Die isländische Aschewolke wirbelt die Weltpolitik immer heftiger durcheinander: Weil das Flugverbot über Zentraleuropa noch bis mindestens heute Abend aufrechterhalten wird, droht nun sogar der Schweiz die Auflösung. Andernorts feiert man jedoch erste Erfolge in den kriegsähnlichen Auseinandersetzungen mit dem vulkanischen Rauch.

Berlin, Montag, 10 Uhr: Die neu eingesetzte Aschewolken-Taskforce der Bundesregierung kann erste Ergebnisse vorweisen. Der Beauftragte für Sprachpolitik der Kommission, Edmund Stoiber, trat heute vor die Presse, um zu verkünden, dass die eingereichten Vorschläge der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zur Vereinheitlichung des Vokabulars in der Berichterstattung über die Folgen des Vulkanausbruchs (wir berichteten) in fraktionsübergreifendem Konsens angenommen wurden. Stoiber: “Wir, äh – also die Bundesregierung – zu der ich ja nicht gehöre – also wir ohne, äh, ich haben, meine Damen und Herren, uns darauf verständigt, dass diese, äh, Problemwörter in Zukunft nicht mehr unbedingt notwendig sein sollen und müssen. Deshalb haben wir die, äh, Vorschläge der Gemein…, äh der Gesellschaft für die, äh, Sprache, deutsche Sprache, also die Vorschläge der Damen und Herren aus der Wissenschaft … (?) [Anm. d. Red.] Wir haben also diese Ratschläge beratschlagt und für hinrichtend, äh hinreichend befunden, um sie als nicht unsinnig einzustufen und Sanktionen zu verhängen gegen diejenigen, die, äh, sich in Zukunft und auch heute, aber vor allem in der Zukunft, äh, nicht daran gehalten haben.”

Die Schweiz vor der Zerschlagung: Bern braucht ein Wunder

Tripolis/Bern, Montag, 12 Uhr:  Die Schweiz steht vor der schwersten – und vielleicht letzten – Krise der Staatsgeschichte. Die Alpenrepublik musste heute offiziell den Regierungsnotstand nach Artikel 17, Paragraph 5 der Bundesverfassung verkünden, weil seit nunmehr drei Tagen mehr als die Hälfte des Kabinetts inklusive der als ministerielle Stellvertreter fungierenden Staatssekretäre außer Landes weilt. Auf Einladung des Nestlé-Konzerns reisten bereits am Donnerstag sechs Regierungsvertreter nach Ecuador zur Besichtigung neuer Methoden im Kakao-Anbau. Weil der Tourismus-Minister außerdem zum Bergsteigen im Himalaya unterwegs und somit unerreichbar ist, waren somit bereits am Donnerstagabend nur 7 von 14 Regierungsvertretern innerhalb der Landesgrenzen, sollten jedoch am Samstag zurückkehren. Die Aschewolke machte jedoch einen Strich durch Rechnung. Ungeschickterweise brach zudem – wie erst heute bekannt wurde – ein achter Regierungsvertreter zu geheimen Verhandlungen nach Libyen auf, um die Differenzen mit Staatschef Muammar al-Gaddafi beizulegen. Ein Neffe Gaddafis promoviert zu allem eidgenössischen Unglück jedoch derzeit über schweizerisches Staatsrecht und machte den umtriebigen Diktator auf die historische Chance aufmerksam, die das Festhalten des Schweizers darbot. Auf Geheiß des Revolutionsführer inspizierte die Staatspolizei daraufhin das Gepäck des Gastes und wurde fündig: Weil er ein iPhone mit sich führte, muss der Staatssekretär nun bis zu drei Jahren Haft rechnen. Libyen hat nämlich erst kürzlich unter dem Namen ‘yPhone’ ein eigenes Smartphone entwickelt, das – so die Pläne – binnen drei Monaten den Weltmarkt erobern und so die Staatsfinanzen aufbessern soll. Der Besitz von Konkurrenzmodellen steht seitdem unter Strafe.

Vor 250000 enthusiastischen Anhängern verkündete der sympathische Diktator heute in Tripolis seien Coup, der die einst bei UNO eingereichten Pläne zur Zerschlagung der Schweiz nun Wirklichkeit werden lassen könnte. Denn in einem verstaubten Paragraphen des alten eidgenössischen Rechts aus dem Jahr 1517 – das mit der Ausrufung des Regierungsnotstands automatisch in Kraft tritt – ist für jeden Einwohner das Recht verbürgt, im Falle “einer himlischen Catastrofe” die Auflösung des Staats einzufordern. Nach Angaben der Schweizer Bundespressstelle hat Gaddafi Großcousin Mohamad Zürkli, der in der Nähe von Zürich ein Casino leitet und seit einem Jahr neben der libyschen auch die schweizer Staatsbürgerschaft besitzt, bereits von diesem Recht Gebrauch gemacht und einen formellen Antrag auf die Auflösung der Schweiz eingereicht.

Das Prozedere sieht vor, dass eine zufällig ausgesuchte Gemeinde im Kanton Freiburg basisdemokratisch binnen 48 Stunden über den Antrag entscheiden muss. Die Wahl fiel dabei auf das nur 30 volljährige Einwohner zählende Dorf Christlswilbourg. Von diesen 30 Stimmberechtigten weilen zu allem Überfluss 14 Mitglieder der christlichen Gemeinde auf einer Wallfahrt in Jerusalem und werden – aufgrund der Aschewolke – nicht rechtzeitig zum Ablauf der Wahlfrist ihren Heimatort erreichen. Wie Blitzumfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid ergab, könnte die Schweiz daher tatsächlich morgen zu dieser Uhrzeit Geschichte sein. Neun der verbliebenen 16 Wahlberechtigten antworteten auf die Frage nach ihrem mutmaßlichen Votum “Vive la France”, vier weitere “Viva Italia! Viva Berlusconi!”, zwei weitere Dorfbewohner wiesen sich als Verwandte Peer Steinbrücks aus und der letzte Wahlberechtigte, den die Meinungsforscher vor seiner Villa am Dorfrand abfingen, griff – offenbar verblüfft von den jüngsten Entwicklungen – sofort zum Mobiltelefon, rief zuerst seinen Fonds-Manager sowie direkt im Anschluss seinen Steuerberater an und fuhr ohne weitere Auskunft in seinem Mercedes-Benz mit Hannoveraner Kennzeichen davon.

Die europäischen Nachbarstaaten zeigten sich ob dieser neuen Entwicklungen ratlos. An ein Wunder von Bern glaubt hier niemand mehr. Der deutsche Taskforce-Beauftragte für europäische Angelegenheiten Günther Oettinger verkündete diesbezüglich in Brüssel: “We are all sitting under the same ash cloud and will try anything to help our Switzerland friends. And if things go bad, we will take good care of their territory.” Unbestätigten Gerüchten zufolge, sollen die mutmaßlichen Mehreinnahmen aus dem Schweizer Bankengeschäft für Deutschland bereits in die nächsten Steuerschätzung des Bundes eingerechnet werden. “Die Geschäftszahlen liegen uns ja in digitaler Form ohnehin vor”, so ein Mitarbeiter des Finanzministeriums, der nicht genannt werden wollte.

Von Kiwis und Schnitzeln

Wien, Montag, 13 Uhr: Unterdessen wird auch der österreichische Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten von der Aschewolke getrübt. Denn Amtsinhaber Heinz Fischer sieht gelegentlich nicht nur wie eine Kiwi aus, sondern verzehrt die Südfrüchte auch kiloweise. Doch nun sind den Billa-Supermärkten in der Josefstadt, in denen Heinz Fischers Gattin einzukaufen pflegt, die gesunden Früchte mangels Nachschub aus Neuseeland ausgegangen. “Nicht abzusehen” seien die Effekte auf die Gesundheit des stets robust wirkenden 71-Jährigen, wenn die Kiwi-Versorgung nicht gewährleistet sei, sagte ein Sprecher des Präsidenten. Mit Hilfe eines ärztlichen Attest, das die “quasi-symbiotische Beziehung” zwischen präsidialem Körper und Kiwi-Frucht bestätigen soll, drängt die SPÖ daher eine Verschiebung der Wahl – “bis die Vulkansituation und damit die Ernährungskrise” gelöst seien. NSDAP- FPÖ-Kandidatin Barbara Rosenkranz sieht dies naturgemäß vollkommen anders: “Wer schon seinen Vitaminhaushalt nicht dem eigenen Land anvertraut, sondern seinen Körper mit ungezügelter Massenzuwanderung fremdländischer Früchte überflutet, der sollte das Volk auch nicht führen. Ich vertraue im Gegenteil ganz den steirischen Erdäpfeln – den urösterreichischsten Erzeugnissen unserer Heimaterde.” Eine Umfrage des österreichischen Qualitätsjournals “heute” ergab, dass die Diskussion 83 Prozent aller Wienern “wurscht” ist. Ebenso viele bekundeten im Anschluss, nun Gusto auf Schnitzel zu haben. 62 Prozent beteuerten, nun noch nie einen Rosenkranz gebetet zu haben.

Blick nach Links

16/08/2009

Wer nach einem österreichischen Pendant zum Bildblog sucht: Medienschelte.at listet auf amüsant-erschütternde Art aus Recherchierunlust und pseudo-jounalistischer Erfindungsgabe entstandene Irrtümer von Kronen Zeitung und ÖSTERREICH auf.

Gestern abend, da wurde es mir plötzlich klar. Also nicht, wie man “Würs(ch)telstand” korrekt ausspricht. Sondern warum das mit der EU-Wahl nicht so recht funktioniert hat. Zumindest sofern man kein Rechtsausleger ist. (Klammer auf: Warum will man als Rechtsextremer eigentlich ins EU-Parlament? Das wär ja so als würde ich Schalke-Mitglied werden, nur um für die Auflösung des Klubs zu votieren. [Apropos: Kann man eigentlich Wetten darauf abschließen, welcher Verein eher in seine Bestandteile zerfällt: S04 oder die SPD?] Klammer zu.)

Jedenfalls schaltete das ZDF in einer lobenswert aufwändigen Wahl-Sendung live in eine Berliner “Europa-WG”. Etwa 26 Leute wohnen da auf drei Sofas. Alles Europäer natürlich. Wobei ich jetzt nicht weiß, ob auch Schweizer, Türken, Israelis oder Guadeloupianer darunter waren. Er wolle “Europa machen”, berlinerte der WG-ins-Leben-Rufer ins Mikrofon. Was ihm das gebracht habe, wollte die Reporterin wissen. “Ja”, sagte er, pausierte kurz, guckte dann wie ein Joghurtbecher in die Runde und resümierte: “Ich habe viele schöne Kulturen kennen gelernt.” Es klang so, als meinte er eigentlich Frauen. “Und Toleranz. Das habe ich gelernt”, fügte er noch hinzu. Das hörte sich dann ein wenig traurig an.

Was die Aussage des kulturbeflissenen Berliners so relevant erscheinen lässt, ist, dass seine Wortwahl nahelegt – und das ZDF wurde nicht müde, dies zu bestärken – es ginge bei der Europawahl darum, Europa “schön” zu finden. Also so eher prinzipiell und losgelöst von irgendwelchen und gerade bei Wahlen vernachlässigbaren Dingen wie politischen Entscheidungen. Deswegen bediente sich der Berliner auch des Begriffs “Kultur” – so etwas wie die schleimig-pampige Buttermilch im Joghurtregal politischer Terminologie. Denn Kulturen kann man ja nicht abwählen, geschweige denn über sie debattieren. Nein, man kann sie nur “schön”, meinetwegen auch lecker finden. Oder halt auch nicht.

[Dieser Blogeintrag zählt übrigens jetzt bereits mehr Wörter als das "Wahlprogramm" von Hans-Peter Martin, der mit 171 Worten und einem Thema (Politikereinkünfte) 17,9 Prozent in Österreich geholt hat. Also über 0,1 Prozent pro Wort! Gemessen an dem Wahlprogrammwörter/Wählerstimmen-Schnitt müssten die Grünen dann übrigens auf 650 Prozent kommen...]

Dass es nun bei dieser Wahl offenbar um die kulturästhetischen Präferenzen der EU-Bürger geht, dies nahezulegen offenbart das ganze Dilemma des Urnengangs. Ich wähle bei der Bundestagswahl ja auch nicht die CDU, weil ich Baden-Württemberg schön finde. (Wäre aber übrigens auch das einzige Argument, das mir für die CDU einfiele.) Was bei dieser Wahl also fehlte, war schlichtweg die politische europäische Ebene. Es gab keinerlei Fragestellungen, über die sich zanken ließe, keine anstehenden Entscheidungen, die grenzüberschreitenden Diskussionsstoff geboten hätten. Und nicht zuletzt kaum mediale Räume, in denen sich genuin europäische Themen einem europäischen Publikum darstellen ließen. Wird über die EU berichtet, dann sind es zumeist Reportagen, die über Effekte europäischer Regelungen aufklären. Stichwort Butterberge und Milchseen. Diese Regelungen selbst scheinen aber aus dem Nichts zu kommen, dementsprechend groß ist zumeist die Empörung über Vorschriften, die dem Anschein nach von EU-Bürokraten aus purer Langeweile ersonnen wurden. Außer hinteren Zeitungsseiten und marginalen politischen Fernseh-Magazinen gibt es keine medialen Orte, an denen über Entscheidungsprozesse und Argumentationswege auf europäischer Ebene berichtet würde. EU-Regelungen scheinen daher immer so plötzlich im Gesetzbuch zu stehen wie Joghurtbecher im Supermarktregal.

Was bei dieser Wahl fehlte, war also nicht nur das Politische, sondern schlichtweg auch Europa. Es war einfach nur Wahl pur. Ein fettarmer Quark ohne Früchte. Dass die jeweiligen Ergebnisse von den Parteien als eine Art  Test-Umfrage unter verschärften Bedingungen interpretiert wurden, als Vergleichsmaßstab nie die letzte Europawahl, sondern stets die vergangene Landtags- oder die anstehende Bundestagswahl diente, verwundert daher kaum. Und bei allen Mühen um eine qualitativ wie quantitativ angemessene Berichterstattung fiel auch dem ZDF nichts weiter ein als stets in diese zwei Richtungen zu fragen: Finden die Wähler Europa schön? Und was bedeutet das Ergebnis für die Bundes- und Parteienpolitik?

Kein Satz würde diese Missachtung des transnationalen Charakters der EU besser zusammen fassen als jener, den Franz Müntefering Claus Kleber auf die Frage nach dem desaströsen Abschneiden der Sozialdemokraten entgegen hielt. Mobilisierungsprobleme seien das gewesen, raunzte der SPD-Vorsitzende sauerländisch in die Kamera: “Wir haben es nicht geschafft, aber das ist auch eine Verantwortung, die die Menschen selbst haben, deutlich zu machen, wie wichtig es ist zur Wahl zu gehen.” Wohlgemerkt: Die Verantwortung, die Müntefering hier meint, bezieht sich nicht auf das politische Mitspracherecht der Bürger in europäischen Fragen, sondern darauf, der SPD das gefühlte Wahlergebnis zu bescheren. Wenn sie das nicht tun, dann ist das zwar ärgerlich. Aber da sind die Wähler doch selbst Schuld, wenn sie die SPD nicht wählen – nicht die Sozialdemokraten. Die haben sich nämlich anscheinend schon daran gewöhnt, ohne Wählervotum vor sich hin zu werkeln.

Europa vermittelt also tatsächlich den Eindruck einer überdimensionalen Wohngemeinschaft: Hier achtet jede Nation und jede nationale Partei vor allem auf die Ordnung ihres eigenen Kühlschrankfachs, putzt nicht öfter als der Haushalts-Plan es vorsieht und bei Partys wird möglichst das eigene Zimmer hübsch verrammelt, weil es ja nur halb so schlimm ist, wenn es bei den Mitbewohnern dreckig wird. Und wer auf seine WG-Kumpanen sauer ist, weil der Abfluss wieder mal verstopft ist, der schickt ihnen halt ein paar Fascho-Freunde in die Bude.

Wenn die Medien – und dem Fernsehen eignet in dieser Beziehung immer noch eine Leitfunktion – aber auch die Politik es daher nicht schaffen, Räume zu kreieren, die dem transnationalen Anspruch der EU gerecht werden, dann dürften sich die Wohngenossen auch in Zukunft statt als Wahl- immer noch als Zweckkollektiv sehen, in dem man sich zwar beim Gang zum gemeinsamen Kühlschrank alle fünf Jahre trifft und dann ostentativ seine Toleranz beteuern muss, in Wahrheit aber nur die eigenen Joghurtkulturen auslöffeln möchte.

Prominentenraten

11/05/2009

Woran merkt man eigentlich, dass man im Ausland ist?

Daran, dass wenn ein angetrunkener Einheimischer einen anspricht, man denkt, er rede Englisch? Nein, das könnte auch in Franken passieren.

Daran, dass alle lebensnotwendigen Dinge andere Namen haben? Nein, das könnte auch in Berlin sein.

Daran, dass die ÖPNV-Pläne so verschlungen wirken wie altgriechische Landkarten? Nein, das trifft bereits auf Köln zu. (Zugegeben: Der Vergleich hinkt. Die Griechen nutzten den Einsturz eines Gebäudes immerhin zur Erfindung der Erinnerungskunst, während im Linksrheinischen das gesamte Stadtgedächtnis selbst kollabiert.)

Dass man nicht in Deutschland weilt, dafür gibt es nur einen zuverlässigen Indikator: Die Nutella-Spots.

Deren Prinzip besteht bekanntlich darin, junge Männer, deren schauspielerisches Talent sich zumeist auf Fallsituationen inklusive Schiedrichterherzen ergreifende Schmerzensschreie beschränkt, als kleine, eher unfreiwillig komische Buben zu inszenieren, deren Glückseligkeit vom Stiebitzen einer Nuss-Nougat becremten Brotscheibe abhängt. Und weil es sich bei diesen jungen Männern um mehr oder minder berühmte Fußballnationalspieler handelt, schreiben die findigen Drehbuchautor auch immer einen Ball in den Fernsehkasten, der natürlich auf stets ulkige Art und Weise in und durch die Szenerie fliegt. Am Ende aber der Nutella-Schnitte den Vorrang überlässt.

Man muss zugeben: Es gibt Hollywood-Filme, deren Drehbücher haben weniger Ideen. Dennoch dürfen die immer zahlreicher werdenden Sequenzen von braune Brotscheiben verzehrenden Balltretern wohl mit Fug und Recht als Kleinode derjenigen Art von Werbekunst bezeichnet werden, deren Berühmtheit mit ihrer Einfallslosigkeit korreliert. Dass Kevin “Kein-Tor-ist-so-groß-dass-man-die-Kugel-nicht-daneben-stolpern-könnte” Kuranyi der Pin-up-Boy für Nuss-Nougat-Fanatiker geworden ist, kann dementsprechend kein Zufall sein.

Man wird also Verständnis dafür aufbringen, dass ich bei Nutella-Spots den Ton lieber ausschalte.

Ein Fehler, wie sich am Wochenende herausstellte.

Da erblickte ich beim österreichischen Sender A-TV – der dankenswerterweise die deutsche Bundesliga überträgt – in der Halbzeitpause das bekannte Szenario: Ein lichtdurchfluteter Frühstückssaal im Jugendherbergsambiente, junge Männer in sportiver Kleidung, ein Ball sowie ein randvolles Glas Nuss-Nougat-Aufstrich. Allein der Protagonist des selbstredend besonders ulkigen Kunstschusses in diesem Spot irritierte mein Gedächtnis derart, dass ich bereits befürchtete, mein jüngster Köln-Besuch habe doch bleibenden Schaden hinterlassen. Der Mann, den ich meine, ähnelte zwar in Bezug auf Farbe wie Schrecklichkeit von Frisur und Bart dem Stadionflüchtling Kevin K. durchaus, aber er guckte einfach etwas intelligenter.

Ich begann also eine Art stilles Prominentenraten: Welchen unbekannten Nachwuchs-Nationalkicker könnte man hier gecastet haben? Serdar Tasci? Nein, den kenn’ ich. Andreas Beck? Nein, der ist blond. Marcel Schäfer? Nein, der trägt keinen Bart. (Wer Marcel Schäfer nicht kennt: Der spielt beim VfL Wolfsburg. Wer Wolfsburg nicht kennt: Das ist der Verein von Felix Magath, der zukünftig Kevin K. auf Schalke die Schnitten schmieren wird. Wer Schalke nicht kennt: Macht nix.)

Die Antwort dämmerte mir erst beim Abspann, in dem ich das DFB-Logo vermisste. Ödipus wird beim Sturz der Sphinx kaum euphorischer gewesen sein als ich in dem Moment, da ich des Rätsels Lösung ersann: Es war natürlich ein österreichischer Nationalspieler! Und bei dem darf dann durchaus Zweifel angemeldet werden, ob seine Landsleute ihn erkannt hätten.

Genau genommen war es ein gewisser Ivica Vastic. Den Österreichern dürfte er aber durchaus noch im Gedächtnis geblieben sein, weil er bei der EM im letzten Jahr ein Tor für seine Farben erzielte. Und damit genau so viele wie die ÖFB-Auswahl im gesamten Turnier.

Aber immerhin auch eines mehr als Kevin K.

Die Wiener müssen aufrichtige Menschen sein. Jedenfalls wenn man den schmandigen Plastiktaschen Glauben schenken darf, die allerorts an Straßenecken hängen. Nahezu alle gängigen Zeitungen liegen in diesen Säcken griffbereit. Quasi Zeitungskästen light.

Der feine Unterschied: Um an die Blätter zu gelangen, braucht man kein Geld hineinzuwerfen – man kann sie einfach so hinausziehen. Darüber hängt dann ein kleines Eisenfächlein mit der freundlichen Bitte, den entsprechenden Betrag dort hineinzugeben. Eine Bitte wohlgemerkt, keine Forderung. Wer will, der kann sich Qualitätsware wie den Standard oder hübsche Bildbände wie die Krone auch gratis ziehen. Wobei ich mir noch nicht so ganz sicher bin, ob das dann Diebstahl ist oder einfach nur Verweigerung einer freiwilligen Spende.

Würde eine Zeitung in Deutschland auf ein solche Idee kommen, sie wäre wohl binnen Monatsfrist pleite. Eine Bitte ist für Deutsche halt eine Bitte, also eine weitestgehend irrelevante Äußerung, für die keine kognitive Verarbeitungsmechanismen existieren. Das deutsche Hirn ist nämlich kantianisch strukturiert: Nur Input, der die neuronalen Pflichtbahnen entlang düst, wird in motorische Aktion rückübersetzt. Also in das Zücken des Portemonnaies. Die österreichischen Hirnwindungen sind hingegen höflichkeitssensitiv: Für Können und Müssen gelten die gleichen Aktionspotentiale.

Das führt im Umkehrschluss natürlich dazu, dass der Österreicher auch an die Freiwilligkeit appelliert, wenn er eigentlich einen Zwang meint. Auf einer überfüllten Straße würde der eilige Deutsche sagen: “Zur Seite, du Arsch!” Die österreichische Variante lautet dagegen: “Könnten’s bitte zur Seite treten, gnäd’ger Herr?” Gemeint ist in beiden Fällen freilich das selbe. Allein hat die südalpine Version den Vorteil, dass man dem Sprecher tatsächlich eine bittende und keine fordernde Absicht unterstellen kann.

So verfahre ich denn auch mit dem Standard: Das Schild mit dem Geldschlitz am Plastiksack interpretiere ich gemäß des österreichischen Registers. Es könnte eine Bitte sein. Und die ist für mein deutsches Register nunmal belanglos.

Bitter-Orange

08/05/2009

In der EU fühlt sich Österreich wie ein Tourist im Wiener Kaffeehaus: Man weiß nicht so recht, warum man eigentlich da ist, wartet darauf, dass der Ober die Getränke zur überteuerten Rechnung serviert und regt sich indessen über seine Unfreundlichkeit auf. Aber weil’s im Grunde doch recht gemütlich ist, kommt man so schnell nicht wieder heraus.

Dass aus dem Wiener Umland Wahlsprüche wie “Für Österreich da, statt für EU und Finanzmafia” plakatiert werden, gehört dabei schon beinahe zum Lokalkolorit hinzu. Zumal die FPÖ – nein, die klingen nur wie die FDP, haben aber wenig mit Freidemokraten im Allgemeinen und Westerwelle im Besonderen gemein – in dieser Hinsicht ja auch ein bisschen vorbelastet ist. Dass auch die sogenannten Sozialdemokraten der Alpenrepublik sich als “A-Team” (sprich: “Austria-Team”) vorstellen und im Tonfall besorgter Elterninitiativen fragen “Wer schaut in der EU auf Österreich?”, darf wohl auch noch unter die Rubrik populistischen Parasitentums fallen.

Schlimmer ist jedoch, dass hier nicht nur so geredet wird, als wäre man am liebsten nicht in der EU, sondern einige auch so handeln, als sei man tatsächlich nicht drin.

Nehmen wir zum Beispiel Orange. Eine Tochter des Mobilfunkkonzerns France Telekom. Eine ziemlich groß gewachsene Tochter überdies, die von der Freizügigkeit des europäischen Binnenmarktes nicht schlecht profitiert haben dürfte. Orange wirbt in Österreich jedenfalls derzeit mit halber Grundgebühr für zwei Jahre. Das ganze klingt auch noch ähnlich wie die SPÖ-Werbung – “Team Orange”. Dazu gibt’s das iPhone. Und 3GB pro Monat. Und 400 Freiminuten in die EU pro Monat. Wir wären also ein Liebes-Team gewesen.

Allein: Die Braut wollte nicht so recht, verlangte vom Gatten in spe erst einmal Meldezettel, Bankkonto und Reisepass(!). Meinen Einwand, dass ich den Reisepass niemals, noch nicht mal zur Flugbuchung brauche, veranlasste den netten Orange-E-Mail-Mitarbeiter zum argumentativen Totschlag: “Wir informieren Sie, dass wir für die Anmeldung alle geforderten Dokumente benötigen.” Ach so.

Um das Papier jemandem vor Augen zu halten, wanderte ich schließlich in den Orange-Shop im wahrscheinlich häßlichsten Einkaufszentrum nicht nur Wiens, sondern wahrscheinlich auch südlich der Alpen. Dort wollte ich – also Orange-Wartenummer 138 – dem noch netteren Orange-Mitarbeiter eigentlich erklären, warum er meinen Reisepass nicht braucht. Er ist ja schließlich kein Anti-Terror-Kämpfer. Soweit kam’s aber gar nicht, denn mit einem verdutzten Blick auf meine sorgsam zusammengetragenen Unterlagen zum Beleg meiner Existenz sagte er: “Für einen Vertrag müssen Sie mindestens drei Monate in Österreich gelebt haben.” Meine Frage klingt auch Tage später für meine Ohren noch verständlich: Warum? – “Als EU-Bürger müssen sie mindestens drei Monate hier gewohnt haben.” Aber warum? “Als Nicht-EU-Ausländer sind’s sechs Monate.” Ach so.

Ich kann mich nicht erinnern, mich von ihm verabschiedet zu haben.

Im Anschluss habe ich dann nochmal die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Orange aufgeschlagen. Das 3-Monats-Kriterium für EU-Ausländer taucht darin nicht auf. Und meinen herzlichen Glückwunsch zur Vereitelung eines knapp 700 Euro umfassenden Auftrags erwiderte das Orange-Team so:

Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir auf Grund der großen Anzahl von Anmeldungen von EU-Bürgern auf diese Anmeldekriterien bestehen müssen.

Hmm. Eine große Anzahl von Anmeldungen. Das freut ein Unternehmen in der Regel doch. Orange nicht. Orange hat zu viele Kunden. Und das inmitten einer Wirtschaftskrise – da will man ja bekanntlich möglichst wenig Kunden haben!?

Jedenfalls scheint mir dieses ganze Orange-Angebot einen bitteren Beigeschmack zu haben. Man lockt mit 400 Freiminuten in die EU die vielen in Österreich lebenden EU-Bürger (2008: über 300 000), gewährt ihnen den Tarif aber nicht, weil man Angst hat, dabei draufzuzahlen. Denn Geld verdient man ja nur mit den teuren Tarifen, die nach dem Freiminutenverbrauch greifen. Und da hofft man anscheinend auf Studenten – für die gilt die 3-Monatsregel nämlich nicht.

Wäre ich selbst Politiker, dann würde ich jetzt auf Autobahnen und Straßenkreuzungen blicken und mit weinerlicher Stimme fragen: “Wer schaut in Österreich auf EU-Bürger?”

Mach’ ich zwar nicht. Aber ich hasse es, wenn ein Plan nicht funktioniert.

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