“Kanon des Verrückt-Seins”
22/04/2010
Serien: Das Ende des Abendlands?
“Denn eine unterhaltsame Serie handelt von Menschen, die mit ihrer eigenen Serialisierung, mit der Ersetzung des Subjekts durch die Struktur, nur höchst unvollkommen zurechtkommen”, schreibt Georg Seeßlen in der aktuellen Spex, die sich auf durchaus originelle Art und Weise des gegenwärtigen Serien-Booms annimmt. Während Seeßlen in seiner Lobpreisung der Avantgarde-Serie Twin Peaks (“ein umfassender Kanon des Verrückt-Seins”) dabei manchmal in philosophischen Ästhetizismus verfällt, der mir auch David Lynch nicht ganz gerecht zu werden scheint (“Jedenfalls schien mit ‘Twin Peaks’ für eine kurze Zeit die Utopie auf, mit der Repräsentation auch das christliche Abendland und sein Narrativ zu überwinden”), überzeugt vor allem das Drei-in-Eins-Interview mit Drehbuchautor Orkun Ertener, Produzentin Kathrin Bullemer und dem Serienjunkies.de-Redakteur Christian Junklewitz über die Probleme der deutschen Serienlandschaft. Wibke Wetzker und Gerhard Maier fassen auf engem Raum durchaus ansprechend die (nicht aller-)neuesten Entwicklungen auf dem Serienmarkt in den USA sowie dem Nahen Osten zusammen, wohingegen Barbara Schweizerhofs Text über Lost gerademal dem durchschnittlichen Niveau der sechsten Staffel der Kult-Serie entspricht.
Mad Woman
Geschrieben hat auch Mad Men-Darstellerin Christina Hendricks. Und zwar einen “Brief an Männer”, der davon zeugt, dass sich die Schauspielerin vielleicht ein wenig zu sehr mit ihrer Figur als Sekretärinnen-Ikone ‘Joan’ identifiziert. Denn Männer mag Hendricks anscheinend wirklich im Don Draper-Stil: Scotch trinkend. Immer hat sie es damit heute unter der Überschrift “Was Frauen von Männern wollen” auf die Titelseite der österreichischen Gratiszeitung “heute” geschafft, der nicht erst seit der Aschewolke der Intellekt ein wenig vernebelt wurde. Das Originalinterview findet sich übrigens im “Esquire“.
Was Bill wohl dazu sagen würde?
Da das neue und bislang nicht sonderlich überzeugende und für meinen Geschmack zu Jazz-lastige HBO-Drama “Treme” (das sich offenbar die berühmte Spike Lee-Doku “When the levees broke” über die Aus- und Nachwirkungen von Hurricane Katrina in New Orleans zum Vorbild genommen hat) nun auf dem Sendeplatz des grandiosen “How to make it in America”, dessen erste Staffel leider schon nach wenigen Episoden wieder vorbei war, läuft und die neuen Staffeln von “In Treatment” und “True Blood” noch auf sich warten lassen, muss man nun wohl schon ins Kino gehen, um Serienschauspieler zu Gesicht zu bekommen. Neben Emilie de Ravin (‘Claire’ in Lost), die bekanntermaßen derzeit an der Seite Robert Pattinsons in “Remember Me” zu sehen ist, darf sich nun auch Amanda Seyfried (als Polygamisten-Tochter ‘Sarah Hendrickson’ aus dem entzückenden Big Love bekannt) in der – nicht gerade mormonischen Moralvorstellungen entsprechenden – Rolle als Callgirl im Erotik-Thriller “Chloe” an der Seite von Julianne Moore und Liam Neeson ausprobieren. Wenn Bill das wüsste…
Ein anderes Spiel: JJ Abrams’ “Star Trek”
19/05/2009
Stille. Kalte, metallische Stille. Leichenblasse, ewige Lautlosigkeit inmitten einer Weltraumschlacht, die so viele Trümmer zeitigt, dass selbst die Kamera Mühe zu haben scheint, ihnen auszuweichen. Als Regisseur JJ Abrams während des initialen kosmischen Kampfes den Volumeregler abrupt herabdreht, um sich für wenige Sekunden in den geräuschlosen Tod eines ins All hinausgezogenen Crewmitglieds einzufühlen, da merkt der Kino-Zuschauer, dass der neue, mittlerweile elfte Star Trek-Film sich sein Prädikat tatsächlich verdienen möchte. Und er schafft es. Weil er in die statische Figurenkonstellation der Originalserie die Leidensgeschichte der Subjektivierung einführt: Ein Portrait des Captains als junger Raufbold.
Getriebene Talentverschwender
Als Abrams das Drehbuch für das Prequel zum ersten Mal in den Händen hielt, da müsste er sich vor Freude mit den Händen kurz durch seine charakteristische Wuschelfrisur gefahren sein, weil er gewusst haben müsste, dass das Skript weniger an Trekkies, sondern eher an ihn persönlich adressiert war. Denn der Serienschöpfer Abrams (“Fringe”) hat mit dem vor Komplexität berstenden “Lost” nicht zufällig die Recherche der Serienkultur geschaffen: Seine Insulaner sind schließlich keine Entdecker unbekannter Welten à la Robinson Crusoe, sondern beschädigte Subjekte, deren individuelle Traumata auf diesem unverortbaren Eiland kulminieren. “Lost” wäre vielleicht genau der Name jenes fiktiven psychischen Ortes, an dem es möglich wäre, im Trauma zu leben. Oder vielleicht auch nicht.
Mit biographisch induzierter Dysfunktionalität hatte Star Trek bislang jedenfalls so wenig gemein wie der “Farm Boy” aus Iowa, der – very 21st Century – mit Beastie Boys und Nokia-Handy im erdgebundenen Gefährt einen fliegenden Cop zu überlisten versucht, mit dem souveränen Serien-Kirk, der auch schon mal durch eine Transporterfehlfunktion seinem materialisierten Alter Ego begegnen konnte, ohne dass diese gelebte Schizophrenie ihn sonderlich verändert hätte. Nicht so dieser Raufbold vom Lande: Kirk ist hier nicht nur ein vaterloser Geselle, sondern ein – auch sexuell – getriebener Talentverschwender, dessen Leben auf Biertrinken, Bordellbesuche und Bärenjagd hinauslaufen könnte. Ebenso wie Spock ein von Kindesbeinen an gedemütigter Bastard sein könnte, der sein einsiedlerisches Glück nur in den weltfernen Weihen höherer Wissenschaft finden würde.
Das leidenschaftliche Selbst
Doch sie werden es nicht. Natürlich nicht, möchte man sagen. Und dennoch ist damit bereits der Quantensprung erfasst, der diesen Star Trek von seinen Vorgängern trennt. Denn die “Next Generation” um Picard und Data spielte bis zum Ende nur ein Spiel: Wer bin ich? Sämtliche vier Filme deklinierten diese Frage anhand der Binaritäten von Gefühl und Ratio, Natur und Technik, Mensch und Maschine, Ich und Anderem mal mehr, mal weniger gelungen durch. Abrams tauscht nun nicht einfach die Püppchen aus. Er ändert auch nicht die Regeln. Er spielt einfach ein anderes Spiel: Wie werde ich? Seine Protagonisten, denen die Kamera ungewohnt eng auf den Leib rückt, sind daher keine das All mit seinen Triebdualismen und anthropologischen Antagonismen umfassenden Universalprinzipien, sondern Lebenskünstler, die beständig an den Abgründen des leidenschaftlichen Selbst hängen.
Und obgleich man an den dynamischen Raumkämpfen die Star Warsisierung des Films bemängeln könnte, so sehr entspricht die hyperrealistische Computerästhetik samt der zum Greifen nahen, mit schneidenden Spitzen versehenen Torpedos – die einst nur niedliche grüne Punkte gewesen waren – diesem praktischen Ethos durchaus. Hier gibt es kein durch Halbtotalen etabliertes Außen, sondern nur von unhintergehbarer Subjektivität erfasste Blicke, die sich bis zu jenem lautlosen Sterben heil- und oftmals orientierungslos ins Erblickte verstricken. Ein Film wie eine Schlägerei: Man könnte meinen, der junge Kirk selbst hätte ihn gedreht.
Ohnehin führt die George Lucas-Analogie nicht weit: Denn obwohl Abrams die klinische Utopie eines Gene Roddenberry auf den galaktischen Ideenschrottplatz entsorgt, erzählt sein Film kein Märchen, sondern die serielle Geschichte einer immer von Unwahrscheinlichkeit geschlagenen Überlebenstaktik. Dass er – bei allen immensen Schwächen der Rahmenhandlung – die Vulkanier zu einem übriggebliebenen, diasporischen Rest macht, erscheint dementsprechend nur konsequent.
Serielles Kino
Die große Stärke des Films bleibt jedoch – wie bei den ähnlich gelagerten Franchise-Neustarts von Batman oder James Bond – seine größte Schwäche: Weil er an das serielle Prinzip der personalen und kollektiven Existenztechniken gebunden bleibt, vermag er nur als offenes Element einer Reihe zu funktionieren. Man kann die aufgelassenen Handlungsstränge sowie die Etablierung einer alternativen Zeitlinie natürlich produktionsökonomische Cleverness nennen – der seriellen Anlage des Films entsprechen sie jedoch vollkommen. Um ihm gerecht zu werden, muss man an ihn nicht die Frage “Wer bist du?”, sondern die Abrams’sche Frage richten: “Wie wirst du?” Der Farm Boy dürfte daher nicht zum letzten Mal am Abgrund gehangen haben.