Verzweifelte Unternehmensberater, machtlose Regierungsvertreter, glückliche Sushi-Chefs: Ein Vulkan pulverisiert die öffentliche Ordnung in Europa. Eine Reportage über die Aschewolke aus Hamburg, Düsseldorf, Köln und Wiesbaden.
Hamburg, Sonntag, 2.30 Uhr in der Früh: Masaru Suzushima lächelt ein angestrengtes Lächeln, das so glücklich wirkt wie der das schlafende Gesicht eines vom Spielen ermüdeten Kindes. “Seit drei Tagen habe ich nicht geschlafen”, verrät der 41-Jährige Deutsche japanischer Herkunft, “aber vielleicht kann ich mir nachher eine halbe Stunde gönnen.” Dafür wird er sich gegen 4 Uhr früh in den ersten Stock des unauffälligen Gebäudes in der Nähe der Binnenalster zurückziehen.
Seit dreizehn Jahren schon bewohnt der Eventmanagement-Assistent das kleine Appartement in der Ferdinandstraße, wollte eigentlich schon längst umgezogen sein. Dass ihm ausgerechnet seine Wohnlage das Geschäft seines Lebens ermöglichen würde, damit hätte er nie gerechnet. Nicht bis zur Aschewolke. Als die am Donnerstag sich über Norddeutschland ausbreitete und für die Schließung des Hamburger Flughafens sorgte, stand Suzushima bereits in den Startlöchern. Ein befreundeter Meteorologe hatte ihm den Zug der Rauchwolke aus dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull prophezeit. Und der Sohn japanischer Einwanderer zog die richtigen Schlüsse: “Keine Flüge bedeuten für Hamburg mehr Hotelgäste, Businessgäste vor allem, die Freitags die Stadt wieder verlassen. Und wo essen die zumeist? Na klar: Im Sushi-Restaurant!”
Asche zu Asche
Also mietete der 41-Jährige kurzerhand die gerade frei gewordene, noch vollmöblierte Restaurantfläche im Erdgeschoss des Hauses, tauschte in Windeseile Stühle und Tische aus, engagierte einen Koch, drei Gehilfen und zwei Kellnerinnen und eröffnete am Samstag das “Haiiro no kumo” – zu deutsch: “Die graue Wolke”. Einheitliche Gläser, Teller oder eine Speisekarte gab es am ersten Tag zwar nicht, dafür aber eine Internetseite, einen Eintrag bei GoogleMaps und eine Telefonnummer. Zielsicher führten ihre Blackberrys die Kundschaft zur Eingangstür, an der nur ein Pappschild mit dem Namen und den Öffnungszeiten (18-3 Uhr) hängt. 350 Gäste bewirtete er am ersten Abend. Am Sonntag sollen es nochmals so viele werden.”Bereits nach dem ersten Tag habe ich alle getätigten Investitionen wieder eingenommen. Am Montag werde ich bei der Bank schon den Sofortkredit zurückzahlen können”, verrät der stolze Neu-Restaurantchef nach dem Kassensturz. Mit der Asche lässt sich auch Asche machen.
Bonusmeilen-Revolte
Düsseldorf, Freitag, 17 Uhr: Die Kundschaft, die in Hamburg für horrende Umsätze in Bewirtungsbetrieben sorgt, sitzt auch in Düsseldorf fest: “Wir sind nur noch zu 30 Prozent arbeitsfähig”, verrät ein leitender McKinsey-Manager, der anonym bleiben möchte. Jeder zweite deutsche Unternehmensberater, so der Insider, sei von der Sperrung des Luftraums betroffen und sitze nun irgendwo zwischen Glasgow und Zürich fest. Die Stimmung bei Branchenvertretern ist dementsprechend buchstäblich am Boden: “Ich muss doch am Wochenende in meine Wohnung nach München, um die verschimmelten Lebensmittel vom letzten Wochenende zu entsorgen”, klagt der PricewaterhouseCoopers-Angestellte Llyod Hanelsbüch, der überdies sein Hotelzimmer im Steigenberger Parkhotel an der Kö räumen musste. Mit einem Stern weniger, dafür aber in direkter Flughafennähe nächtigt er nun im Maritim-Hotel, das bis Sonntag restlos ausgebucht ist. Das Personal behandelt die Sorgen der Gäste mit gebührendem Ernst. Szenen wie in Köln, wo ein Hotelangesteller scherzhaft verkündete, dass Ryan-Air von Weeze aus noch eine Maschine nach London startete – woraufhin binnen 20 Minuten etwa zweihundert Taxis vor der Türe hielten – sollen hier nicht vorkommen: “Der rheinische Frohsinn muss vor einer solchen Katastrophe auch Demut zeigen”, mahnt Hotelmanager Dietrich Scheikelborn.
Doch die Stimmung bleibt explosiv: Als wegen Überlastung das hotelinterne W-LAN ausfiel, stürmten 150 aufgebrachte Businessgäste zuerst die Lobby und zogen dann weiter zum Lufthansa-Schalter am Düsseldorfer Airport. Die selbsternannte “Bonus, wem Bonus gebührt”-Bewegung wollte dort ihren Anspruch auf die Bonusmeilen geltend machen, den die nicht-vollzogenen Flüge der Airline sie gekostet haben. “Alleine meine drei Flüge am Wochenende nach Istanbul, von dort nach Köln und dann nach Kairo hätte mir Anspruch auf 7312 Meilen gebracht”, zeigt sich Fonds-Manager Bernd Saalbeick erzürnt, “damit wollte ich doch meinem Neffen eine Logen-Karte für die AllianzArena bezahlen.” Doch der werte Neffe muss sich gedulden: “Wir holen uns derzeit noch juristische Expertise für den Bonusmeilen-Anspruch ein”, teilte Lufthansa-Sprecher Günter Greiling am Freitag mit. Wütende Vielflieger verbrannten daraufhin demonstrativ ihre silbernen und goldenen Teilnehmerkarten vor dem Terminal A des Düsseldorfer Flughafen. Eine winzige schwarze Rauchsäule war so kurzzeitig das Symbol für das Elend einer ganzen Wirtschaftszunft. Für den Flugverkehr schädliche Partikel gelangten nach Auskunft der schnell herbeigeeilten Flughafenfeuerwehr nicht in die Luft, versicherte ein Sprecher.
Das Protest-Feuer blieb jedoch nicht der einzige Weg, auf dem die gestrandeten Passagiere ihren Frust abbauten. 378 Prozent mehr Unfälle mit Mietwagenbeteiligung verzeichnete beispielsweise die Autobahnpolizei in Nordrhein-Westfalen, in einem Streit um das letzte Erste Klasse-Ticket für den ICE nach Berlin soll es am Kölner Hauptbahnhof sogar zu handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen mehreren Reisenden gekommen sein, in deren Verlauf zwei Laptops, drei Smartphones, vier Rollkoffer und eine Versace-Krawatte vollkommen zerstört worden sein sollen. Die Bundespolizei konnte den Tathergang noch nicht bestätigen, postierte aber sicherheitshalber Beamte vor der DB-Lounge und am Priority-Counter des Reisezentrums. Steht der Republik ein neuer Klassenkampf bevor? “Wenn die Situation mit der Aschewolke noch länger anhält”, so Peter Sloterdijk und Thilo Sarrazin in einem gemeinsamen Exklusiv-Interview im ‘Cicero’, “dann könnten sich auch in der gesellschaftlichen Sphäre Eruptionen ereignen, die von den steuerrechtlich Ausgebeuteten ausgehen.”
Vulke, vulkanieren, Vulkanier
Wiesbaden, Freitag, 14 Uhr: “Wir sind diesem Vulkanausbruch nicht gewachsen.” Was laut einer aktuellen Forsa-Blitzumfrage zwei Drittel aller Deutschen denken, spricht auch Volker Weichselsgern aus. Doch der promovierte Linguist hat dabei nicht die Verkehrsinfrastruktur im Sinn, sondern die Sprache. Er leitet daher die kurzfristig eingerichtete Kommission der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zur Entwicklung eines adäquaten Vokabulars bei der Berichterstattung über den Vulkanausbruch. “Wie einige Medien die Katastrophe sprachlich vermitteln, entspricht noch nicht einmal dem Niveau, das von Zehntklässlern in Erdkunde-Klausuren erwartet wird”, klagt der 53-Jährige. Schon der überhaupt schwerlich abzuschreibende Name des Vulkans stellt für den Sprachforscher ein Ärgernis dar: “Der Name ‘Eyjafjallajökull’ bedarf dringend einer Germanisierung”, fordert Weichselsgern und schlägt den auch boulevardtauglichen Begriff ‘Eyfa’ vor. “Die semantische Ressonanz mit der Protagonistin des Sündenfalls betont das biblische Ausnahme dieser Katastrophe”, so die Begründung. Auf der Liste von nahezu 120 Begriffen, welche die GfdS im Zuge des Vulkanausbruchs in die deutsche Sprache einbringen möchte steht unter anderem das Verb ‘vulkanieren’ für den Umstand des ‘Austritts von Asche aus einem Vulkan’ (“Dass ein Vulkan Asche ‘schleudert’, ‘stößt’ oder gar ‘spuckt’ ist einfach nur blanker Unsinn”), während das Nomen ‘Vulke’ den populären Begriff ‘Aschewolke’ ersetzen soll. Und auch für die von den Folgen der Eruption Betroffenen steht ein Eigenname parat: ‘Vulkanier’ sollen sie in Zukunft heißen. Mögen sie lang und in Frieden leben.