation mal mit einer Visualisierung der weltweiten Datenströme binnen 24 Stunden zu vergleichen.)

[Anmerkung: Jeder gelbe Lichtpunkt repräsentiert dabei ein Passagierflugzeug mit mindestens 100 Passagieren.]

Insel in Sicht

08/12/2009

Neues von LOST: Die finale sechste Staffel startet am 2. Februar 2010 auf ABC. Da die fünfte mit der großen Frage schloss, ob die Bombe, die den “Incident” verhindern soll, nun tatsächlich schon immer zur Geschichte der Insel gehörte, also selbst der Incident war und die Zeitreise damit einen geschlossen Kreis der sich selbsterfüllenden Prophezeiung darstellte (“Whatever happened, happened”) oder ob Juliet’s finale Intervention nun doch die Variable war, von der Faraday nach seiner Rückkehr sprach, wird es wohl seitens ABC keine Trailer geben, die tatsächlich aussagekräftiges neues Drehmaterial enthalten.

“I think even a single scene from the show would basically tip what it is we’re doing this year, and what it is we’re doing this year is different than what we’ve done in other years.”

(Damon Lindelof, Quelle: http://scifiwire.com/2009/11/losts-final-season-will-a.php)

Die offiziellen Trailer #1, 2, 3 und 4 sind in eben diesem Sinne gehalten. (Es gibt jedoch einen Trailer, den der spanische Sender “Cuatro” offenbar selbst produziert hat und der – unterlegt mit Radiohead’s “Everything in its right place” – die Insel als Schachbrett darstellt, was die Verantwortlichen von LOST offenbar gutheißen.) Was derweil bekannt ist: LOSTs narrative Strategie besteht eigentlich immer im doppelten Umschlag: Zu einer These (zB: “Whatever happened, happened”) wird eine Gegenthese vorgestellt (zB die “Variable”-These), wobei derjenige Charakter (zB Faraday), der die Antithese vorbrachte, persönlich von der These eingeholt wird (Eloise, die Faraday erschießt) – jedoch nur, damit anschließend wiederum der Gegenthese zugesprochen werden kann. Es spricht also alles dafür, dass es die Variable gibt. Nur ist sie eben nicht Faraday, sondern Juliet. Und die erste Episode der sechsten Staffel soll “LA X” heißen, was die Abkürzung für den internationalen Flughafen von Los Angeles darstellt. (Obgleich “LAX” natürlich auch eine ganze Menge andere Sachen bedeuten kann. Und mit falschen Fährten sollte man bei LOST immer rechnen…)

Ich gehe dennoch schwer davon aus, dass die Eröffnungssequenz der sechsten Staffel die planmäßige Landung von Oceanic-Flug 815 in Los Angeles zum Gegenstand haben wird. Hinweise dafür? Bitte:

1. Ein fiktives Werbevideo von Oceanic Airlines, offenbar gezeigt auf der diesjährigen Comic-Con, die sich darin einer tadellosen Sicherheitsbilanz rühmt:

2. Ein ziemlich witziges fiktives Werbevideo für Hurley’s Hühnchen-Fastfoodrestaurant “Dr. Clucks”, offenbar ebenfalls von der Comic-Con. Zitat: “Ever since I won the lottery, I had nothing but good luck.”

(Anmerkung: Es ist sehr schwer aus den ganzen YouTube-Videos mit dem Schlagwort “Lost Season 6″ die gefälschten herauszufiltern, zumal einige richtig gut gemacht sind. Bei den vorliegenden bin ich mir der Echtheit jedoch relativ sicher.)

(Es gab offenbar noch ein drittes Video, das ein Portrait von Kate in der amerikanischen Variante von “Aktenzeichen XY ungelöst” beinhaltet.) Als Drehbuchschreiber würde mich dieses Szenario wahnsinnig machen, denn natürlich wird LOST auch in Staffel 6 auf der Insel spielen, kann kein “Wir-müssen-wieder-zur-Insel-zurück”-Abklatsch der fünften Season abgedreht werden und dürfen die Erlebnisse der Losties nicht einfach ungeschehen sein. Season 6 wird also mit einer narrativen Katastrophe beginnen, aber LOST wäre nicht LOST wenn es die risikoarmen Gepflogenheiten üblicher Fernsehproduktionen fortsetzen würde.

Nicht-immanente Theorie folgt hoffentlich später…

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