Serien: Das Ende des Abendlands?

“Denn eine unterhaltsame Serie handelt von Menschen, die mit ihrer eigenen Serialisierung, mit der Ersetzung des Subjekts durch die Struktur, nur höchst unvollkommen zurechtkommen”, schreibt Georg Seeßlen in der aktuellen Spex, die sich auf durchaus originelle Art und Weise des gegenwärtigen Serien-Booms annimmt. Während Seeßlen in seiner Lobpreisung der Avantgarde-Serie Twin Peaks (“ein umfassender Kanon des Verrückt-Seins”) dabei manchmal in philosophischen Ästhetizismus verfällt, der mir auch David Lynch nicht ganz gerecht zu werden scheint (“Jedenfalls schien mit ‘Twin Peaks’ für eine kurze Zeit die Utopie auf, mit der Repräsentation auch das christliche Abendland und sein Narrativ zu überwinden”), überzeugt vor allem das Drei-in-Eins-Interview mit Drehbuchautor Orkun Ertener, Produzentin Kathrin Bullemer und dem Serienjunkies.de-Redakteur Christian Junklewitz über die Probleme der deutschen Serienlandschaft. Wibke Wetzker und Gerhard Maier fassen auf engem Raum durchaus ansprechend die (nicht aller-)neuesten Entwicklungen auf dem Serienmarkt in den USA sowie dem Nahen Osten zusammen, wohingegen Barbara Schweizerhofs Text über Lost gerademal dem durchschnittlichen Niveau der sechsten Staffel der Kult-Serie entspricht.

Mad Woman

Geschrieben hat auch Mad Men-Darstellerin Christina Hendricks. Und zwar einen “Brief an Männer”, der davon zeugt, dass sich die Schauspielerin vielleicht ein wenig zu sehr mit ihrer Figur als Sekretärinnen-Ikone ‘Joan’ identifiziert. Denn Männer mag Hendricks anscheinend wirklich im Don Draper-Stil: Scotch trinkend. Immer hat sie es damit heute unter der Überschrift “Was Frauen von Männern wollen” auf die Titelseite der österreichischen Gratiszeitung “heute” geschafft, der nicht erst seit der Aschewolke der Intellekt ein wenig vernebelt wurde. Das Originalinterview findet sich übrigens im “Esquire“.

Was Bill wohl dazu sagen würde?

Da das neue und bislang nicht sonderlich überzeugende und für meinen Geschmack zu Jazz-lastige HBO-Drama “Treme” (das sich offenbar die berühmte Spike Lee-Doku “When the levees broke” über die Aus- und Nachwirkungen von Hurricane Katrina in New Orleans zum Vorbild genommen hat) nun auf dem Sendeplatz des grandiosen “How to make it in America”, dessen erste Staffel leider schon nach wenigen Episoden wieder vorbei war,  läuft und die neuen Staffeln von “In Treatment” und “True Blood” noch auf sich warten lassen, muss man nun wohl schon ins Kino gehen, um Serienschauspieler zu Gesicht zu bekommen. Neben Emilie de Ravin (‘Claire’ in Lost), die bekanntermaßen derzeit an der Seite Robert Pattinsons in “Remember Me” zu sehen ist, darf sich nun auch Amanda Seyfried (als Polygamisten-Tochter ‘Sarah Hendrickson’ aus dem entzückenden Big Love bekannt) in der – nicht gerade mormonischen Moralvorstellungen entsprechenden – Rolle als Callgirl im Erotik-Thriller “Chloe” an der Seite von Julianne Moore und Liam Neeson ausprobieren. Wenn Bill das wüsste…

Kleine, halbstündige Einakter, der posturbane Charme der Tri-State-Area, die heterogenen Lebenslagen des milieuübergreifenden Prekariats (“guys from the neighborhood who haven’t left the neighborhood”, [New York Times]), gepaart mit der schön-verzweifelten Offenbarungs-Ästhetik von Facebook-Postings: Das ist “How to make it in America”, jüngstes Kind der HBO-Drama-Familie. Sofern man dies nach zwei Episoden behaupten darf : uneingeschränkt sehenswert!

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