Prominentenraten

11/05/2009

Woran merkt man eigentlich, dass man im Ausland ist?

Daran, dass wenn ein angetrunkener Einheimischer einen anspricht, man denkt, er rede Englisch? Nein, das könnte auch in Franken passieren.

Daran, dass alle lebensnotwendigen Dinge andere Namen haben? Nein, das könnte auch in Berlin sein.

Daran, dass die ÖPNV-Pläne so verschlungen wirken wie altgriechische Landkarten? Nein, das trifft bereits auf Köln zu. (Zugegeben: Der Vergleich hinkt. Die Griechen nutzten den Einsturz eines Gebäudes immerhin zur Erfindung der Erinnerungskunst, während im Linksrheinischen das gesamte Stadtgedächtnis selbst kollabiert.)

Dass man nicht in Deutschland weilt, dafür gibt es nur einen zuverlässigen Indikator: Die Nutella-Spots.

Deren Prinzip besteht bekanntlich darin, junge Männer, deren schauspielerisches Talent sich zumeist auf Fallsituationen inklusive Schiedrichterherzen ergreifende Schmerzensschreie beschränkt, als kleine, eher unfreiwillig komische Buben zu inszenieren, deren Glückseligkeit vom Stiebitzen einer Nuss-Nougat becremten Brotscheibe abhängt. Und weil es sich bei diesen jungen Männern um mehr oder minder berühmte Fußballnationalspieler handelt, schreiben die findigen Drehbuchautor auch immer einen Ball in den Fernsehkasten, der natürlich auf stets ulkige Art und Weise in und durch die Szenerie fliegt. Am Ende aber der Nutella-Schnitte den Vorrang überlässt.

Man muss zugeben: Es gibt Hollywood-Filme, deren Drehbücher haben weniger Ideen. Dennoch dürfen die immer zahlreicher werdenden Sequenzen von braune Brotscheiben verzehrenden Balltretern wohl mit Fug und Recht als Kleinode derjenigen Art von Werbekunst bezeichnet werden, deren Berühmtheit mit ihrer Einfallslosigkeit korreliert. Dass Kevin “Kein-Tor-ist-so-groß-dass-man-die-Kugel-nicht-daneben-stolpern-könnte” Kuranyi der Pin-up-Boy für Nuss-Nougat-Fanatiker geworden ist, kann dementsprechend kein Zufall sein.

Man wird also Verständnis dafür aufbringen, dass ich bei Nutella-Spots den Ton lieber ausschalte.

Ein Fehler, wie sich am Wochenende herausstellte.

Da erblickte ich beim österreichischen Sender A-TV – der dankenswerterweise die deutsche Bundesliga überträgt – in der Halbzeitpause das bekannte Szenario: Ein lichtdurchfluteter Frühstückssaal im Jugendherbergsambiente, junge Männer in sportiver Kleidung, ein Ball sowie ein randvolles Glas Nuss-Nougat-Aufstrich. Allein der Protagonist des selbstredend besonders ulkigen Kunstschusses in diesem Spot irritierte mein Gedächtnis derart, dass ich bereits befürchtete, mein jüngster Köln-Besuch habe doch bleibenden Schaden hinterlassen. Der Mann, den ich meine, ähnelte zwar in Bezug auf Farbe wie Schrecklichkeit von Frisur und Bart dem Stadionflüchtling Kevin K. durchaus, aber er guckte einfach etwas intelligenter.

Ich begann also eine Art stilles Prominentenraten: Welchen unbekannten Nachwuchs-Nationalkicker könnte man hier gecastet haben? Serdar Tasci? Nein, den kenn’ ich. Andreas Beck? Nein, der ist blond. Marcel Schäfer? Nein, der trägt keinen Bart. (Wer Marcel Schäfer nicht kennt: Der spielt beim VfL Wolfsburg. Wer Wolfsburg nicht kennt: Das ist der Verein von Felix Magath, der zukünftig Kevin K. auf Schalke die Schnitten schmieren wird. Wer Schalke nicht kennt: Macht nix.)

Die Antwort dämmerte mir erst beim Abspann, in dem ich das DFB-Logo vermisste. Ödipus wird beim Sturz der Sphinx kaum euphorischer gewesen sein als ich in dem Moment, da ich des Rätsels Lösung ersann: Es war natürlich ein österreichischer Nationalspieler! Und bei dem darf dann durchaus Zweifel angemeldet werden, ob seine Landsleute ihn erkannt hätten.

Genau genommen war es ein gewisser Ivica Vastic. Den Österreichern dürfte er aber durchaus noch im Gedächtnis geblieben sein, weil er bei der EM im letzten Jahr ein Tor für seine Farben erzielte. Und damit genau so viele wie die ÖFB-Auswahl im gesamten Turnier.

Aber immerhin auch eines mehr als Kevin K.

Die Wiener müssen aufrichtige Menschen sein. Jedenfalls wenn man den schmandigen Plastiktaschen Glauben schenken darf, die allerorts an Straßenecken hängen. Nahezu alle gängigen Zeitungen liegen in diesen Säcken griffbereit. Quasi Zeitungskästen light.

Der feine Unterschied: Um an die Blätter zu gelangen, braucht man kein Geld hineinzuwerfen – man kann sie einfach so hinausziehen. Darüber hängt dann ein kleines Eisenfächlein mit der freundlichen Bitte, den entsprechenden Betrag dort hineinzugeben. Eine Bitte wohlgemerkt, keine Forderung. Wer will, der kann sich Qualitätsware wie den Standard oder hübsche Bildbände wie die Krone auch gratis ziehen. Wobei ich mir noch nicht so ganz sicher bin, ob das dann Diebstahl ist oder einfach nur Verweigerung einer freiwilligen Spende.

Würde eine Zeitung in Deutschland auf ein solche Idee kommen, sie wäre wohl binnen Monatsfrist pleite. Eine Bitte ist für Deutsche halt eine Bitte, also eine weitestgehend irrelevante Äußerung, für die keine kognitive Verarbeitungsmechanismen existieren. Das deutsche Hirn ist nämlich kantianisch strukturiert: Nur Input, der die neuronalen Pflichtbahnen entlang düst, wird in motorische Aktion rückübersetzt. Also in das Zücken des Portemonnaies. Die österreichischen Hirnwindungen sind hingegen höflichkeitssensitiv: Für Können und Müssen gelten die gleichen Aktionspotentiale.

Das führt im Umkehrschluss natürlich dazu, dass der Österreicher auch an die Freiwilligkeit appelliert, wenn er eigentlich einen Zwang meint. Auf einer überfüllten Straße würde der eilige Deutsche sagen: “Zur Seite, du Arsch!” Die österreichische Variante lautet dagegen: “Könnten’s bitte zur Seite treten, gnäd’ger Herr?” Gemeint ist in beiden Fällen freilich das selbe. Allein hat die südalpine Version den Vorteil, dass man dem Sprecher tatsächlich eine bittende und keine fordernde Absicht unterstellen kann.

So verfahre ich denn auch mit dem Standard: Das Schild mit dem Geldschlitz am Plastiksack interpretiere ich gemäß des österreichischen Registers. Es könnte eine Bitte sein. Und die ist für mein deutsches Register nunmal belanglos.

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