Wenn Journalisten ihr eigenes Blatt lesen, ist das prinzipiell von Vorteil. Zu verstehen, was darin geschrieben steht, wäre allerdings noch besser.

So legt Spiegel Online jetzt im – durch eine dubiose Interviewstrategie provozierten – Disput um die Aussagen von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder zum Feminismus nach und sieht gleich eine ganze Front von Politikerinnen im “Emanzipations-Kampf gegen Schröder” heranmarschieren. Die Position der CDU-Politikerin wird dabei als Kritik an der Idee beschrieben, “dass die Frauenrolle nicht allein biologisch determiniert ist, sondern auch eine gesellschaftliche Konstruktion. Dies ist eine zentrale feministische Position, die inzwischen zum gesellschaftlichen Mainstream gehört.”

Mal davon abgesehen, dass die Zugehörigkeit zum vorherrschenden Meinungsbild ein überaus nichtssagendes Kriterium zur Skandalisierungslegitimation darstellt und ebenfalls davon, dass auch in diesem Satz eine Art monolithische Frauenbewegung konstruiert wird, als deren unbewegte Bewegerin “Ur-Feministin” (SpOn) Alice Schwarzer ausgegeben wird  (die “Mädchenmannschaft” hat auf diesen blinden Fleck der Feminismus-Debatte nachdrücklich hingewiesen) – die SpOn-Paraphrase des Spiegel-Interviews ist schlichtweg falsch.

Denn die Schlussfolgerung aus der SpOn-Wiedergabe müsste ja sein, dass die Bundesministerin jeglichen gesellschaftlichen Anteil an der Konstruktion von Weiblichkeit (im Sinne einer auch schon wieder angestaubten Anlage-Umwelt-Debatte) abstritte und somit einen – in der Tat fragwürdigen – Biologismus propagierte. Was Kristina Schröder in dem Interview behauptet, liest sich jedoch so: “Dass das Geschlecht nichts mit Biologie zu tun hat, sondern nur von der Umwelt geschaffen wird - das hat mich schon als Schülerin nicht überzeugt.”

Aus “sondern nur” macht SpOn also kurzerhand “sondern auch” und verleiht einer das Extreme meidenden, ministerial-diffusen Sowohl-Als-Auch-Stellungnahme damit eine Entweder-Oder-Radikalität, die prächtig in die Eskalationslogik des niveauarmen Disputs passt, mit dem Interview, das die Print-Kollegen des Spiegels geführt haben, jedoch überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Diffus, nicht radikal: Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (Foto: bmfsj/Laurence Chaperon)

Update 9/11/10, 11:28 Uhr: RP Online schafft es, das Diskussionsniveau noch tiefer zu legen.

Ellen DeGeneres muss so etwas wie eine in New Orleans wiedergeborene Hamburgerin sein. Da ist diese latente Bitterkeit, die durch ihre Stimme weht wie der rauhe Wind am Alsterufer und ihr gerade soviel unterschwelligen Frust verleiht, dass man ihren Worten automatisch die Autorität zumisst, die jeder Klage eignet. Auch wenn sie witzig ist. Oder gerade dann, wenn sie witzig ist. Und das passiert so häufig wie es in Hamburg regnet.

Ich kannte Ellen DeGeneres eigentlich nur durch einen Gastauftritt in Six Feet Under, bei dem sie sich selbst als Talkmasterin mimt. Die Talkshow gibt es wirklich. Michelle und Barack Obama, Matthew Fox sowie Paris Hilton und unzählige andere wichtige und noch wichtigere Menschen empfängt sie dort. Der Besuch, der am meisten über sie aussagt, ist jedoch der von Heidi Klum Anfang des Jahres. Was man dazu wissen muss, ist dass sich Ellen DeGeneres 1997 als lesbisch geoutet hat. Ihre Sitcom wurde kurz danach eingestellt, erst drei Jahre später bekam sie wieder ein Angebot für eine neue Fernsehshow. (Es ist also kein Zufall, dass sich eine Internetseite, die sich mit dem Tun von lesbischen und bisexuellen Frauen in den Medien beschäftigt, AfterEllen.com nennt.)

Für Heidi Klum ist Homosexualität nun wahrscheinlich so etwas wie Haute Couture: Manche Menschen, die etwas schräg sind und extravagante Dinge tun, entwerfen so etwas. Warum, weiß man nicht so genau und ganz ernst gemeint kann es auch nicht sein. Aber zu besonderen Gelegenheit kann man darin mal über den Laufsteg stolzieren.

Heidi stapft also in ihrer Heidi-Art ins TV-Studio, lacht ihr Heidi-Lächeln, setzt sich Heidi-mäßig in den Sessel und guckt mir ihrem Heidi-Blick zielgerichtet in die Kamera. Was dann in ihrem Heidi-Hirn passiert, ist nicht so einfach zu beschreiben. Es dürfte aber wahrscheinlich eine jener aporetischen Handlungsweisen sein, die sie ihren Next-Topmodels immerfort zuwirft. In etwa: “Sei authentisch. Und schlüpf’ in viele Rollen.” Also versucht sie sich mit Ellen DeGeneres’ authentischer Homosexualität zu solidarisieren und bietet ihr statt der Wangen die puppenähnlich gespitzten Lippen zum Kuss. Lesbisch-Sein, das ist ja schließlich eine Rolle, in die man einfach mal so hineinhüpfen kann wie in ein Designerhöschen. Eine nette, kinderähnliche Spielerei, die mit ernsthafter, d.h. heterosexueller Sexualität schon mal gar nichts zu tun hat. Heidi versucht also, sich das Lesbisch-Sein ihres Gegenübers für ihre Heidi-Welt, die so komplex wie ein Puppenhaus funktioniert, anzueignen.

Was das Schöne ist: Auf ihre kühl-freundliche, redselig-barsche, also quasi-hanseatische Art verweigert ihr Ellen diesen Assimilationsakt. Sie lacht kurz ob des Angebots, bleibt aber seelenruhig im Sessel sitzen, hebt kurz mahnend den Finger und begründet ihre Abweisung mit dem ironischen Zitat eines sehr heterosexuellen Satzes: “It gives trouble for me at home, you know.” Anstandshalber lässt sie sich dann zwei Heidi-Schmatzer auf die Wange geben, das Heidi-Lächeln wirkt danach jedoch etwas eingefroren.

Weshalb ich diese Episode zitiere? Um zu zeigen, dass Ellen DeGeneres nicht einfach eine weibliche, amerikanische Variante von Beckmann oder Kerner darstellt. Sie ist nämlich nicht nur doppelt so intelligent wie ihre deutschen Pendants, sondern besitzt auch jene Integrität, von der die beiden genannten Betroffenheitsredner immerfort faseln, wenn sie schweren menschlichen Schicksalen unter Ausschluss der eigenen Hirntätigkeit lauschen.

Wer Ellen DeGeneres’ komödiantisches Talent in voller Pracht erleben möchte, dem sei daher ihre Rede vor Absolventen der Tulane University in New Orleans ans Herz gelegt. Greift sie doch dort nicht nur ihre eigene Lebens- und die jüngere Stadtgeschichte auf, sondern macht sich zugleich über den Rahmen dieses Auftritts, akademische Gepflogenheiten im allgemeinen, studentisches Leben im besonderen und das Genre der Erbauungsrede lustig, ohne jene sanfte Bitterkeit, jene harsche Eile in der Stimme preiszugeben, die so schwer zu bewahren sein muss wie eine Stadt unter dem Meeresspiegel vor den Fluten, ihr aber die Ahnung einer Aura verleiht.

Ein Tagverschönerungsvideo.

Die Wiener Linien haben im Vergleich zur Düsseldorfer Rheinbahn ein paar nicht ganz unwesentliche Vorteile: Sie fahren mit dichtem Liniennetz, in vernünftiger Taktung, mit auch in Stoßzeiten ausreichendem Platzangebot, dazu noch pünktlich, haben ein leicht begreifliches Nachtbussystem, brennen in der Regel nicht ab und bieten obendrein noch was zum Gucken.

Letzteres bezieht sich auf die lustigen kreisrunden Piktogramme, die im Wageninneren kleben. Man könnte sie zunächst für iPod-Werbung halten, die schwarzweiß-konturierten Gestalten auf knallfarbigem Grund sollen jedoch keine Apple-People, sondern Personen vor Augen führen, für die man als Nichtabgebildeter den Sitzplatz räumen sollte. Also Schwangere, Frauen mit Kindern, Alte, Blinde.

Irgendein/e Gender Mainstreaming-Beauftragte/r wird sich diese Aufkleber auch einmal angeschaut haben. Dabei wird sich jedoch ihr/sein Gerechtigkeitssinn bis unter die Schädeldecke bemerkbar gemacht haben: Das Privileg, alt und blind zu sein, schien ganz den Männern vorbehalten. Während Kinder nur in Frauenarmen lagen. Und weil Gender Mainstreamer es nicht so sehr darauf anlegen, die Welt zu interpretieren, sondern sie vor allem verändern wollen, gibt es mittlerweile (seit Ende 2006) zwei Versionen der Sitzplatzräumungsaufkleber. Oben die alte, unten die neue Variante:

Wiener Linien(via Genderblog)

Man mag diese Bilderpolitik fortschrittlich nennen. Meinetwegen. Doch Gender Mainstreaming bleibt so etwas wie die neutrale Zone im Kampf zwischen Biologisten und Kulturalisten: Ihre Waffen haben sie hier nicht gestreckt, sondern lediglich in den Hosenbeinen oder wahlweise unter dem Rock versteckt. Was sich der Verwaltungsapparat der Stadt Wien unter Gender Mainstreaming vorstellt, illustriert das ganz gut:

  • “Gender” ist das “soziale Geschlecht” oder das “anerzogene Geschlecht” im Unterschied zum biologischen Geschlecht. Es bezeichnet die Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie. Das bedeutet, nicht stereotyp “die Frauen” oder auch “die Männer” in den Blick zu nehmen, sondern Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt zu berücksichtigen.
  • “Mainstreaming” heißt “in den Hauptstrom bringen”. Es bedeutet, dass bei allen Entscheidungen – also in Hinblick auf Leistungen, Produkte, Außendarstellungen, Personal und Organisation – immer berücksichtigt wird, dass sich Frauen und Männer in jeweils unterschiedlichen Lebenslagen befinden.

Wir haben also zwei Geschlechter, bestehend aus biologischer Hardware und sozialer Software. Klingt schlüssig. Und wer will schon stereotyp sein? Oder Vielfalt und Unterschiede unterdrücken?

Nein, ich auch nicht. Aber diese “Definition”, die wohl eher eine bürokratiepraktische Richtlinie darstellt, unterlässt es mal so ganz nebenbei nach der Verbindung von Biologie und Kultur zu fragen. Denn wenn das biologische Geschlecht keinerlei Auswirkungen auf das soziale Geschlecht hätte, wenn die Hardware keine spezifischen Software-Anwendungen ermöglichen oder verhindern würde, wer bräuchte dann noch einen derartig virtuellen Begriff des biologischen Geschlechts? Wer aber erst einmal eine Verbindung zwischen Biologie und Sozialisation eingesteht, der kann schließlich schwerlich eine Grenze ziehen, an der Gene und Hormone vor der kulturellen Wirklichkeit Halt machen würden. Die Sex-Gender-Debatte ist im Gender Mainstreaming also keineswegs aufgehoben, sondern mit “Rollen”-Rhetorik zugedeckt. Dass sie daraus wieder hervorbricht, ist nur zwangsläufig.

Es verwundert daher kaum, dass die gutgemeinten Piktogramme in der Inszenierung der Geschlechterdifferenz auf stupende Art und Weise konventionell funktionieren. Um nicht zu sagen: Einfältig, undifferenziert und stereotyp. Mann trägt Jacket und Hose, Frau Kleid oder Rock. Und ohnehin scheint die Biologie dafür gesorgt zu haben, dass Wesen mit Doppel-X-Chromosomen langes, voluminöses Haar haben, ihre XY-Gefährten aber kurze oder gar keine Frisuren tragen. Und natürlich wächst nur ihnen ein Bart. Wer genau hinguckt, der wird zudem erkennen, dass in der Eltern-Kind-Version die Mutter den Kopf leicht ihrem Kind zugewendet hat, während ihr männliches Pendant stur geradeaus blickt. Und man könnte natürlich fragen, welchen Zweck diese arg erzwungene Vereindeutigung der Geschlechterdifferenz verfolgt.

Am auffälligsten ist jedoch die Geschlechtslosigkeit des Kindes. Puppenähnlich liegt es vollkommen unbekleidet und merkmallos in den Eltern-Armen. Im Rahmen der Theorie dieser Bilder durchaus verständlich: Das Kind weilt genau auf der Indifferenzschwelle zwischen Biologie und Sozialisation, welche vom Gender Mainstreaming möglichst zugedeckt werden soll. Hier liegt sie blank vor Augen: Das Noch-Nicht-Sozialisierte biologische Etwas, aus dem jede Geschlechterdifferenz getilgt scheint; das, was noch keine Rolle erlernt hat, aber doch dem androgynen Reich physischer Wesen zugehört. Das Geschlecht, das noch keines ist, weil es aus der Rolle fällt.

Der Status dieser Piktogramme schwankt dabei zwischen Hinweis, Aufforderung und öffentlichem Gebot. Eine Art visuelle Hausordnung des öffentlichen Raums. Den runden Bildchen eignet also ein normierender Charakter, der noch durch die zweite Bildebene – diejenige der Geschlechterpolitik – hindurchscheint. Die Aufkleber stellen somit nicht nur ein soziopolizeiliches Gebot hinsichtlich der Aufteilung des physischen Raums dar, sondern sie sanktionieren gleichermaßen einen Raum öffentlicher Sichtbarkeit von Geschlechterdifferenz.

Der Gewinn, den diese neuen Bilder darstellen, besteht sicherlich darin, dass diese zweite Ebene durch die durchaus ironische Variierung der Motive reflexiv erkennbar wird. Im Versuch, Gender sichtbar werden zu lassen, verdecken sie jedoch durch den gebieterischen Anspruch auf Repräsentation die Möglichkeit der Frage nach dem Status von Geschlechterdifferenz. Und entblößen dieses Verbergen zugleich in der Kindpuppe.

P.S.: Es gibt übrigens noch eine dritte, nicht-offizielle Variante dieser Aufkleber-Reihe. Ich nenne sie einfach mal Ghetto-Blaster-Kid-Mainstreaming:

Wiener Linien2

(via Gebrauchsanleitung, Wien)

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