Muslimistischer Maischbrei
22/09/2010
Wenn ich ein Verbrecher wäre, ich würde mich anziehen wie Peter Scholl-Latour.
Das nur mal vorweg.
Der Publizist und “Islam-Experte”-Bauchbindenträger, der dafür bekannt ist, mal bekannt geworden zu sein, saß gestern in meinem Fernsehapparat herum und versuchte sich mit Sandra Maischberger und einigen anderen komischen Menschen über ein hübsches Themen-Potpourri zu unterhalten, das offensichtlich seinen Weg direkt von einer Islam-Tagcloud der letzten 9 Jahre ins redaktionelle Notizbuch gefunden und sich in einem noch hübscheren (Achtung: Alliteration!) Sendungstitel verdichtet hat: “Kopftuch und Koran – hat Deutschland kapituliert?”
Von Koran-Verbrennung über Terrorismus und Gleichberechtigung bis hin zu Ehrenmord waren eigentlich alle Themen dabei, die man ohnehin schon nicht mehr hören kann. Man kann den Studiogästen nur zugute halten, dass sie wenigstens ansatzweise versuchten, das Konzept zu hinterfragen, Maischberger parierte solche Attacken kapitulationsunwillig jedoch mit der Standardabwehr einer jeden Talkshowmoderatorin: “Dann könnten wir ja gar keine Sendung mehr machen.” Richtig. Weil es das Medium gibt, muss es das Medium geben. Besser könnte man die interne Funktionslogik (und das journalistische Selbstverständnis) der Talkshow nicht zusammenfassen. Dass darüberhinaus die Außenseite der Funktionslogik – die ritualisierte repräsentative Darstellung von gesellschaftlichen Diskursen (nicht zu verwechseln mit argumentationsbasierten Diskussionen) – vergessen wurde? Wen kümmert’s! Wenn die ARD-Redaktion entscheidet, dass alle Facetten eines bestimmten Diskurses zu einer Sendung amalgamiert werden können, dann hat sich der Diskurs gefälligst danach zu richten. Einen Kritikpunkt hätte ich diesbezüglich allerdings: Es wurde kein einziges Mal über die legitime Höhe von Minaretten gestritten. Shame on you, ARD!
Da die Debatte um “Ehrenmorde” und die vermeintliche Gefahr einer “Islamisierung” Deutschlands/der westlichen Welt/des Abendlandes/whatever nicht über Betroffenheitsrhetorik und die Verteidigung von Partikularinteressen der verschiedenen Interessensvertreter hinauskam, leitete Maischberger über zum “Geht immer”-Topic in der Islam-Debatte: Kopftuch und Burka. Wenn es diese sichtbaren Zeichen religiöser Praxis nicht gäbe, Islamophobe würden sie wohl erfinden, weil es ja nicht angeht, dass “die” genauso rumlaufen wie “wir”. Im Kopfttuchstreit ist man als “Journalist” von daher immer auf der sicheren Seite: Sobald es um den Stoff am Körper geht, bekommen alle Ressentiments eine geradezu haptische Qualität.
Sandra Maischberger – stets um die interne Funktionslogik besorgt – begründete prompt die Spezifität des Kopftuchs (es ging gerade darum, ob irgendwas irgendwo irgendwie verboten werden sollte) auch damit, dass “ich damit ja nicht geboren” sei. Eine Absurdität, die der in der paradoxen Rolle des aufgeklärten Radikalen geladene Pierre Vogel noch mit dem Konter überbot: “Ich mit der Hose auch nicht.” (Was zum Glück keine Überleitung zu einem Softporno war – sowas ist der ARD dann doch zu unverschleiert.)
Richtig lustig wurde es aber erst als Jürgen Fliege zum Thema “Burka” das Wort ergriff und im unverwechselbaren Stil des TV-Therapeuten-Pfarrers das Kleidungsstück als kommunikative De-Integration deutete: “Ich verstehe, du willst nicht mit mir reden.” Genau. Bevor ich mich von Leuten wie Jürgen Fliege vollkommunizieren lassen muss, würde ich auch lieber eine Burka tragen. In einem Land, in dem tausende Spießbürger Google verbieten lassen wollen, Fotos ihrer Häuser ins Internet zu stellen, die ohnehin schon dort stehen und die darüberhinaus jedermann nach Lust und Laune ebenfalls aufnehmen und veröffentlichen könnte, fordert jemand allen Ernstes, dass man überall und jederzeit allen anderen durch textile Freizügigkeit seine “Gefühlslage” offenbaren soll. Super. Sonnenbrillenträger, Hand-vor-die-Augen-Halter, Pony-in-der-Stirn-Träger, Hut-, Kapuzen-, Helm- und Mützenliebhaber und Bei-Regen-Regenschirm-Haltende: Integriert euch gefälligst! Sonst seid ihr selber schuld, wenn ich euch nicht mag. Fliege: “Darüber müssen wir reden.” Aber nicht mit mir.
Nachdem schließlich auch noch Buchseitenvollschreiber Udo Ulfkotte – was ich für einen Künstlername halte, der zur Verschleierung seiner wahren kommunikativen Intention dient – seinen unsinnigen Unfug verbreitet hatte, sinnierte schließlich – um der anbrechenden Nacht den Rest zu geben – Peter Scholl-Latour noch über mögliche Gründe für ein Burka-Verbot. Was ihm einfiel: Da könnte sich ja auch ein Mann, oder schlimmer noch: ein Verbrecher drunter verstecken. Genau. Wenn ich ein Verbrecher wäre, ich würde mir garantiert eines der auffälligsten Kleidungsstücke dieses Landes aussuchen, um mich zu, ähm, “tarnen”. Zumal man Kriminelle ja ansonsten stets an ihrem Äußeren erkennen kann, gell?
Und wenn ich mich damit nicht kommunikativ ent-integrieren würde, hätte ich mir in dem Moment tatsächlich die Hand vor den Kopf geschlagen.
Langsamer Niedergang
15/09/2010
Basierend auf den Nielsen-Ratings, die freundliche Menschen in der Wikipedia übersichtlich notiert haben, habe ich mal aus Neugier den Quotenverlauf einiger US-Serien zusammen in ein Diagramm gepackt. Um die Daten vergleichbar zu machen, habe ich den jeweiligen “peek”, also den absoluten Spitzenwert einer Serie (bezogen auf den Mittelwert aller Episoden einer Staffel) als Wert ’100′ gesetzt und dann die restlichen Werte der jeweiligen Serie dazu (auf der Y-Achse) in Relation gesetzt.
Das Diagramm sagt also nichts über die absoluten Quoten aus, sondern stellt lediglich die relative Quotenentwicklung einiger Serien zusammen. Da die Werte auf der X-Achse keine kalendarische, sondern nur die fernsehspezifische Zeitlichkeit von “Staffeln” wiedergeben, sollte man beim Vergleichen der Serien untereinander jedoch vorsichtig sein.
Einige Einschränkung bezüglich der Nielsen-Ratings sollte man in Zeiten von DVR, P2P, Hulu, etc natürlich auch noch machen, aber das kann auch andernorts nachgelesen werden.

Ein netter Artikel von Kurt Kister auf sueddeutsche.de über die Gegenwart der Nostalgie ließ mich gerade augenblicklich an jene wundervolle Szene aus Mad Men (Staffel 1, Episode 13: “The Wheel”) denken, in der Don Draper sein Marketing-Konzept für Kodaks (mittlerweile eingestellte, aber für Liebhaber immer noch erhältliche) Diaprojektor-Reihe “Carousel” vorstellt und dabei eine subtile Reflexion auf die (auch in diesen Bildern permanent mit hegemonialer Männlichkeit assoziierten) Nostalgie-Ästhetik der Serie liefert, die sich vielleicht sogar zu einer Affekttheorie des Fernsehens ausweiten ließe: “It lets you travel the way a child travels. Around and around, and back home again.”
LOST and FOUND: Das ewige Klassentreffen
27/05/2010
Das war Mist.
Was als Finale der sich letztendlich in unerträglicher Art und Weise selbststilisierenden und selbsthistorisierenden Serie LOST aus Damon Lindelofs und Carlton Cuse’s Federn geflossen ist, war bestenfalls enttäuschend. Nonsinnig würde jedoch besser passen.
Gewiss: Nach der teils brachial aufs baldige Ende zustrebenden Erzählweise der letzten Staffel mit ihrer teils an Lächerlichkeit stoßender melodramatischer Mystik, die all den selbstironischen Witz, den vorsichtigen, tastenden Erzähl-Gestus und die Abruptheit der Überraschungseffekte vermissen ließ, welche die Serie in ihren besten Momenten auszeichneten, hatte wohl niemand mit einem befriedigenden Finale gerechnet, das den Anspruch einer “reasonable explanation” aller Ereignisse auf wie abseits der Insel und einer allegorischen Pointe erfüllen könnte. Doch wie weit die Serie am Ende noch die Minimalerwartung unterschritten hat, ist schon bemerkenswert. Da lässt Regisseur Jack Bender beispielsweise im Showdown zwischen Jack alias Jacob-sein-Nachfolger und dem ManInBlack alias Smokey alias Jacob-sein-toter-Bruder-der-aussieht-wie-der-ebenfalls-tote-John-Locke ersteren mit erhobener Faust von einer Klippe auf letzteren zuspringen als gelte es, eine Version von Matrix zu drehen, die noch peinlicher als das Original wäre. Ein Glück, dass die ungewollt parodistische Szene dank ungelenkem Drehbuch auch bald wieder vorbei ist. Dass natürlich Jack überlebt, scheint zunächst ungemein wichtig, wäre – retrospektiv betrachtet – (wie eigentlich so ziemlich alles) aber andernfalls auch egal gewesen.
Denn ob die Zerstörung der Insel, das Entkorken des Höllenportals und die Migration von Fake-Locke in den Rest der Welt in irgendeiner Form fatal gewesen wären, erfährt man schlicht und einfach nicht. Die Relation von Insel zu Rest-Welt bleibt vollkommen ungeklärt. Stattdessen inszeniert die Serie auf nur gelegentlich anrührende (Sawyer und Juliet), zumeist aber erbärmlich pathetische Weise, vor allem aber in kitschiger Redundanz den Flash-Sideways-Strang als quasi-himmlischen Ort kollektiv-mentaler Schaffungskraft, der letztlich alle Losties in einer Kirche zusammenführt, wo der nicht gerade subtil benannte und vor einem, die Symbole der Weltreligionen versammelnden, Kirchenfenster posierende Christian Shephard im Stile psychologischer Ratgeberliteratur vor sich hin brabbelt, dass dieser Flash-Sideways eine Art Nachleben darstellt, welches die Losties (freilich nicht alle, sondern nur die wichtigen – der Rest, inkl. Walt und Michael ist Gott-weiß-wo) IRGENDWIE geschaffen haben, “to move on”. Nach LOST kommt also logischerweise FOUND. Wie das so genau vonstatten gegangen sein soll, ist ja auch nicht so wichtig. (Merke: Der sicherste Weg, die Liebsten nach dem Tod wiederzusehen, besteht darin, eine Wasserstoffbombe über einer starken elektromagnetischen Quelle explodieren zu lassen.)
Lost endet also mit der Botschaft einer Akzeptanz der Sterblichkeit, die durch die Ewigkeit kollektiver Bewusstseinsorte aber gleichsam wieder zurückgenommen ist sowie mit einer überaus konventionellen Schlusssequenz, die den gesamten (naja: fast den gesamten) Cast versammelt. Spätestens wenn sich dann alle ganz doll lieb haben und herzen und ganz feste drücken und Christian erklärt, dass sie alle hier versammelt, weil – ungeachtet der Möglichkeit, dass einige außerhalb der Insel noch weitergelebt haben mögen – die Zeit auf der Insel, das Beste aus ihnen hervorgebracht habe, wartet man nur noch darauf, dass jetzt alle zu “I’ve had the time of my life” einstimmen, sich an alten Anekdoten ergötzen und schließlich aus Langeweile irgendwelche pubertären Saufspiele spielen. Denn der Quasi-Himmel von LOST ist nicht mehr als ein ewiges Klassentreffen, das gerade die Suspendierung und Konservierung jener unbarmherzigen Zeit herbeiführt, die sich auf der Insel noch zu einem wirren Knäuel aus Protentionen und Retentionen verschleift hatte.
Das war also Mist. (Man bemerke die subtile Anspielung auf den Beginn dieses Posts.)
Das einzig Positive an diesem Ende hat ein Kommentar von “Mr.$tuart” auf lostblog.net festgehalten:
“This ending does leave open a spin off for a Sawyer and Miles cop show.”
“Kanon des Verrückt-Seins”
22/04/2010
Serien: Das Ende des Abendlands?
“Denn eine unterhaltsame Serie handelt von Menschen, die mit ihrer eigenen Serialisierung, mit der Ersetzung des Subjekts durch die Struktur, nur höchst unvollkommen zurechtkommen”, schreibt Georg Seeßlen in der aktuellen Spex, die sich auf durchaus originelle Art und Weise des gegenwärtigen Serien-Booms annimmt. Während Seeßlen in seiner Lobpreisung der Avantgarde-Serie Twin Peaks (“ein umfassender Kanon des Verrückt-Seins”) dabei manchmal in philosophischen Ästhetizismus verfällt, der mir auch David Lynch nicht ganz gerecht zu werden scheint (“Jedenfalls schien mit ‘Twin Peaks’ für eine kurze Zeit die Utopie auf, mit der Repräsentation auch das christliche Abendland und sein Narrativ zu überwinden”), überzeugt vor allem das Drei-in-Eins-Interview mit Drehbuchautor Orkun Ertener, Produzentin Kathrin Bullemer und dem Serienjunkies.de-Redakteur Christian Junklewitz über die Probleme der deutschen Serienlandschaft. Wibke Wetzker und Gerhard Maier fassen auf engem Raum durchaus ansprechend die (nicht aller-)neuesten Entwicklungen auf dem Serienmarkt in den USA sowie dem Nahen Osten zusammen, wohingegen Barbara Schweizerhofs Text über Lost gerademal dem durchschnittlichen Niveau der sechsten Staffel der Kult-Serie entspricht.
Mad Woman
Geschrieben hat auch Mad Men-Darstellerin Christina Hendricks. Und zwar einen “Brief an Männer”, der davon zeugt, dass sich die Schauspielerin vielleicht ein wenig zu sehr mit ihrer Figur als Sekretärinnen-Ikone ‘Joan’ identifiziert. Denn Männer mag Hendricks anscheinend wirklich im Don Draper-Stil: Scotch trinkend. Immer hat sie es damit heute unter der Überschrift “Was Frauen von Männern wollen” auf die Titelseite der österreichischen Gratiszeitung “heute” geschafft, der nicht erst seit der Aschewolke der Intellekt ein wenig vernebelt wurde. Das Originalinterview findet sich übrigens im “Esquire“.
Was Bill wohl dazu sagen würde?
Da das neue und bislang nicht sonderlich überzeugende und für meinen Geschmack zu Jazz-lastige HBO-Drama “Treme” (das sich offenbar die berühmte Spike Lee-Doku “When the levees broke” über die Aus- und Nachwirkungen von Hurricane Katrina in New Orleans zum Vorbild genommen hat) nun auf dem Sendeplatz des grandiosen “How to make it in America”, dessen erste Staffel leider schon nach wenigen Episoden wieder vorbei war, läuft und die neuen Staffeln von “In Treatment” und “True Blood” noch auf sich warten lassen, muss man nun wohl schon ins Kino gehen, um Serienschauspieler zu Gesicht zu bekommen. Neben Emilie de Ravin (‘Claire’ in Lost), die bekanntermaßen derzeit an der Seite Robert Pattinsons in “Remember Me” zu sehen ist, darf sich nun auch Amanda Seyfried (als Polygamisten-Tochter ‘Sarah Hendrickson’ aus dem entzückenden Big Love bekannt) in der – nicht gerade mormonischen Moralvorstellungen entsprechenden – Rolle als Callgirl im Erotik-Thriller “Chloe” an der Seite von Julianne Moore und Liam Neeson ausprobieren. Wenn Bill das wüsste…
How to make it in America
24/02/2010
Kleine, halbstündige Einakter, der posturbane Charme der Tri-State-Area, die heterogenen Lebenslagen des milieuübergreifenden Prekariats (“guys from the neighborhood who haven’t left the neighborhood”, [New York Times]), gepaart mit der schön-verzweifelten Offenbarungs-Ästhetik von Facebook-Postings: Das ist “How to make it in America”, jüngstes Kind der HBO-Drama-Familie. Sofern man dies nach zwei Episoden behaupten darf : uneingeschränkt sehenswert!
Flights on Earth
10/12/2009
Als ich gestern die Pilotfolge von der als LOST-Nachfolger hochgemarkteten ABC-Serie FlashForward anschaute, musste ich bei der Information, dass während des 137 sekündigen Blackouts der Weltbevölkerung allein in den USA 877 Flugzeuge abgestürzt seien, doch etwas stutzen. Denn dank Autopilot schadet ein 2-Minuten-Nickerchen im Cockpit eigentlich keiner Maschine, die tatsächlich in der Luft ist. Bei Starts und Landungen sind geflashforwardete Piloten freilich schon ein kleines Problem. Es müssten jedoch schon reichlich viele Flieger in der Luft (respektive bei Start und Landung) sein, um eine solch enorme Anzahl an Abstürzen zu legitimieren.
Während WolframAlpha mir meine Frage nach der Anzahl der weltweit momentan in der Luft befindlichen Flugzeuge - in verschiedensten Variationen formuliert – nicht beantworten kann, liefert FlightAware zumindest ein Live-Tracking Ergebnis für die USA: Demzufolge sind derzeit (10.12.09, 7:20AM EST – also noch nicht mal zur Rush-Hour oder wie man das im Flugverkehr nennen mag) 2337 Flugzeuge im nordamerikanischen Luftraum unterwegs. Dass jetzt ein Drittel davon abstürzt, wenn die Piloten zwei Minuten lang ihren Facebook-Status checken, halte ich zwar für unwahrscheinlich, aber bei Bewusstlosigkeit könnten natürlich irgendwelche wichtigen Selbstzerstörungstasten und -knöpfe aus Versehen berührt werden. Also meinetwegen.
Geschrieben wurde dieser Post aber eigentlich aufgrund eines Simulations-Videos der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaft, auf welches ich bei der Recherche zufällig stieß und das für die Dauer eines Tages die Flugbewegungen auf der ganzen Welt visualisiert. Die Erde wird dabei zu einer Art Lavalampe, in der die großen Ballungszentren (USA, Europa, Süd-Ost-Asien) einerseits höchstverdichtete Räume permanenten, um sich kreisenden, nachts rasch, jedoch nur kurz versiegenden Selbst-Austauschs darstellen, andererseits aber fortdauernd kleine amorphe Schwärme empfangen und abstoßen, so dass der Weltinnenraum der Bewegung gewissermaßen einem beständig sich modulierenden Feld elektromagnetischer Kräfte gleicht. (Es wäre spannend diese Simulation mal mit einer Visualisierung der weltweiten Datenströme binnen 24 Stunden zu vergleichen.)
[Anmerkung: Jeder gelbe Lichtpunkt repräsentiert dabei ein Passagierflugzeug mit mindestens 100 Passagieren.]
Ich würde SPD wählen
08/09/2009
Nach dem ganzen Sozialdemokraten-Bashing der letzten Zeit mag dies etwas seltsam anmuten, aber es stimmt: Ich würde meine Stimme der SPD geben. Wenn das einzige Kriterium dafür die Qualität der Wahlwerbung wäre.
Das bedarf jedoch einer Differenzierung. Immerhin drei Kategorien von TV-Wahlwerbung ließen sich ad-hoc unterscheiden:
Da wären zum ersten die Weltenbeweger-Spots. In ihnen wird viel von Visionen, Ideen, Plänen, Arbeitsplätzen, Wachstum, Kraft, Mut und anderem Klimbim gesprochen, das man ohnehin nicht herbeireden kann. Dazu dann Postkartenbilder von Inseln, Dünen, Wiesen und allem was die Natur noch so an ausdrucksloser Landschaft hervorgebracht haben mag. Eine Ballonfahrt über das Emsland könnte nicht öder sein.
Steht das erste Genre dabei noch allen Parteien offen, so ist das zweite für Regierungsparteien reserviert – sie sind nämlich Staatsmänner-Spots. Da beugt sich dann zum Beispiel Joschka Fischer entspannt über die Stuhllehne und plaudert in Nähkästchen-Manier über sich, seine Partei und was ihm sonst noch ins Drehbuch geschrieben wurde. Dass ausgerechnet die Grünen einmal einen derart personalisierten Wahlkampf führen würden wie 2005 entbehrt dabei natürlich nicht einer gewissen Ironie, aber immerhin steht dem Zweitstimmen-Joschka die Pose des nachdenklichen Machers noch halbwegs gut. Für intime Einblicke in das Seelenleben von Menschen, die mir eigentlich recht egal sind, schaue ich dann aber doch lieber Germany’s Next Topmodel.
Bleibt noch die dritte Gattung der TV-Wahlspots. Sie versucht gar nicht erst, innerhalb von 60 Sekunden politische Programme zu visualisieren, sondern fungiert als Negativ-Werbung, als Versuch, einer politischen Affektivität ein Logo aufzupappen. Das mag von der Komplexität her relativ durchsichtig sein, hat zuweilen aber mehr (weil überhaupt) Witz als der gesamte Fun-Freitag bei Sat1.
1998: Die Zukunft hat begonnen
Ich weiß noch, dass wir am Wahlsonntag ’98 – meine Eltern waren gerade aus dem Wahllokal zurückgekehrt (ich durfte noch nicht…) – ausgerechnet Kohl zum Mittagessen vorgesetzt bekamen. Das grüne Gepampe auf meinem Teller war mir zwar schon je zuwider, dies eine Mal konnte ich aber eine Begründung für die Nahrungsverweigerung finden, die am Mittagstisch stillschweigende Akzeptanz fand: “Ab heute gibt’s keinen Kohl mehr!” Und genau auf diese Botschaft ließe sich wohl auch ein damaliger SPD-Spot bringen:
2005: 40 Kinosekunden
Der folgende Spot besteht eigentlich nur aus einem Standbild. Ein 40 Sekunden langes Standbild. Wer im vorhinein bereits weiß, dass es sich um einen Wahlspot handelt, dem ist allerdings der Spaß bereits halb verdorben. Ich habe ihn damals in einem Düsseldorfer Kino gesehen und muss gestehen: Diese 40 Sekunden haben sich so elendig lang angefühlt wie 40 Til Schweiger-Filme. Und selten habe ich in einem Saal voller Menschen ein so einhelliges Lachen vernommen wie bei der Auflösung des Spots:
2005: Die Merkel, die Merkel
Um den folgenden Spot zu verstehen, muss man zunächst diesen Clip der CDU sehen, dem man zugute halten muss, dass er eine adäquate Beschreibung dafür liefert, wie Merkel an die Macht gekommen ist: Sie ist ihr nämlich buchstäblich in die Hände gefallen:
Und hier dann die Reaktion der SPD:
2009: Steuersenkungen im Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter
In diesem Jahr nehmen sich die Wahlspots bislang – wie auch der gesamte Wettstreit um die Macht – recht bieder aus. Zwar hat die SPD eine Videoreihe (“Drei am Fenster”) gestartet, die mitunter schmunzeln lässt, zumeist aber nicht mehr als recht durchschaubare Gags liefert. (Haben sich das FunFreitags-Schreiber in die SPD-Zentrale eingeschlichen?) Und dass die Sozialdemokraten ihre iPhone-App “iSPD” genannt haben, ist zwar höchst amüsant, aber wohl kaum so intendiert. Lediglich die Anti-Westerwelle-Folge besitzt noch ein wenig Charme:
UPDATE 16.09.: Die 3sat-Kulturzeit blickt mit Klaus Kleber (ohne Gundula Gause), Jan Delay und anderen übrigens noch ein wenig weiter zurück in die Vergangenheit televisueller Wahlwerbung.
Unterm Wasser gebaut
27/05/2009
Ellen DeGeneres muss so etwas wie eine in New Orleans wiedergeborene Hamburgerin sein. Da ist diese latente Bitterkeit, die durch ihre Stimme weht wie der rauhe Wind am Alsterufer und ihr gerade soviel unterschwelligen Frust verleiht, dass man ihren Worten automatisch die Autorität zumisst, die jeder Klage eignet. Auch wenn sie witzig ist. Oder gerade dann, wenn sie witzig ist. Und das passiert so häufig wie es in Hamburg regnet.
Ich kannte Ellen DeGeneres eigentlich nur durch einen Gastauftritt in Six Feet Under, bei dem sie sich selbst als Talkmasterin mimt. Die Talkshow gibt es wirklich. Michelle und Barack Obama, Matthew Fox sowie Paris Hilton und unzählige andere wichtige und noch wichtigere Menschen empfängt sie dort. Der Besuch, der am meisten über sie aussagt, ist jedoch der von Heidi Klum Anfang des Jahres. Was man dazu wissen muss, ist dass sich Ellen DeGeneres 1997 als lesbisch geoutet hat. Ihre Sitcom wurde kurz danach eingestellt, erst drei Jahre später bekam sie wieder ein Angebot für eine neue Fernsehshow. (Es ist also kein Zufall, dass sich eine Internetseite, die sich mit dem Tun von lesbischen und bisexuellen Frauen in den Medien beschäftigt, AfterEllen.com nennt.)
Für Heidi Klum ist Homosexualität nun wahrscheinlich so etwas wie Haute Couture: Manche Menschen, die etwas schräg sind und extravagante Dinge tun, entwerfen so etwas. Warum, weiß man nicht so genau und ganz ernst gemeint kann es auch nicht sein. Aber zu besonderen Gelegenheit kann man darin mal über den Laufsteg stolzieren.
Heidi stapft also in ihrer Heidi-Art ins TV-Studio, lacht ihr Heidi-Lächeln, setzt sich Heidi-mäßig in den Sessel und guckt mir ihrem Heidi-Blick zielgerichtet in die Kamera. Was dann in ihrem Heidi-Hirn passiert, ist nicht so einfach zu beschreiben. Es dürfte aber wahrscheinlich eine jener aporetischen Handlungsweisen sein, die sie ihren Next-Topmodels immerfort zuwirft. In etwa: “Sei authentisch. Und schlüpf’ in viele Rollen.” Also versucht sie sich mit Ellen DeGeneres’ authentischer Homosexualität zu solidarisieren und bietet ihr statt der Wangen die puppenähnlich gespitzten Lippen zum Kuss. Lesbisch-Sein, das ist ja schließlich eine Rolle, in die man einfach mal so hineinhüpfen kann wie in ein Designerhöschen. Eine nette, kinderähnliche Spielerei, die mit ernsthafter, d.h. heterosexueller Sexualität schon mal gar nichts zu tun hat. Heidi versucht also, sich das Lesbisch-Sein ihres Gegenübers für ihre Heidi-Welt, die so komplex wie ein Puppenhaus funktioniert, anzueignen.
Was das Schöne ist: Auf ihre kühl-freundliche, redselig-barsche, also quasi-hanseatische Art verweigert ihr Ellen diesen Assimilationsakt. Sie lacht kurz ob des Angebots, bleibt aber seelenruhig im Sessel sitzen, hebt kurz mahnend den Finger und begründet ihre Abweisung mit dem ironischen Zitat eines sehr heterosexuellen Satzes: “It gives trouble for me at home, you know.” Anstandshalber lässt sie sich dann zwei Heidi-Schmatzer auf die Wange geben, das Heidi-Lächeln wirkt danach jedoch etwas eingefroren.
Weshalb ich diese Episode zitiere? Um zu zeigen, dass Ellen DeGeneres nicht einfach eine weibliche, amerikanische Variante von Beckmann oder Kerner darstellt. Sie ist nämlich nicht nur doppelt so intelligent wie ihre deutschen Pendants, sondern besitzt auch jene Integrität, von der die beiden genannten Betroffenheitsredner immerfort faseln, wenn sie schweren menschlichen Schicksalen unter Ausschluss der eigenen Hirntätigkeit lauschen.
Wer Ellen DeGeneres’ komödiantisches Talent in voller Pracht erleben möchte, dem sei daher ihre Rede vor Absolventen der Tulane University in New Orleans ans Herz gelegt. Greift sie doch dort nicht nur ihre eigene Lebens- und die jüngere Stadtgeschichte auf, sondern macht sich zugleich über den Rahmen dieses Auftritts, akademische Gepflogenheiten im allgemeinen, studentisches Leben im besonderen und das Genre der Erbauungsrede lustig, ohne jene sanfte Bitterkeit, jene harsche Eile in der Stimme preiszugeben, die so schwer zu bewahren sein muss wie eine Stadt unter dem Meeresspiegel vor den Fluten, ihr aber die Ahnung einer Aura verleiht.
Ein Tagverschönerungsvideo.