Verquirltes
16/08/2009
Betrunken auf dem Radl – 992 Euro Strafe
WIEN. Dass der Einstieg ins Wiener Leben von noch viel größeren Hindernissen als ignoranten Mobilfunkunternehmen begleitet werden kann, verdeutlichte mir die Geschichte einer Kanadierin. Der wurde binnen einer Woche nicht nur das Portemonnaie geklaut, sondern sie versenkte auch noch ihr Handy im Donaukanal und verpasste dazu ihren Zug nach Prag. Nach solch einem Einstand blieb verständlicherweise nur noch das Frusttrinken im Beisl (dt.: Kneipe/Lokal) der Wahl. Jörg Haiders Rekordwert von 1,8 Promille verfehlte die junge Fraue dabei zwar denkbar knapp, besaß dann aber das Geschick, im Rausch ihr Radl direkt an einer Polizeistation vorbeizufahren. Die Beamten nahmen ihr das Wetttrinken mit dem verstorbenen Volkshelden anscheinend derart übel, dass sie bei den Strafen nicht knauserten. Geldbuße: 992 Euro. Die Nordamerikanerin kann sich dabei aber noch glücklich schätzen. Ihr Begleiter toppte nämlich gar noch den ehemaligen Kärntner Landeshauptmann und wurde prompt mit über 1400 Euro zur Zeche gebeten. (Und wer sich fragt, ob diese Wucherstrafen tatsächlich stimmen: Ja, tun sie. Ab 1,8 Promille sind sogar 5800 Euro möglich!)
Von Höhlen und Hohlköpfen
KÄRNTEN. Wo wir gerade bei Rechts-Österreich sind: Als politischer Kabarettist muss man es in Kärnten schwer haben. Denn die Politik ist dort selber bereits eine derartige Parodie ihrer selbst, dass jedes Lachen den Klang des Affirmativen mit sich zu führen droht. Landeshauptmann Gerhard Dörfler erzählte zum Beispiel in einer Pressekonferenz zum Musik-Mega-Event Wenn die Musi spielt einen “Witz” über eine “Negermutter”, die anstelle von Milch Kakao gebe. Und im vollen Ernst verteidigte er sich gegenüber dem geringen Teil der erzürnten Öffentlichkeit im Nachhinein mit der Begründung, es handele sich dabei nicht um einen “Neger-”, sondern um einen “Kakaowitz“. (Das Entzückende an dieser Logik ist, dass man Dörfler folgerichtig einen vollverblödeten Hohlkopf schimpfen dürfte, weil man damit ja nicht ihn, sondern lediglich die vollverblödeten Hohlköpfe beleidigte.)
Die Tatsache, dass Dörfler vor seiner politischen Karriere im Brauerei-Geschäft tätig gewesen ist, als Erklärung für diese Art zerebralen Durchfalls heranzuziehen, wäre indes zwar gewagt – zumindest wären wir damit aber thematisch schon wieder in der Nähe Jörg Haiders. Mangelnden Eifer kann man den Kärntnern bei dessen Nachlassverwaltung kaum nachsagen. Während zum Beispiel die entlegenste Düsseldorfer Brücke noch immer ihrer Umbenennung nach dem verstorbenen Oberbürgermeister Joachim Erwin harrt, haben die Kärntner keine drei Monate nach Haiders Tod ein eher funktional denn schön zu nennendes, 450 Meter langes Brückengebilde aus 8500 Kubikmetern Beton und 2000 Tonnen Stahl nach ihm benannt. Und das ist nur der Anfang. Wurden schon zum Begräbnis die Kärntner Schulen zu Zwangstrauer angehalten, so wird derzeit ein 1943 von den Nazis angelegter Bunkerstollen als Jörg-Haider-Museum eingerichtet. Haiders Partei, das BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich) kann die Aufregung um die Wahl des Ortes natürlich nicht nachvollziehen und man muss ihr zugestehen, dass die nächstgelegene Hinrichtungsstätte der Wehrmacht großzügige 400 Meter, also fast eine ganze Haider-Brücke entfernt liegt. Allein das kuratorische Konzept der Ausstellung – für die bald im Klagenfurter Bergbaumuseum geprobt wird – verdient Aufmerksamkeit. Denn zu sehen gäbe es aus Haiders Leben sicherlich etlich Interessantes: Briefwechsel mit Saddam Hussein vielleicht? Oder persönliche Geschenke von Libyens Dikatotor Gaddafi? Mitbringsel von den Iran- und Syrien-Reisen? Kleine Aufmerksamkeiten von Kriegsverbrecher Milivoj Asner, gegen dessen Abschiebung sich Haider entgegen sonstiger Gewohnheiten stark machte? Den Steuercomputer seines VW Phaeton, der bei seiner Trunkenfahrt in den Tod 142 km/h in einer 70-Zone gemessen hat? Dokumente über die Nazi-Vergangenheit der Eltern gibt es mit Sicherheit, ebenso wie über die schlagenden Burschenschaft aus seiner Studentenzeit. Und wollte man dann noch jedes diskriminierende, pauschalisierende oder rassistische Zitat auf Schautafeln zusammentragen – ein Stollen würde für die Ausstellung kaum reichen. Da müsste man schon den gesamten Großglockner aushöhlen.
In Klagenfurt – immerhin Geburtsstadt von Ingeborg Bachmann und Robert Musil – geht man jedoch andere Wege. Eine Kunst der Auslassung könnte man die Schau wohl nennen. Denn in bester Tradition der Diktatorenverehrung werden als Exponate derzeit ein hölzernes Schaukelpferd aus Kindertagen, gebrauchte Turnschuhe, Schreibtisch, Bürostuhl und andere nichtige Reliquien zusammengetragen. Eröffnung ist am 10.10. – dem Kärntner Landesfeiertag.
Österreich – Kamerun 0:2
KLAGENFURT. Ein schwacher Trost wird es für die Freunde des österreichischen Fußballs nur sein, dass die Qualität der hiesigen Sportberichterstattung so weit über dem europäischen Durchschnitt liegt wie das spielerische Niveau der Nationalmannschaft darunter. Was insbesondere den famoses Witz der Standard-Sportsektion ausmacht, verdankt sich wohl einer literarischen Tradition, die von Musil über Bernhard bis Jelinek reicht. Denn der Spott ist darin so sehr in die Selbstbeschreibung integriert, dass man den österreichischsten der Österreicher wohl denjenigen nennen kann, der am wortreichsten über sein Land zu lästern vermag. Und allzu schwer machen einem dies die Kicker aus der Alpenrepublik nicht.
Man muss sich Österreich dabei wie eine große Fortuna aus Düsseldorf vorstellen: Sobald die hiesigen Balltreter ihren Job einmal erfolgreich bestreiten, wähnt man sich bereits in der Champions League, respektive bei der WM. So geschehen nach dem 3:1-Sieg, den die Österreicher im WM-Qualifiaktionsauftakt gegen Frankreich vor einem Jahr erspielten. Um so größer die Ernüchterung als es im vergangenen Oktober gegen Angstgegner Färöer-Inseln gerade noch zu einem Remis reichte. DerStandard spottete:
Die Färöer sind nämlich nicht irgendwer. Dass sie 21 Partien hintereinander verloren haben, kann auf Pech zurückzuführen sein. Vor 18 Jahren waren beim allerersten Länderspiel nahezu ausschließlich Berufsfischer tätig. Diesmal boten sie einen Gebrauchtwagenhändler, einen Polizisten, zwei Lehrer, einen Tankwart, einen Kindergärtner, einen Zimmermann, ein paar Studenten auf. Und vier Fußballprofis.
Und als ein paar Tage später die rot-weiß-roten Farben innerhalb von 45 Minuten auch noch im heimischen Ernst-Happel-Stadion 0:3 gegen Serbien zurücklagen, sprach der Live-Ticker des Standard mit dem bitteren Humor eines Metzgermeisters von einer “Live-Schlachtung”.
Seitdem ist nun einiges Wasser die Donau hinunter geflossen, der Teamchef heißt nicht mehr Bruckner, sondern Constantini und führte mit einem 2:1-Auftaktsieg gegen Rumänien den zuvor beschriebenen Fortuna-Effekt herbei. Und was den Düsseldorfern Union Berlin, ist den Österreichern Kamerun. Die gewannen unter der Woche gegen harmlose Gastgeber, die auch noch einen Elfer vergaben, mit 2:0. Der liebevolle Hohn des Standard liest sich so:
Zur Erinnerung: Kapitän Paul Scharner hatte in der 13. Minute einen Elfer auf bewundernswert klägliche Weise vergeben. Kameruns Goalie Kameni hätte schon an der Torstange lümmeln müssen, um diesen Ball nicht zu halten. Scharner gestand sein Versagen mannhaft ein. Wie auch Verteidiger Manuel Ortlechner, der vor dem 0:1 spektakulär über die eigenen Beine gestolpert war. Ortlechner: “Klar mein Fehler.”
Was bleibt: Die Überschrift, die den Kickern aus der Zeitung entgegen gesprungen sein dürfte: “Österreich hat seinen Fußball wieder.” Und die Vorfreude auf das Gastspiel der Färöer-Inseln in Graz am 5. September.