LOST and FOUND: Das ewige Klassentreffen
27/05/2010
Das war Mist.
Was als Finale der sich letztendlich in unerträglicher Art und Weise selbststilisierenden und selbsthistorisierenden Serie LOST aus Damon Lindelofs und Carlton Cuse’s Federn geflossen ist, war bestenfalls enttäuschend. Nonsinnig würde jedoch besser passen.
Gewiss: Nach der teils brachial aufs baldige Ende zustrebenden Erzählweise der letzten Staffel mit ihrer teils an Lächerlichkeit stoßender melodramatischer Mystik, die all den selbstironischen Witz, den vorsichtigen, tastenden Erzähl-Gestus und die Abruptheit der Überraschungseffekte vermissen ließ, welche die Serie in ihren besten Momenten auszeichneten, hatte wohl niemand mit einem befriedigenden Finale gerechnet, das den Anspruch einer “reasonable explanation” aller Ereignisse auf wie abseits der Insel und einer allegorischen Pointe erfüllen könnte. Doch wie weit die Serie am Ende noch die Minimalerwartung unterschritten hat, ist schon bemerkenswert. Da lässt Regisseur Jack Bender beispielsweise im Showdown zwischen Jack alias Jacob-sein-Nachfolger und dem ManInBlack alias Smokey alias Jacob-sein-toter-Bruder-der-aussieht-wie-der-ebenfalls-tote-John-Locke ersteren mit erhobener Faust von einer Klippe auf letzteren zuspringen als gelte es, eine Version von Matrix zu drehen, die noch peinlicher als das Original wäre. Ein Glück, dass die ungewollt parodistische Szene dank ungelenkem Drehbuch auch bald wieder vorbei ist. Dass natürlich Jack überlebt, scheint zunächst ungemein wichtig, wäre – retrospektiv betrachtet – (wie eigentlich so ziemlich alles) aber andernfalls auch egal gewesen.
Denn ob die Zerstörung der Insel, das Entkorken des Höllenportals und die Migration von Fake-Locke in den Rest der Welt in irgendeiner Form fatal gewesen wären, erfährt man schlicht und einfach nicht. Die Relation von Insel zu Rest-Welt bleibt vollkommen ungeklärt. Stattdessen inszeniert die Serie auf nur gelegentlich anrührende (Sawyer und Juliet), zumeist aber erbärmlich pathetische Weise, vor allem aber in kitschiger Redundanz den Flash-Sideways-Strang als quasi-himmlischen Ort kollektiv-mentaler Schaffungskraft, der letztlich alle Losties in einer Kirche zusammenführt, wo der nicht gerade subtil benannte und vor einem, die Symbole der Weltreligionen versammelnden, Kirchenfenster posierende Christian Shephard im Stile psychologischer Ratgeberliteratur vor sich hin brabbelt, dass dieser Flash-Sideways eine Art Nachleben darstellt, welches die Losties (freilich nicht alle, sondern nur die wichtigen – der Rest, inkl. Walt und Michael ist Gott-weiß-wo) IRGENDWIE geschaffen haben, “to move on”. Nach LOST kommt also logischerweise FOUND. Wie das so genau vonstatten gegangen sein soll, ist ja auch nicht so wichtig. (Merke: Der sicherste Weg, die Liebsten nach dem Tod wiederzusehen, besteht darin, eine Wasserstoffbombe über einer starken elektromagnetischen Quelle explodieren zu lassen.)
Lost endet also mit der Botschaft einer Akzeptanz der Sterblichkeit, die durch die Ewigkeit kollektiver Bewusstseinsorte aber gleichsam wieder zurückgenommen ist sowie mit einer überaus konventionellen Schlusssequenz, die den gesamten (naja: fast den gesamten) Cast versammelt. Spätestens wenn sich dann alle ganz doll lieb haben und herzen und ganz feste drücken und Christian erklärt, dass sie alle hier versammelt, weil – ungeachtet der Möglichkeit, dass einige außerhalb der Insel noch weitergelebt haben mögen – die Zeit auf der Insel, das Beste aus ihnen hervorgebracht habe, wartet man nur noch darauf, dass jetzt alle zu “I’ve had the time of my life” einstimmen, sich an alten Anekdoten ergötzen und schließlich aus Langeweile irgendwelche pubertären Saufspiele spielen. Denn der Quasi-Himmel von LOST ist nicht mehr als ein ewiges Klassentreffen, das gerade die Suspendierung und Konservierung jener unbarmherzigen Zeit herbeiführt, die sich auf der Insel noch zu einem wirren Knäuel aus Protentionen und Retentionen verschleift hatte.
Das war also Mist. (Man bemerke die subtile Anspielung auf den Beginn dieses Posts.)
Das einzig Positive an diesem Ende hat ein Kommentar von “Mr.$tuart” auf lostblog.net festgehalten:
“This ending does leave open a spin off for a Sawyer and Miles cop show.”