Muslimistischer Maischbrei
22/09/2010
Wenn ich ein Verbrecher wäre, ich würde mich anziehen wie Peter Scholl-Latour.
Das nur mal vorweg.
Der Publizist und “Islam-Experte”-Bauchbindenträger, der dafür bekannt ist, mal bekannt geworden zu sein, saß gestern in meinem Fernsehapparat herum und versuchte sich mit Sandra Maischberger und einigen anderen komischen Menschen über ein hübsches Themen-Potpourri zu unterhalten, das offensichtlich seinen Weg direkt von einer Islam-Tagcloud der letzten 9 Jahre ins redaktionelle Notizbuch gefunden und sich in einem noch hübscheren (Achtung: Alliteration!) Sendungstitel verdichtet hat: “Kopftuch und Koran – hat Deutschland kapituliert?”
Von Koran-Verbrennung über Terrorismus und Gleichberechtigung bis hin zu Ehrenmord waren eigentlich alle Themen dabei, die man ohnehin schon nicht mehr hören kann. Man kann den Studiogästen nur zugute halten, dass sie wenigstens ansatzweise versuchten, das Konzept zu hinterfragen, Maischberger parierte solche Attacken kapitulationsunwillig jedoch mit der Standardabwehr einer jeden Talkshowmoderatorin: “Dann könnten wir ja gar keine Sendung mehr machen.” Richtig. Weil es das Medium gibt, muss es das Medium geben. Besser könnte man die interne Funktionslogik (und das journalistische Selbstverständnis) der Talkshow nicht zusammenfassen. Dass darüberhinaus die Außenseite der Funktionslogik – die ritualisierte repräsentative Darstellung von gesellschaftlichen Diskursen (nicht zu verwechseln mit argumentationsbasierten Diskussionen) – vergessen wurde? Wen kümmert’s! Wenn die ARD-Redaktion entscheidet, dass alle Facetten eines bestimmten Diskurses zu einer Sendung amalgamiert werden können, dann hat sich der Diskurs gefälligst danach zu richten. Einen Kritikpunkt hätte ich diesbezüglich allerdings: Es wurde kein einziges Mal über die legitime Höhe von Minaretten gestritten. Shame on you, ARD!
Da die Debatte um “Ehrenmorde” und die vermeintliche Gefahr einer “Islamisierung” Deutschlands/der westlichen Welt/des Abendlandes/whatever nicht über Betroffenheitsrhetorik und die Verteidigung von Partikularinteressen der verschiedenen Interessensvertreter hinauskam, leitete Maischberger über zum “Geht immer”-Topic in der Islam-Debatte: Kopftuch und Burka. Wenn es diese sichtbaren Zeichen religiöser Praxis nicht gäbe, Islamophobe würden sie wohl erfinden, weil es ja nicht angeht, dass “die” genauso rumlaufen wie “wir”. Im Kopfttuchstreit ist man als “Journalist” von daher immer auf der sicheren Seite: Sobald es um den Stoff am Körper geht, bekommen alle Ressentiments eine geradezu haptische Qualität.
Sandra Maischberger – stets um die interne Funktionslogik besorgt – begründete prompt die Spezifität des Kopftuchs (es ging gerade darum, ob irgendwas irgendwo irgendwie verboten werden sollte) auch damit, dass “ich damit ja nicht geboren” sei. Eine Absurdität, die der in der paradoxen Rolle des aufgeklärten Radikalen geladene Pierre Vogel noch mit dem Konter überbot: “Ich mit der Hose auch nicht.” (Was zum Glück keine Überleitung zu einem Softporno war – sowas ist der ARD dann doch zu unverschleiert.)
Richtig lustig wurde es aber erst als Jürgen Fliege zum Thema “Burka” das Wort ergriff und im unverwechselbaren Stil des TV-Therapeuten-Pfarrers das Kleidungsstück als kommunikative De-Integration deutete: “Ich verstehe, du willst nicht mit mir reden.” Genau. Bevor ich mich von Leuten wie Jürgen Fliege vollkommunizieren lassen muss, würde ich auch lieber eine Burka tragen. In einem Land, in dem tausende Spießbürger Google verbieten lassen wollen, Fotos ihrer Häuser ins Internet zu stellen, die ohnehin schon dort stehen und die darüberhinaus jedermann nach Lust und Laune ebenfalls aufnehmen und veröffentlichen könnte, fordert jemand allen Ernstes, dass man überall und jederzeit allen anderen durch textile Freizügigkeit seine “Gefühlslage” offenbaren soll. Super. Sonnenbrillenträger, Hand-vor-die-Augen-Halter, Pony-in-der-Stirn-Träger, Hut-, Kapuzen-, Helm- und Mützenliebhaber und Bei-Regen-Regenschirm-Haltende: Integriert euch gefälligst! Sonst seid ihr selber schuld, wenn ich euch nicht mag. Fliege: “Darüber müssen wir reden.” Aber nicht mit mir.
Nachdem schließlich auch noch Buchseitenvollschreiber Udo Ulfkotte – was ich für einen Künstlername halte, der zur Verschleierung seiner wahren kommunikativen Intention dient – seinen unsinnigen Unfug verbreitet hatte, sinnierte schließlich – um der anbrechenden Nacht den Rest zu geben – Peter Scholl-Latour noch über mögliche Gründe für ein Burka-Verbot. Was ihm einfiel: Da könnte sich ja auch ein Mann, oder schlimmer noch: ein Verbrecher drunter verstecken. Genau. Wenn ich ein Verbrecher wäre, ich würde mir garantiert eines der auffälligsten Kleidungsstücke dieses Landes aussuchen, um mich zu, ähm, “tarnen”. Zumal man Kriminelle ja ansonsten stets an ihrem Äußeren erkennen kann, gell?
Und wenn ich mich damit nicht kommunikativ ent-integrieren würde, hätte ich mir in dem Moment tatsächlich die Hand vor den Kopf geschlagen.
Unterm Wasser gebaut
27/05/2009
Ellen DeGeneres muss so etwas wie eine in New Orleans wiedergeborene Hamburgerin sein. Da ist diese latente Bitterkeit, die durch ihre Stimme weht wie der rauhe Wind am Alsterufer und ihr gerade soviel unterschwelligen Frust verleiht, dass man ihren Worten automatisch die Autorität zumisst, die jeder Klage eignet. Auch wenn sie witzig ist. Oder gerade dann, wenn sie witzig ist. Und das passiert so häufig wie es in Hamburg regnet.
Ich kannte Ellen DeGeneres eigentlich nur durch einen Gastauftritt in Six Feet Under, bei dem sie sich selbst als Talkmasterin mimt. Die Talkshow gibt es wirklich. Michelle und Barack Obama, Matthew Fox sowie Paris Hilton und unzählige andere wichtige und noch wichtigere Menschen empfängt sie dort. Der Besuch, der am meisten über sie aussagt, ist jedoch der von Heidi Klum Anfang des Jahres. Was man dazu wissen muss, ist dass sich Ellen DeGeneres 1997 als lesbisch geoutet hat. Ihre Sitcom wurde kurz danach eingestellt, erst drei Jahre später bekam sie wieder ein Angebot für eine neue Fernsehshow. (Es ist also kein Zufall, dass sich eine Internetseite, die sich mit dem Tun von lesbischen und bisexuellen Frauen in den Medien beschäftigt, AfterEllen.com nennt.)
Für Heidi Klum ist Homosexualität nun wahrscheinlich so etwas wie Haute Couture: Manche Menschen, die etwas schräg sind und extravagante Dinge tun, entwerfen so etwas. Warum, weiß man nicht so genau und ganz ernst gemeint kann es auch nicht sein. Aber zu besonderen Gelegenheit kann man darin mal über den Laufsteg stolzieren.
Heidi stapft also in ihrer Heidi-Art ins TV-Studio, lacht ihr Heidi-Lächeln, setzt sich Heidi-mäßig in den Sessel und guckt mir ihrem Heidi-Blick zielgerichtet in die Kamera. Was dann in ihrem Heidi-Hirn passiert, ist nicht so einfach zu beschreiben. Es dürfte aber wahrscheinlich eine jener aporetischen Handlungsweisen sein, die sie ihren Next-Topmodels immerfort zuwirft. In etwa: “Sei authentisch. Und schlüpf’ in viele Rollen.” Also versucht sie sich mit Ellen DeGeneres’ authentischer Homosexualität zu solidarisieren und bietet ihr statt der Wangen die puppenähnlich gespitzten Lippen zum Kuss. Lesbisch-Sein, das ist ja schließlich eine Rolle, in die man einfach mal so hineinhüpfen kann wie in ein Designerhöschen. Eine nette, kinderähnliche Spielerei, die mit ernsthafter, d.h. heterosexueller Sexualität schon mal gar nichts zu tun hat. Heidi versucht also, sich das Lesbisch-Sein ihres Gegenübers für ihre Heidi-Welt, die so komplex wie ein Puppenhaus funktioniert, anzueignen.
Was das Schöne ist: Auf ihre kühl-freundliche, redselig-barsche, also quasi-hanseatische Art verweigert ihr Ellen diesen Assimilationsakt. Sie lacht kurz ob des Angebots, bleibt aber seelenruhig im Sessel sitzen, hebt kurz mahnend den Finger und begründet ihre Abweisung mit dem ironischen Zitat eines sehr heterosexuellen Satzes: “It gives trouble for me at home, you know.” Anstandshalber lässt sie sich dann zwei Heidi-Schmatzer auf die Wange geben, das Heidi-Lächeln wirkt danach jedoch etwas eingefroren.
Weshalb ich diese Episode zitiere? Um zu zeigen, dass Ellen DeGeneres nicht einfach eine weibliche, amerikanische Variante von Beckmann oder Kerner darstellt. Sie ist nämlich nicht nur doppelt so intelligent wie ihre deutschen Pendants, sondern besitzt auch jene Integrität, von der die beiden genannten Betroffenheitsredner immerfort faseln, wenn sie schweren menschlichen Schicksalen unter Ausschluss der eigenen Hirntätigkeit lauschen.
Wer Ellen DeGeneres’ komödiantisches Talent in voller Pracht erleben möchte, dem sei daher ihre Rede vor Absolventen der Tulane University in New Orleans ans Herz gelegt. Greift sie doch dort nicht nur ihre eigene Lebens- und die jüngere Stadtgeschichte auf, sondern macht sich zugleich über den Rahmen dieses Auftritts, akademische Gepflogenheiten im allgemeinen, studentisches Leben im besonderen und das Genre der Erbauungsrede lustig, ohne jene sanfte Bitterkeit, jene harsche Eile in der Stimme preiszugeben, die so schwer zu bewahren sein muss wie eine Stadt unter dem Meeresspiegel vor den Fluten, ihr aber die Ahnung einer Aura verleiht.
Ein Tagverschönerungsvideo.