Die isländische Aschewolke wirbelt die Weltpolitik immer heftiger durcheinander: Weil das Flugverbot über Zentraleuropa noch bis mindestens heute Abend aufrechterhalten wird, droht nun sogar der Schweiz die Auflösung. Andernorts feiert man jedoch erste Erfolge in den kriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit dem vulkanischen Rauch.

Berlin, Montag, 10 Uhr: Die neu eingesetzte Aschewolken-Taskforce der Bundesregierung kann erste Ergebnisse vorweisen. Der Beauftragte für Sprachpolitik der Kommission, Edmund Stoiber, trat heute vor die Presse, um zu verkünden, dass die eingereichten Vorschläge der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zur Vereinheitlichung des Vokabulars in der Berichterstattung über die Folgen des Vulkanausbruchs (wir berichteten) in fraktionsübergreifendem Konsens angenommen wurden. Stoiber: “Wir, äh – also die Bundesregierung – zu der ich ja nicht gehöre – also wir ohne, äh, ich haben, meine Damen und Herren, uns darauf verständigt, dass diese, äh, Problemwörter in Zukunft nicht mehr unbedingt notwendig sein sollen und müssen. Deshalb haben wir die, äh, Vorschläge der Gemein…, äh der Gesellschaft für die, äh, Sprache, deutsche Sprache, also die Vorschläge der Damen und Herren aus der Wissenschaft … (?) [Anm. d. Red.] Wir haben also diese Ratschläge beratschlagt und für hinrichtend, äh hinreichend befunden, um sie als nicht unsinnig einzustufen und Sanktionen zu verhängen gegen diejenigen, die, äh, sich in Zukunft und auch heute, aber vor allem in der Zukunft, äh, nicht daran gehalten haben.”

Die Schweiz vor der Zerschlagung: Bern braucht ein Wunder

Tripolis/Bern, Montag, 12 Uhr:  Die Schweiz steht vor der schwersten – und vielleicht letzten – Krise der Staatsgeschichte. Die Alpenrepublik musste heute offiziell den Regierungsnotstand nach Artikel 17, Paragraph 5 der Bundesverfassung verkünden, weil seit nunmehr drei Tagen mehr als die Hälfte des Kabinetts inklusive der als ministerielle Stellvertreter fungierenden Staatssekretäre außer Landes weilt. Auf Einladung des Nestlé-Konzerns reisten bereits am Donnerstag sechs Regierungsvertreter nach Ecuador zur Besichtigung neuer Methoden im Kakao-Anbau. Weil der Tourismus-Minister außerdem zum Bergsteigen im Himalaya unterwegs und somit unerreichbar ist, waren somit bereits am Donnerstagabend nur 7 von 14 Regierungsvertretern innerhalb der Landesgrenzen, sollten jedoch am Samstag zurückkehren. Die Aschewolke machte jedoch einen Strich durch Rechnung. Ungeschickterweise brach zudem – wie erst heute bekannt wurde – ein achter Regierungsvertreter zu geheimen Verhandlungen nach Libyen auf, um die Differenzen mit Staatschef Muammar al-Gaddafi beizulegen. Ein Neffe Gaddafis promoviert zu allem eidgenössischen Unglück jedoch derzeit über schweizerisches Staatsrecht und machte den umtriebigen Diktator auf die historische Chance aufmerksam, die das Festhalten des Schweizers darbot. Auf Geheiß des Revolutionsführer inspizierte die Staatspolizei daraufhin das Gepäck des Gastes und wurde fündig: Weil er ein iPhone mit sich führte, muss der Staatssekretär nun bis zu drei Jahren Haft rechnen. Libyen hat nämlich erst kürzlich unter dem Namen ‘yPhone’ ein eigenes Smartphone entwickelt, das – so die Pläne – binnen drei Monaten den Weltmarkt erobern und so die Staatsfinanzen aufbessern soll. Der Besitz von Konkurrenzmodellen steht seitdem unter Strafe.

Vor 250000 enthusiastischen Anhängern verkündete der sympathische Diktator heute in Tripolis seien Coup, der die einst bei UNO eingereichten Pläne zur Zerschlagung der Schweiz nun Wirklichkeit werden lassen könnte. Denn in einem verstaubten Paragraphen des alten eidgenössischen Rechts aus dem Jahr 1517 – das mit der Ausrufung des Regierungsnotstands automatisch in Kraft tritt – ist für jeden Einwohner das Recht verbürgt, im Falle “einer himlischen Catastrofe” die Auflösung des Staats einzufordern. Nach Angaben der Schweizer Bundespressstelle hat Gaddafi Großcousin Mohamad Zürkli, der in der Nähe von Zürich ein Casino leitet und seit einem Jahr neben der libyschen auch die schweizer Staatsbürgerschaft besitzt, bereits von diesem Recht Gebrauch gemacht und einen formellen Antrag auf die Auflösung der Schweiz eingereicht.

Das Prozedere sieht vor, dass eine zufällig ausgesuchte Gemeinde im Kanton Freiburg basisdemokratisch binnen 48 Stunden über den Antrag entscheiden muss. Die Wahl fiel dabei auf das nur 30 volljährige Einwohner zählende Dorf Christlswilbourg. Von diesen 30 Stimmberechtigten weilen zu allem Überfluss 14 Mitglieder der christlichen Gemeinde auf einer Wallfahrt in Jerusalem und werden – aufgrund der Aschewolke – nicht rechtzeitig zum Ablauf der Wahlfrist ihren Heimatort erreichen. Wie Blitzumfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid ergab, könnte die Schweiz daher tatsächlich morgen zu dieser Uhrzeit Geschichte sein. Neun der verbliebenen 16 Wahlberechtigten antworteten auf die Frage nach ihrem mutmaßlichen Votum “Vive la France”, vier weitere “Viva Italia! Viva Berlusconi!”, zwei weitere Dorfbewohner wiesen sich als Verwandte Peer Steinbrücks aus und der letzte Wahlberechtigte, den die Meinungsforscher vor seiner Villa am Dorfrand abfingen, griff – offenbar verblüfft von den jüngsten Entwicklungen – sofort zum Mobiltelefon, rief zuerst seinen Fonds-Manager sowie direkt im Anschluss seinen Steuerberater an und fuhr ohne weitere Auskunft in seinem Mercedes-Benz mit Hannoveraner Kennzeichen davon.

Die europäischen Nachbarstaaten zeigten sich ob dieser neuen Entwicklungen ratlos. An ein Wunder von Bern glaubt hier niemand mehr. Der deutsche Taskforce-Beauftragte für europäische Angelegenheiten Günther Oettinger verkündete diesbezüglich in Brüssel: “We are all sitting under the same ash cloud and will try anything to help our Switzerland friends. And if things go bad, we will take good care of their territory.” Unbestätigten Gerüchten zufolge, sollen die mutmaßlichen Mehreinnahmen aus dem Schweizer Bankengeschäft für Deutschland bereits in die nächsten Steuerschätzung des Bundes eingerechnet werden. “Die Geschäftszahlen liegen uns ja in digitaler Form ohnehin vor”, so ein Mitarbeiter des Finanzministeriums, der nicht genannt werden wollte.

Von Kiwis und Schnitzeln

Wien, Montag, 13 Uhr: Unterdessen wird auch der österreichische Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten von der Aschewolke getrübt. Denn Amtsinhaber Heinz Fischer sieht gelegentlich nicht nur wie eine Kiwi aus, sondern verzehrt die Südfrüchte auch kiloweise. Doch nun sind den Billa-Supermärkten in der Josefstadt, in denen Heinz Fischers Gattin einzukaufen pflegt, die gesunden Früchte mangels Nachschub aus Neuseeland ausgegangen. “Nicht abzusehen” seien die Effekte auf die Gesundheit des stets robust wirkenden 71-Jährigen, wenn die Kiwi-Versorgung nicht gewährleistet sei, sagte ein Sprecher des Präsidenten. Mit Hilfe eines ärztlichen Attest, das die “quasi-symbiotische Beziehung” zwischen präsidialem Körper und Kiwi-Frucht bestätigen soll, drängt die SPÖ daher eine Verschiebung der Wahl – “bis die Vulkansituation und damit die Ernährungskrise” gelöst seien. NSDAP- FPÖ-Kandidatin Barbara Rosenkranz sieht dies naturgemäß vollkommen anders: “Wer schon seinen Vitaminhaushalt nicht dem eigenen Land anvertraut, sondern seinen Körper mit ungezügelter Massenzuwanderung fremdländischer Früchte überflutet, der sollte das Volk auch nicht führen. Ich vertraue im Gegenteil ganz den steirischen Erdäpfeln – den urösterreichischsten Erzeugnissen unserer Heimaterde.” Eine Umfrage des österreichischen Qualitätsjournals “heute” ergab, dass die Diskussion 83 Prozent aller Wienern “wurscht” ist. Ebenso viele bekundeten im Anschluss, nun Gusto auf Schnitzel zu haben. 62 Prozent beteuerten, nun noch nie einen Rosenkranz gebetet zu haben.

Verquirltes

16/08/2009

Betrunken auf dem Radl – 992 Euro Strafe

WIEN. Dass der Einstieg ins Wiener Leben von noch viel größeren Hindernissen als ignoranten Mobilfunkunternehmen begleitet werden kann, verdeutlichte mir die Geschichte einer Kanadierin. Der wurde binnen einer Woche nicht nur das Portemonnaie geklaut, sondern sie versenkte auch noch ihr Handy im Donaukanal und verpasste dazu ihren Zug nach Prag. Nach solch einem Einstand blieb verständlicherweise nur noch das Frusttrinken im Beisl (dt.: Kneipe/Lokal) der Wahl. Jörg Haiders Rekordwert von 1,8 Promille verfehlte die junge Fraue dabei zwar denkbar knapp, besaß dann aber das Geschick, im Rausch ihr Radl direkt an einer Polizeistation vorbeizufahren. Die Beamten nahmen ihr das Wetttrinken mit dem verstorbenen Volkshelden anscheinend derart übel, dass sie bei den Strafen nicht knauserten. Geldbuße: 992 Euro. Die Nordamerikanerin kann sich dabei aber noch glücklich schätzen. Ihr Begleiter toppte nämlich gar noch den ehemaligen Kärntner Landeshauptmann und wurde prompt mit über 1400 Euro zur Zeche gebeten. (Und wer sich fragt, ob diese Wucherstrafen tatsächlich stimmen: Ja, tun sie. Ab 1,8 Promille sind sogar 5800 Euro möglich!)

Von Höhlen und Hohlköpfen

KÄRNTEN. Wo wir gerade bei Rechts-Österreich sind: Als politischer Kabarettist muss man es in Kärnten schwer haben. Denn die Politik ist dort selber bereits eine derartige Parodie ihrer selbst, dass jedes Lachen den Klang des Affirmativen mit sich zu führen droht. Landeshauptmann Gerhard Dörfler erzählte zum Beispiel in einer Pressekonferenz zum Musik-Mega-Event Wenn die Musi spielt einen “Witz” über eine “Negermutter”, die anstelle von Milch Kakao gebe. Und im vollen Ernst verteidigte er sich gegenüber dem geringen Teil der erzürnten Öffentlichkeit im Nachhinein mit der Begründung, es handele sich dabei nicht um einen “Neger-”, sondern um einen “Kakaowitz“. (Das Entzückende an dieser Logik ist, dass man Dörfler folgerichtig einen vollverblödeten Hohlkopf schimpfen dürfte, weil man damit ja nicht ihn, sondern lediglich die vollverblödeten Hohlköpfe beleidigte.)

Die Tatsache, dass Dörfler vor seiner politischen Karriere im Brauerei-Geschäft tätig gewesen ist, als Erklärung für diese Art zerebralen Durchfalls heranzuziehen, wäre indes zwar gewagt – zumindest wären wir damit aber thematisch schon wieder in der Nähe Jörg Haiders. Mangelnden Eifer kann man den Kärntnern bei dessen Nachlassverwaltung kaum nachsagen. Während zum Beispiel die entlegenste Düsseldorfer Brücke noch immer ihrer Umbenennung nach dem verstorbenen Oberbürgermeister Joachim Erwin harrt, haben die Kärntner keine drei Monate nach Haiders Tod ein eher funktional denn schön zu nennendes, 450 Meter langes Brückengebilde aus 8500 Kubikmetern Beton und 2000 Tonnen Stahl nach ihm benannt. Und das ist nur der Anfang. Wurden schon zum Begräbnis die Kärntner Schulen zu Zwangstrauer angehalten, so wird derzeit ein 1943 von den Nazis angelegter Bunkerstollen als Jörg-Haider-Museum eingerichtet. Haiders Partei, das BZÖ (Bündnis Zukunft Österreich) kann die Aufregung um die Wahl des Ortes natürlich nicht nachvollziehen und man muss ihr zugestehen, dass die nächstgelegene Hinrichtungsstätte der Wehrmacht großzügige 400 Meter, also fast eine ganze Haider-Brücke entfernt liegt. Allein das kuratorische Konzept der Ausstellung – für die bald im Klagenfurter Bergbaumuseum geprobt wird – verdient Aufmerksamkeit. Denn zu sehen gäbe es aus Haiders Leben sicherlich etlich Interessantes: Briefwechsel mit Saddam Hussein vielleicht? Oder persönliche Geschenke von Libyens Dikatotor Gaddafi? Mitbringsel von den Iran- und Syrien-Reisen? Kleine Aufmerksamkeiten von Kriegsverbrecher Milivoj Asner, gegen dessen Abschiebung sich Haider entgegen sonstiger Gewohnheiten stark machte? Den Steuercomputer seines VW Phaeton, der bei seiner Trunkenfahrt in den Tod 142 km/h in einer 70-Zone gemessen hat? Dokumente über die Nazi-Vergangenheit der Eltern gibt es mit Sicherheit, ebenso wie über die schlagenden Burschenschaft aus seiner Studentenzeit. Und wollte man dann noch jedes diskriminierende, pauschalisierende oder rassistische Zitat auf Schautafeln zusammentragen – ein Stollen würde für die Ausstellung kaum reichen. Da müsste man schon den gesamten Großglockner aushöhlen.

In Klagenfurt – immerhin Geburtsstadt von Ingeborg Bachmann und Robert Musil – geht man jedoch andere Wege. Eine Kunst der Auslassung könnte man die Schau wohl nennen. Denn in bester Tradition der Diktatorenverehrung werden als Exponate derzeit ein hölzernes Schaukelpferd aus Kindertagen, gebrauchte Turnschuhe, Schreibtisch, Bürostuhl und andere nichtige Reliquien zusammengetragen. Eröffnung ist am 10.10. – dem Kärntner Landesfeiertag.

Österreich – Kamerun 0:2

KLAGENFURT. Ein schwacher Trost wird es für die Freunde des österreichischen Fußballs nur sein, dass die Qualität der hiesigen Sportberichterstattung so weit über dem europäischen Durchschnitt liegt wie das spielerische Niveau der Nationalmannschaft darunter. Was insbesondere den famoses Witz der Standard-Sportsektion ausmacht, verdankt sich wohl einer literarischen Tradition, die von Musil über Bernhard bis Jelinek reicht. Denn der Spott ist darin so sehr in die Selbstbeschreibung integriert, dass man den österreichischsten der Österreicher wohl denjenigen nennen kann, der am wortreichsten über sein Land zu lästern vermag.  Und allzu schwer machen einem dies die Kicker aus der Alpenrepublik nicht.

Man muss sich Österreich dabei wie eine große Fortuna aus Düsseldorf vorstellen: Sobald die hiesigen Balltreter ihren Job einmal erfolgreich bestreiten, wähnt man  sich bereits in der Champions League, respektive bei der WM. So geschehen nach dem 3:1-Sieg, den die Österreicher im WM-Qualifiaktionsauftakt gegen Frankreich vor einem Jahr erspielten. Um so größer die Ernüchterung als es im vergangenen Oktober gegen Angstgegner Färöer-Inseln gerade noch zu einem Remis reichte. DerStandard spottete:

Die Färöer sind nämlich nicht irgendwer. Dass sie 21 Partien hintereinander verloren haben, kann auf Pech zurückzuführen sein. Vor 18 Jahren waren beim allerersten Länderspiel nahezu ausschließlich Berufsfischer tätig. Diesmal boten sie einen Gebrauchtwagenhändler, einen Polizisten, zwei Lehrer, einen Tankwart, einen Kindergärtner, einen Zimmermann, ein paar Studenten auf. Und vier Fußballprofis.

Und als ein paar Tage später die rot-weiß-roten Farben innerhalb von 45 Minuten auch noch im heimischen Ernst-Happel-Stadion 0:3 gegen Serbien zurücklagen, sprach der Live-Ticker des Standard mit dem bitteren Humor eines Metzgermeisters von einer “Live-Schlachtung”.

Seitdem ist nun einiges Wasser die Donau hinunter geflossen, der Teamchef heißt nicht mehr Bruckner, sondern Constantini und führte mit einem 2:1-Auftaktsieg gegen Rumänien den zuvor beschriebenen Fortuna-Effekt herbei. Und was den Düsseldorfern Union Berlin, ist den Österreichern Kamerun. Die gewannen unter der Woche gegen harmlose Gastgeber, die auch noch einen Elfer vergaben, mit 2:0. Der liebevolle Hohn des Standard liest sich so:

Zur Erinnerung: Kapitän Paul Scharner hatte in der 13. Minute einen Elfer auf bewundernswert klägliche Weise vergeben. Kameruns Goalie Kameni hätte schon an der Torstange lümmeln müssen, um diesen Ball nicht zu halten. Scharner gestand sein Versagen mannhaft ein. Wie auch Verteidiger Manuel Ortlechner, der vor dem 0:1 spektakulär über die eigenen Beine gestolpert war. Ortlechner: “Klar mein Fehler.”

Was bleibt: Die Überschrift, die den Kickern aus der Zeitung entgegen gesprungen sein dürfte: “Österreich hat seinen Fußball wieder.” Und die Vorfreude auf das Gastspiel der Färöer-Inseln in Graz am 5. September.

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