Der Messie besitzt ja die zunächst drollig anmutende, langfristig aber alltagsunpraktische Eigenart, jedem noch so offenkundig nutzlosen Ding auf Erden eine Heimstatt offerieren zu wollen. Irgendwo wartet immer noch ein dreibeiniger Stuhl, eine kurbellose Kaffeemühle, ein großmütterlicher Schrank, dem doch bloß ein frischer Anstrich sowie der ein oder andere Nagel fehlt oder irgendeine andere pittoreske Rarität auf die Erlösung vom schnelllebigen Warenverkehr, der jedes Ding so zwangsläufig auf dem Schrottplatz enden lässt wie die Sterblichen im Grab. Der Messie ist gewiss der Messias der Dinge. Bis ihm all der Kram, den er in unzähligen Sperrmüll-, Flohmarkt- wie Ebay-Besuchen angesammelt hat, buchstäblich über den Kopf wächst. Der Messie ist daher Tragiker – von seiner putzigen Leidenschaft notwendig ins Elend gestürzt.

Sein nächster Artverwandter ist der Journalist. Auch der verbringt ja seinen Alltag damit, etwas – in der Regel das, was er für Informationen hält – vorzugsweise in kleinen Notizblöcken anzuhäufen. Und auch der Journalist ist von jenem unstillbaren Drang getrieben, den wir bereits vom Messie kennen. Läuft doch immer noch irgendwo irgendein Passant herum, dessen Meinung man noch nicht eingeholt, ein Politiker, dem man nicht mit ressortfremden Fragen genervt oder ein Experte, dem man noch nicht zum 101sten Mal die gleiche Plattitude aus der Nase gezogen hätte. Nun hat der Journalist als evolutionäre Weiterentwicklung des Messies jedoch ein System kreiert, mit dem er seines Zwangs Herr zu werden vermag. Man nennt es Zeitungslayout (Für alle, die den Begriff “Zeitung” nicht kennen: Das ist so etwas wie eine Vorform des Internets auf Papier.) Einzig seine gleichfalls tragische Seinsweise macht dem Journalisten dabei immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Denn die Regeln, die er zu Beherrschung des Informationsüberflusses geschaffen hat, lassen irgendwann noch jede Informationsquelle versiegen. Wo der Messie an seiner Sammelwut erstickt, schnürt sich der Redakteur mit den selbst geschaffenen Zwängen zur Beherrschung der Informationsflut nicht zu selten die Journalistenluft ab.

Illustrieren kann man das anhand dessen, was Redakteure ‘Symbolbilder’ getauft haben. Das sind Bilder, die es eigentlich nicht gibt. Zum Beispiel von einem Verbrechen, bei dem es keine Zeugen gab. Oder von einem Flugzeugabsturz ohne Überlebende. Für den Journalisten des 21. Jahrhunderts, der gewissenhaft die Sätze aus der entsprechenden dpa-Meldung umformuliert, sind diese bilderlosen Ereignisse ein nicht zu unterschätzendes Ärgernis. Denn mit dem Fortschritt der Drucktechnik hat sich im Gewerbe der Schreiberlinge auch eine Text-Bild-Arithmetik entwickelt, deren neurotischer Charakter nicht genug hervorgehoben werden kann. Ein Redakteur plant seine Zeitungsseite nicht minder präzise wie ein Feng-Shui-Freak seinen Wohnraum gestaltet: Ohne Bild keine Seite 1. Ohne Bild kein Aufmacher. Ohne fein säuberlich über die Seite verpuzzelte Bilder überhaupt keine Zeitung. Visualität ist das Chi des modernen Journalismus, das den Leserblick so harmonisch durch die Text-Bild-Landschaft führen soll wie den Esoteriker zu den lieblichen Klängen seines Windspiels auf der Terrasse.

Die Online-Konkurrenten der Print-Kollegen können sich nun des Vorteils gewiss sein, prinzipiell (nun gut, nicht ganz unendlich, aber) doch sehr viel mehr Raum für schwarze Buchstaben auf weißem Grund zur Verfügung zu haben, da dieser Grund eben nicht materiell existiert wie beispielsweise eine Zeitungsseite. Und doch schreiben die Web-Journalisten die neurotischen Gepflogenheiten ihrer Mediendinosauriergenossen in teilweise verblüffendem Ausmaß fort.

So muss sich auch der Redakteur der Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung über eine -  bis zu dem Punkt, da der Autor die Gesellschaft nerviger Flugpassagiere “deutlich schlimmer als Waterboarding” tituliert  – nicht unwitzige Glosse den Kopf, respektive das ddp-Bildarchiv zerbrochen haben. Denn wie bildet man solche Kotzbrocken von Flugreisenden ab, die noch auf dem Rollfeld ihr Smartphone maträtieren? Vor allem ohne irgendwelchen unschuldigen, bei x-beliebigen Presseterminen im Jet abfotografierte Menschen zu diffamieren? Ja, das ist wirklich schwierig. Man hätte es – rein theoretisch – sein lassen können. Aber auch nur theoretisch. Siehe obig beschriebene Neurosen. Ein Vorschlag zur Linderung des Bilddrangs: Man hätte am Flughafen Franz-Josef-Strauß zum Beispiel mit den Praktikanten der SZ sowie den iPhones und Blackberrys der Chefredaktion so einiges deichseln können. Schließlich haben es so manche Redaktionspraktikanten bundesdeutscher Zeitung auf dem Weg der gestellten “Symbolbilder” schon zu veritablen Stalkern, Mobbern oder Einbrechern gebracht. Der SZ war das aber – zumal für ein Glosse – doch zu aufwändig. Daher entschloss man sich, den ddp-Bilderdienst für folgendes, den Artikel eskortierendes Produkt zu entlöhnen. Tief durchatmen:

SZ_Glosse

Man könnte an dieser Stelle sicherlich Überlegungen darüber anstellen, ob es die Urlaubsvorfreude des Redakteurs war, die in seinen Hirnwindungen die semantisch nicht ganz verfehlte Assoziationskette ‘Waterboarding-Surfen-Strand-Schöne Frauen’ auslöste oder ob er einfach zu wenig Kaffee getrunken hatte. Im ddp-Bildarchiv findet man das Foto jedenfalls anhand der Suchbegriffe “Strand, Frau, Handy” sehr leicht. Weil der ddp meinen Testaccount noch nicht freigeschaltet hat, kann ich an dieser Stelle leider nicht mitteilen, welches “Smartphone” den Umfang eines 90er-Jahre-Handys aufweist, geschweige denn, ob denn nun der Airport in München oder in Berlin-Tegel diesen großartigen Direktanschluss von der Gangway zum flauschig-warm-weichen Sandstrand am türkisschimmernden Badenass bietet. Zu meinem außerordentlichen Bedauern habe ich außerdem bislang äußerst selten – um nicht zu sagen: nie – Frauen im Bikini einchecken sehen. (Würde die Sicherheitskontrollen aber gewiss fixer gestalten.)

Zur Ehrenrettung des Redakteurs könnte man nun natürlich den Einwand vorbringen, dass die Bildunterschrift sich auf “betrunkene Engländer auf Lanzarote” bezieht, die “fast so unangenehm” seien wie die vom Autor als Pein empfundene räumliche Nähe zu den “Flugmaxen und -tussis”. Ob aber die junge Frau Engländerin ist? Ob sie gar zu viel Sangría getrunken hat? Und ob sie überhaupt auf Lanzarote weilt? (Das Foto lässt sich in der Suchmaske von ddp jedenfalls nicht unter den Begriffen “Lanzarote” oder “Engländer” finden.)

Wer ein wenig pedantisch zu sein pflegt, der könnte auch bemäkeln, warum die SZ denn nicht die Tortur abbildet, von der der Text handelt, sondern nur das, was ihr ähnlich scheint. Denn schließlich könnte ich mit der gleichen Logik auch statt der langweiligen Gesichtszüge Frank-Walter Steinmeiers das Bild eines Puddings mit der entsprechenden Unterzeile “Fast so wenig Charisma wie ein fader Pudding: Frank-Walter Steinmeier” drucken. (In meiner politischen Lebensmittellehre könnte man statt unserer Bundeskanzlerin dann übrigens Grünkohl – ohne Wurst wohlgemerkt – abbilden.)

Und dass – anders als in der Fotozeile – im nebenstehenden Text gar nicht steht, dass die Handlungsreisenden ihre Mobiltelefone bereits “während” der Landung einschalten, schenke ich mir der Einfachheit halber mal. Sonst wirft mir noch jemand vor, ich würde journalistische Ansprüche an sueddeutsche.de stellen. Und solch einem Verdacht  möchte ich mich nun wirklich nicht aussetzen.

Gestern abend, da wurde es mir plötzlich klar. Also nicht, wie man “Würs(ch)telstand” korrekt ausspricht. Sondern warum das mit der EU-Wahl nicht so recht funktioniert hat. Zumindest sofern man kein Rechtsausleger ist. (Klammer auf: Warum will man als Rechtsextremer eigentlich ins EU-Parlament? Das wär ja so als würde ich Schalke-Mitglied werden, nur um für die Auflösung des Klubs zu votieren. [Apropos: Kann man eigentlich Wetten darauf abschließen, welcher Verein eher in seine Bestandteile zerfällt: S04 oder die SPD?] Klammer zu.)

Jedenfalls schaltete das ZDF in einer lobenswert aufwändigen Wahl-Sendung live in eine Berliner “Europa-WG”. Etwa 26 Leute wohnen da auf drei Sofas. Alles Europäer natürlich. Wobei ich jetzt nicht weiß, ob auch Schweizer, Türken, Israelis oder Guadeloupianer darunter waren. Er wolle “Europa machen”, berlinerte der WG-ins-Leben-Rufer ins Mikrofon. Was ihm das gebracht habe, wollte die Reporterin wissen. “Ja”, sagte er, pausierte kurz, guckte dann wie ein Joghurtbecher in die Runde und resümierte: “Ich habe viele schöne Kulturen kennen gelernt.” Es klang so, als meinte er eigentlich Frauen. “Und Toleranz. Das habe ich gelernt”, fügte er noch hinzu. Das hörte sich dann ein wenig traurig an.

Was die Aussage des kulturbeflissenen Berliners so relevant erscheinen lässt, ist, dass seine Wortwahl nahelegt – und das ZDF wurde nicht müde, dies zu bestärken – es ginge bei der Europawahl darum, Europa “schön” zu finden. Also so eher prinzipiell und losgelöst von irgendwelchen und gerade bei Wahlen vernachlässigbaren Dingen wie politischen Entscheidungen. Deswegen bediente sich der Berliner auch des Begriffs “Kultur” – so etwas wie die schleimig-pampige Buttermilch im Joghurtregal politischer Terminologie. Denn Kulturen kann man ja nicht abwählen, geschweige denn über sie debattieren. Nein, man kann sie nur “schön”, meinetwegen auch lecker finden. Oder halt auch nicht.

[Dieser Blogeintrag zählt übrigens jetzt bereits mehr Wörter als das "Wahlprogramm" von Hans-Peter Martin, der mit 171 Worten und einem Thema (Politikereinkünfte) 17,9 Prozent in Österreich geholt hat. Also über 0,1 Prozent pro Wort! Gemessen an dem Wahlprogrammwörter/Wählerstimmen-Schnitt müssten die Grünen dann übrigens auf 650 Prozent kommen...]

Dass es nun bei dieser Wahl offenbar um die kulturästhetischen Präferenzen der EU-Bürger geht, dies nahezulegen offenbart das ganze Dilemma des Urnengangs. Ich wähle bei der Bundestagswahl ja auch nicht die CDU, weil ich Baden-Württemberg schön finde. (Wäre aber übrigens auch das einzige Argument, das mir für die CDU einfiele.) Was bei dieser Wahl also fehlte, war schlichtweg die politische europäische Ebene. Es gab keinerlei Fragestellungen, über die sich zanken ließe, keine anstehenden Entscheidungen, die grenzüberschreitenden Diskussionsstoff geboten hätten. Und nicht zuletzt kaum mediale Räume, in denen sich genuin europäische Themen einem europäischen Publikum darstellen ließen. Wird über die EU berichtet, dann sind es zumeist Reportagen, die über Effekte europäischer Regelungen aufklären. Stichwort Butterberge und Milchseen. Diese Regelungen selbst scheinen aber aus dem Nichts zu kommen, dementsprechend groß ist zumeist die Empörung über Vorschriften, die dem Anschein nach von EU-Bürokraten aus purer Langeweile ersonnen wurden. Außer hinteren Zeitungsseiten und marginalen politischen Fernseh-Magazinen gibt es keine medialen Orte, an denen über Entscheidungsprozesse und Argumentationswege auf europäischer Ebene berichtet würde. EU-Regelungen scheinen daher immer so plötzlich im Gesetzbuch zu stehen wie Joghurtbecher im Supermarktregal.

Was bei dieser Wahl fehlte, war also nicht nur das Politische, sondern schlichtweg auch Europa. Es war einfach nur Wahl pur. Ein fettarmer Quark ohne Früchte. Dass die jeweiligen Ergebnisse von den Parteien als eine Art  Test-Umfrage unter verschärften Bedingungen interpretiert wurden, als Vergleichsmaßstab nie die letzte Europawahl, sondern stets die vergangene Landtags- oder die anstehende Bundestagswahl diente, verwundert daher kaum. Und bei allen Mühen um eine qualitativ wie quantitativ angemessene Berichterstattung fiel auch dem ZDF nichts weiter ein als stets in diese zwei Richtungen zu fragen: Finden die Wähler Europa schön? Und was bedeutet das Ergebnis für die Bundes- und Parteienpolitik?

Kein Satz würde diese Missachtung des transnationalen Charakters der EU besser zusammen fassen als jener, den Franz Müntefering Claus Kleber auf die Frage nach dem desaströsen Abschneiden der Sozialdemokraten entgegen hielt. Mobilisierungsprobleme seien das gewesen, raunzte der SPD-Vorsitzende sauerländisch in die Kamera: “Wir haben es nicht geschafft, aber das ist auch eine Verantwortung, die die Menschen selbst haben, deutlich zu machen, wie wichtig es ist zur Wahl zu gehen.” Wohlgemerkt: Die Verantwortung, die Müntefering hier meint, bezieht sich nicht auf das politische Mitspracherecht der Bürger in europäischen Fragen, sondern darauf, der SPD das gefühlte Wahlergebnis zu bescheren. Wenn sie das nicht tun, dann ist das zwar ärgerlich. Aber da sind die Wähler doch selbst Schuld, wenn sie die SPD nicht wählen – nicht die Sozialdemokraten. Die haben sich nämlich anscheinend schon daran gewöhnt, ohne Wählervotum vor sich hin zu werkeln.

Europa vermittelt also tatsächlich den Eindruck einer überdimensionalen Wohngemeinschaft: Hier achtet jede Nation und jede nationale Partei vor allem auf die Ordnung ihres eigenen Kühlschrankfachs, putzt nicht öfter als der Haushalts-Plan es vorsieht und bei Partys wird möglichst das eigene Zimmer hübsch verrammelt, weil es ja nur halb so schlimm ist, wenn es bei den Mitbewohnern dreckig wird. Und wer auf seine WG-Kumpanen sauer ist, weil der Abfluss wieder mal verstopft ist, der schickt ihnen halt ein paar Fascho-Freunde in die Bude.

Wenn die Medien – und dem Fernsehen eignet in dieser Beziehung immer noch eine Leitfunktion – aber auch die Politik es daher nicht schaffen, Räume zu kreieren, die dem transnationalen Anspruch der EU gerecht werden, dann dürften sich die Wohngenossen auch in Zukunft statt als Wahl- immer noch als Zweckkollektiv sehen, in dem man sich zwar beim Gang zum gemeinsamen Kühlschrank alle fünf Jahre trifft und dann ostentativ seine Toleranz beteuern muss, in Wahrheit aber nur die eigenen Joghurtkulturen auslöffeln möchte.

Die Wiener Linien haben im Vergleich zur Düsseldorfer Rheinbahn ein paar nicht ganz unwesentliche Vorteile: Sie fahren mit dichtem Liniennetz, in vernünftiger Taktung, mit auch in Stoßzeiten ausreichendem Platzangebot, dazu noch pünktlich, haben ein leicht begreifliches Nachtbussystem, brennen in der Regel nicht ab und bieten obendrein noch was zum Gucken.

Letzteres bezieht sich auf die lustigen kreisrunden Piktogramme, die im Wageninneren kleben. Man könnte sie zunächst für iPod-Werbung halten, die schwarzweiß-konturierten Gestalten auf knallfarbigem Grund sollen jedoch keine Apple-People, sondern Personen vor Augen führen, für die man als Nichtabgebildeter den Sitzplatz räumen sollte. Also Schwangere, Frauen mit Kindern, Alte, Blinde.

Irgendein/e Gender Mainstreaming-Beauftragte/r wird sich diese Aufkleber auch einmal angeschaut haben. Dabei wird sich jedoch ihr/sein Gerechtigkeitssinn bis unter die Schädeldecke bemerkbar gemacht haben: Das Privileg, alt und blind zu sein, schien ganz den Männern vorbehalten. Während Kinder nur in Frauenarmen lagen. Und weil Gender Mainstreamer es nicht so sehr darauf anlegen, die Welt zu interpretieren, sondern sie vor allem verändern wollen, gibt es mittlerweile (seit Ende 2006) zwei Versionen der Sitzplatzräumungsaufkleber. Oben die alte, unten die neue Variante:

Wiener Linien(via Genderblog)

Man mag diese Bilderpolitik fortschrittlich nennen. Meinetwegen. Doch Gender Mainstreaming bleibt so etwas wie die neutrale Zone im Kampf zwischen Biologisten und Kulturalisten: Ihre Waffen haben sie hier nicht gestreckt, sondern lediglich in den Hosenbeinen oder wahlweise unter dem Rock versteckt. Was sich der Verwaltungsapparat der Stadt Wien unter Gender Mainstreaming vorstellt, illustriert das ganz gut:

  • “Gender” ist das “soziale Geschlecht” oder das “anerzogene Geschlecht” im Unterschied zum biologischen Geschlecht. Es bezeichnet die Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie. Das bedeutet, nicht stereotyp “die Frauen” oder auch “die Männer” in den Blick zu nehmen, sondern Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit und Vielfalt zu berücksichtigen.
  • “Mainstreaming” heißt “in den Hauptstrom bringen”. Es bedeutet, dass bei allen Entscheidungen – also in Hinblick auf Leistungen, Produkte, Außendarstellungen, Personal und Organisation – immer berücksichtigt wird, dass sich Frauen und Männer in jeweils unterschiedlichen Lebenslagen befinden.

Wir haben also zwei Geschlechter, bestehend aus biologischer Hardware und sozialer Software. Klingt schlüssig. Und wer will schon stereotyp sein? Oder Vielfalt und Unterschiede unterdrücken?

Nein, ich auch nicht. Aber diese “Definition”, die wohl eher eine bürokratiepraktische Richtlinie darstellt, unterlässt es mal so ganz nebenbei nach der Verbindung von Biologie und Kultur zu fragen. Denn wenn das biologische Geschlecht keinerlei Auswirkungen auf das soziale Geschlecht hätte, wenn die Hardware keine spezifischen Software-Anwendungen ermöglichen oder verhindern würde, wer bräuchte dann noch einen derartig virtuellen Begriff des biologischen Geschlechts? Wer aber erst einmal eine Verbindung zwischen Biologie und Sozialisation eingesteht, der kann schließlich schwerlich eine Grenze ziehen, an der Gene und Hormone vor der kulturellen Wirklichkeit Halt machen würden. Die Sex-Gender-Debatte ist im Gender Mainstreaming also keineswegs aufgehoben, sondern mit “Rollen”-Rhetorik zugedeckt. Dass sie daraus wieder hervorbricht, ist nur zwangsläufig.

Es verwundert daher kaum, dass die gutgemeinten Piktogramme in der Inszenierung der Geschlechterdifferenz auf stupende Art und Weise konventionell funktionieren. Um nicht zu sagen: Einfältig, undifferenziert und stereotyp. Mann trägt Jacket und Hose, Frau Kleid oder Rock. Und ohnehin scheint die Biologie dafür gesorgt zu haben, dass Wesen mit Doppel-X-Chromosomen langes, voluminöses Haar haben, ihre XY-Gefährten aber kurze oder gar keine Frisuren tragen. Und natürlich wächst nur ihnen ein Bart. Wer genau hinguckt, der wird zudem erkennen, dass in der Eltern-Kind-Version die Mutter den Kopf leicht ihrem Kind zugewendet hat, während ihr männliches Pendant stur geradeaus blickt. Und man könnte natürlich fragen, welchen Zweck diese arg erzwungene Vereindeutigung der Geschlechterdifferenz verfolgt.

Am auffälligsten ist jedoch die Geschlechtslosigkeit des Kindes. Puppenähnlich liegt es vollkommen unbekleidet und merkmallos in den Eltern-Armen. Im Rahmen der Theorie dieser Bilder durchaus verständlich: Das Kind weilt genau auf der Indifferenzschwelle zwischen Biologie und Sozialisation, welche vom Gender Mainstreaming möglichst zugedeckt werden soll. Hier liegt sie blank vor Augen: Das Noch-Nicht-Sozialisierte biologische Etwas, aus dem jede Geschlechterdifferenz getilgt scheint; das, was noch keine Rolle erlernt hat, aber doch dem androgynen Reich physischer Wesen zugehört. Das Geschlecht, das noch keines ist, weil es aus der Rolle fällt.

Der Status dieser Piktogramme schwankt dabei zwischen Hinweis, Aufforderung und öffentlichem Gebot. Eine Art visuelle Hausordnung des öffentlichen Raums. Den runden Bildchen eignet also ein normierender Charakter, der noch durch die zweite Bildebene – diejenige der Geschlechterpolitik – hindurchscheint. Die Aufkleber stellen somit nicht nur ein soziopolizeiliches Gebot hinsichtlich der Aufteilung des physischen Raums dar, sondern sie sanktionieren gleichermaßen einen Raum öffentlicher Sichtbarkeit von Geschlechterdifferenz.

Der Gewinn, den diese neuen Bilder darstellen, besteht sicherlich darin, dass diese zweite Ebene durch die durchaus ironische Variierung der Motive reflexiv erkennbar wird. Im Versuch, Gender sichtbar werden zu lassen, verdecken sie jedoch durch den gebieterischen Anspruch auf Repräsentation die Möglichkeit der Frage nach dem Status von Geschlechterdifferenz. Und entblößen dieses Verbergen zugleich in der Kindpuppe.

P.S.: Es gibt übrigens noch eine dritte, nicht-offizielle Variante dieser Aufkleber-Reihe. Ich nenne sie einfach mal Ghetto-Blaster-Kid-Mainstreaming:

Wiener Linien2

(via Gebrauchsanleitung, Wien)

Stille. Kalte, metallische Stille. Leichenblasse, ewige Lautlosigkeit inmitten einer Weltraumschlacht, die so viele Trümmer zeitigt, dass selbst die Kamera Mühe zu haben scheint, ihnen auszuweichen. Als Regisseur JJ Abrams während des initialen kosmischen Kampfes den Volumeregler abrupt herabdreht, um sich für wenige Sekunden in den geräuschlosen Tod eines ins All hinausgezogenen Crewmitglieds einzufühlen, da merkt der Kino-Zuschauer, dass der neue, mittlerweile elfte Star Trek-Film sich sein Prädikat tatsächlich verdienen möchte. Und er schafft es. Weil er in die statische Figurenkonstellation der Originalserie die Leidensgeschichte der Subjektivierung einführt: Ein Portrait des Captains als junger Raufbold.

Getriebene Talentverschwender

Als Abrams das Drehbuch für das Prequel zum ersten Mal in den Händen hielt, da müsste er sich vor Freude mit den Händen kurz durch seine charakteristische Wuschelfrisur gefahren sein, weil er gewusst haben müsste, dass das Skript weniger an Trekkies, sondern eher an ihn persönlich adressiert war. Denn der Serienschöpfer Abrams (“Fringe”) hat mit dem vor Komplexität berstenden “Lost” nicht zufällig die Recherche der Serienkultur geschaffen: Seine Insulaner sind schließlich keine Entdecker unbekannter Welten à la Robinson Crusoe, sondern beschädigte Subjekte, deren individuelle Traumata auf diesem unverortbaren Eiland kulminieren. “Lost” wäre vielleicht genau der Name jenes fiktiven psychischen Ortes, an dem es möglich wäre, im Trauma zu leben. Oder vielleicht auch nicht.

Mit biographisch induzierter Dysfunktionalität hatte Star Trek bislang jedenfalls so wenig gemein wie der “Farm Boy” aus Iowa, der – very 21st Century – mit Beastie Boys und Nokia-Handy im erdgebundenen Gefährt einen fliegenden Cop zu überlisten versucht, mit dem souveränen Serien-Kirk, der auch schon mal durch eine Transporterfehlfunktion seinem materialisierten Alter Ego begegnen konnte, ohne dass diese gelebte Schizophrenie ihn sonderlich verändert hätte. Nicht so dieser Raufbold vom Lande: Kirk ist hier nicht nur ein vaterloser Geselle, sondern ein – auch sexuell – getriebener Talentverschwender, dessen Leben auf Biertrinken, Bordellbesuche und Bärenjagd hinauslaufen könnte. Ebenso wie Spock ein von Kindesbeinen an gedemütigter Bastard sein könnte, der sein einsiedlerisches Glück nur in den weltfernen Weihen höherer Wissenschaft finden würde.

Das leidenschaftliche Selbst

Doch sie werden es nicht. Natürlich nicht, möchte man sagen. Und dennoch ist damit bereits der Quantensprung erfasst, der diesen Star Trek von seinen Vorgängern trennt. Denn die “Next Generation” um Picard und Data spielte bis zum Ende nur ein Spiel: Wer bin ich? Sämtliche vier Filme deklinierten diese Frage anhand der Binaritäten von Gefühl und Ratio, Natur und Technik, Mensch und Maschine, Ich und Anderem mal mehr, mal weniger gelungen durch. Abrams tauscht nun nicht einfach die Püppchen aus. Er ändert auch nicht die Regeln. Er spielt einfach ein anderes Spiel: Wie werde ich? Seine Protagonisten, denen die Kamera ungewohnt eng auf den Leib rückt, sind daher keine das All mit seinen Triebdualismen und anthropologischen Antagonismen umfassenden Universalprinzipien, sondern Lebenskünstler, die beständig an den Abgründen des leidenschaftlichen Selbst hängen.

Und obgleich man an den dynamischen Raumkämpfen die Star Warsisierung des Films bemängeln könnte, so sehr entspricht die hyperrealistische Computerästhetik samt der zum Greifen nahen, mit schneidenden Spitzen versehenen Torpedos – die einst nur niedliche grüne Punkte gewesen waren – diesem praktischen Ethos durchaus. Hier gibt es kein durch Halbtotalen etabliertes Außen, sondern nur von unhintergehbarer Subjektivität erfasste Blicke, die sich bis zu jenem lautlosen Sterben heil- und oftmals orientierungslos ins Erblickte verstricken. Ein Film wie eine Schlägerei: Man könnte meinen, der junge Kirk selbst hätte ihn gedreht.

Ohnehin führt die George Lucas-Analogie nicht weit: Denn obwohl Abrams die klinische Utopie eines Gene Roddenberry auf den galaktischen Ideenschrottplatz entsorgt, erzählt sein Film kein Märchen, sondern die serielle Geschichte einer immer von Unwahrscheinlichkeit geschlagenen Überlebenstaktik. Dass er – bei allen immensen Schwächen der Rahmenhandlung – die Vulkanier zu einem übriggebliebenen, diasporischen Rest macht, erscheint dementsprechend nur konsequent.

Serielles Kino

Die große Stärke des Films bleibt jedoch – wie bei den ähnlich gelagerten Franchise-Neustarts von Batman oder James Bond – seine größte Schwäche: Weil er an das serielle Prinzip der personalen und kollektiven Existenztechniken gebunden bleibt, vermag er nur als offenes Element einer Reihe zu funktionieren. Man kann die aufgelassenen Handlungsstränge sowie die Etablierung einer alternativen Zeitlinie natürlich produktionsökonomische Cleverness nennen – der seriellen Anlage des Films entsprechen sie jedoch vollkommen. Um ihm gerecht zu werden, muss man an ihn nicht die Frage “Wer bist du?”, sondern die Abrams’sche Frage richten: “Wie wirst du?” Der Farm Boy dürfte daher nicht zum letzten Mal am Abgrund gehangen haben.

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