Bitter-Orange

08/05/2009

In der EU fühlt sich Österreich wie ein Tourist im Wiener Kaffeehaus: Man weiß nicht so recht, warum man eigentlich da ist, wartet darauf, dass der Ober die Getränke zur überteuerten Rechnung serviert und regt sich indessen über seine Unfreundlichkeit auf. Aber weil’s im Grunde doch recht gemütlich ist, kommt man so schnell nicht wieder heraus.

Dass aus dem Wiener Umland Wahlsprüche wie “Für Österreich da, statt für EU und Finanzmafia” plakatiert werden, gehört dabei schon beinahe zum Lokalkolorit hinzu. Zumal die FPÖ – nein, die klingen nur wie die FDP, haben aber wenig mit Freidemokraten im Allgemeinen und Westerwelle im Besonderen gemein – in dieser Hinsicht ja auch ein bisschen vorbelastet ist. Dass auch die sogenannten Sozialdemokraten der Alpenrepublik sich als “A-Team” (sprich: “Austria-Team”) vorstellen und im Tonfall besorgter Elterninitiativen fragen “Wer schaut in der EU auf Österreich?”, darf wohl auch noch unter die Rubrik populistischen Parasitentums fallen.

Schlimmer ist jedoch, dass hier nicht nur so geredet wird, als wäre man am liebsten nicht in der EU, sondern einige auch so handeln, als sei man tatsächlich nicht drin.

Nehmen wir zum Beispiel Orange. Eine Tochter des Mobilfunkkonzerns France Telekom. Eine ziemlich groß gewachsene Tochter überdies, die von der Freizügigkeit des europäischen Binnenmarktes nicht schlecht profitiert haben dürfte. Orange wirbt in Österreich jedenfalls derzeit mit halber Grundgebühr für zwei Jahre. Das ganze klingt auch noch ähnlich wie die SPÖ-Werbung – “Team Orange”. Dazu gibt’s das iPhone. Und 3GB pro Monat. Und 400 Freiminuten in die EU pro Monat. Wir wären also ein Liebes-Team gewesen.

Allein: Die Braut wollte nicht so recht, verlangte vom Gatten in spe erst einmal Meldezettel, Bankkonto und Reisepass(!). Meinen Einwand, dass ich den Reisepass niemals, noch nicht mal zur Flugbuchung brauche, veranlasste den netten Orange-E-Mail-Mitarbeiter zum argumentativen Totschlag: “Wir informieren Sie, dass wir für die Anmeldung alle geforderten Dokumente benötigen.” Ach so.

Um das Papier jemandem vor Augen zu halten, wanderte ich schließlich in den Orange-Shop im wahrscheinlich häßlichsten Einkaufszentrum nicht nur Wiens, sondern wahrscheinlich auch südlich der Alpen. Dort wollte ich – also Orange-Wartenummer 138 – dem noch netteren Orange-Mitarbeiter eigentlich erklären, warum er meinen Reisepass nicht braucht. Er ist ja schließlich kein Anti-Terror-Kämpfer. Soweit kam’s aber gar nicht, denn mit einem verdutzten Blick auf meine sorgsam zusammengetragenen Unterlagen zum Beleg meiner Existenz sagte er: “Für einen Vertrag müssen Sie mindestens drei Monate in Österreich gelebt haben.” Meine Frage klingt auch Tage später für meine Ohren noch verständlich: Warum? – “Als EU-Bürger müssen sie mindestens drei Monate hier gewohnt haben.” Aber warum? “Als Nicht-EU-Ausländer sind’s sechs Monate.” Ach so.

Ich kann mich nicht erinnern, mich von ihm verabschiedet zu haben.

Im Anschluss habe ich dann nochmal die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Orange aufgeschlagen. Das 3-Monats-Kriterium für EU-Ausländer taucht darin nicht auf. Und meinen herzlichen Glückwunsch zur Vereitelung eines knapp 700 Euro umfassenden Auftrags erwiderte das Orange-Team so:

Wir bitten um Ihr Verständnis, dass wir auf Grund der großen Anzahl von Anmeldungen von EU-Bürgern auf diese Anmeldekriterien bestehen müssen.

Hmm. Eine große Anzahl von Anmeldungen. Das freut ein Unternehmen in der Regel doch. Orange nicht. Orange hat zu viele Kunden. Und das inmitten einer Wirtschaftskrise – da will man ja bekanntlich möglichst wenig Kunden haben!?

Jedenfalls scheint mir dieses ganze Orange-Angebot einen bitteren Beigeschmack zu haben. Man lockt mit 400 Freiminuten in die EU die vielen in Österreich lebenden EU-Bürger (2008: über 300 000), gewährt ihnen den Tarif aber nicht, weil man Angst hat, dabei draufzuzahlen. Denn Geld verdient man ja nur mit den teuren Tarifen, die nach dem Freiminutenverbrauch greifen. Und da hofft man anscheinend auf Studenten – für die gilt die 3-Monatsregel nämlich nicht.

Wäre ich selbst Politiker, dann würde ich jetzt auf Autobahnen und Straßenkreuzungen blicken und mit weinerlicher Stimme fragen: “Wer schaut in Österreich auf EU-Bürger?”

Mach’ ich zwar nicht. Aber ich hasse es, wenn ein Plan nicht funktioniert.

Im Baumarkt ist Deutschland noch Deutschland. Ein Volk von schnurrbärtigen Hausbesitzern, Bohrmaschinenvirtuosen und Gartenlaubenerbauern. Der Baumarkt ist demnach nicht gerade mein natürliches Lebensumfeld. Nun wollte es mein Umzug jedoch, dass ich den seltsamen Ehrgeiz entwickelte, mein Zimmer der Nachmieterin schöner zu hinterlassen als ich es erhalten hatte. Ein Ehrgeiz also, der mich schnurstracks in eines dieser nach Sägespänen riechenden Warenhäuser führte, deren Name mich eigentlich eher an Walter Gropius oder Mies van der Rohe erinnert.

Es ging eigentlich nur um eine Schnur, meinetwegen auch einen Faden oder eine Kordel, jedenfalls um ein etwa drei Meter langes, zusammenhängendes Stück weißer Textilfaser, das meine improvisierte Gardinenschnur dauerhaft ersetzen sollte. Kann also nicht so schwer sein, dachte ich, packte die erstbeste weiße Schnur in die Tasche, zahlte ca. 4 Euro, stellte zuhause fest, dass sie zu dick war und stiefelte wieder zum Flingern S-Bahnhof. “Wir nehmen keine geschnittene Ware zurück”, konstatierte dort dann die Baumarktmitarbeiterin. “Verpackt gibt’s die aber nicht”, konterte ich. In der routinierten Manier eines Anrufbeantworters parierte sie: “Geschnittene Ware nehmen wir nicht zurück.” Dem Argument beugte ich mich dann.

Ich stand also wieder vor den Schnüren und bewunderte die Artenvielfalt, die das Industriehandwerk auf diesem Planeten hervorgebracht hat. Ob weiß, rot, gelb oder blau, ob UV-resistent, schwimmfähig oder reibungsarm, ob zwei, drei oder vier Millimeter dick – fad war die Auswahl gewiss nicht. Fasziniert betastete ich gute zehn Minuten lang die formvollendeten Textilfasern, beobachtete derweil einen irgendetwas irgendwo hinwuchtenden Baumarktmitarbeiter, den anzusprechen ich jedoch zögerte, nachdem mir kürzlich einer seiner Kollegen zur Begrüßung eine Packung Schrauben vor die Füße gedonnert hatte. Dass Menschen minutenlang vor Schnüren stehen, schien ihn auch nicht weiter zu wundern, also verschwand er wieder.

Ich fasste schließlich all meinen Mut zusammen und suchte den für die Abteilung zuständigen Mitarbeiter. Nach fünf Minuten Suche änderte ich die Aufgabenstellung dahin ab, irgendeinen Mitarbeiter finden zu wollen. Bei den Lampen hatte ich schließlich Erfolg, hielt einem Herrn, den in der Fankurve des MSV Duisburg vorzustellen mir geringe Probleme bereitete, das mitgebrachte Stück alter Schnur unter die Nase und bat um eine Kordel gleicher Dicke und Art. “Schnüre sind dahinten um die Ecke”, klärte Schimanski mich auf. Meinen Hinweis, dass ich gleichwohl bereits wüsste, wo die Schnüre sich befinden, aber Beratungsbedarf anzumelden hätte, quittierte er mit dem dürren Hinweis: “Dann müssen Sie meinen Kollegen suchen.” Danke.

Sein Kollege, den ich weitere fünf Minuten später irgendwo zwischen Lacken und Gardinen erspähte, guckte sich das Corpus Delicti dann immerhin an. “Schnüre sind dahinten”, ließ sein Zeigefinger Hilfsbereitschaft erahnen. Mein Einwand, dass ich bereits wüsste, wo die Schnüre sind, gleichfalls aber nicht sicher sei bezüglich Dicke und Beschaffenheit, trieb ihn schnurstracks zur Schlussfolgerung: “Dann haben wir sie nicht.”

Von diesem, mir in seinen Tiefen unzugänglichen Exkurs in Kausollogik geschlaucht, stand ich abermals vor Spindeln, Metermaß und Zange. Noch eine halbe Stunde zwischen Hochdruckreinigern und Schleifmaschinen, dachte ich, und ich würde ernsthaft überlegen, mir eine Schlinge um den Hals zu legen und mich vom nächstbesten Fertigbauhocker zu stürzen.

Aber nein, wurde mir klar, auch das ginge nicht.

Dafür bräuchte ich ja eine Schnur.

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